| Ein junger Mann in der DDR in den Siebziger Jahren. Sein Vater ist Funktionär, es geht ihm überdurchschnittlich gut, dass die Ehe der Eltern bröckelt, interessiert ihn kaum. Er verbringt die Tage im Haus der Künstlerfamilie seiner Freundin, die Mutter zieht Strippen von Ost nach West. Alle haben sich eingerichtet. Doch bald kommt dem jungen Mann die Liebe dazwischen, und Fragen stellen sich ihm, die ihn zu etwas ganz anderem werden lassen als einem hoffnungsvollen und begeisterten Kandidaten der Partei... Chaim Noll zeichnet in diesem erstmals 1989 erschienenen Roman ein schauriges Panorama der untergehenden DDR. Er erzählt von den Vergünstigungen der Parteifunktionäre, aber auch von ihren Ängsten, Beklemmungen und dem Willen, sich zu widersetzen. Von den Mechanismen, die Menschen zerstören, sie in Paranoia, in den Alkohol, ins Mittläufertum drängen – nicht nur in der DDR. |
Der Roman "Der goldene Löffel" von Chaim Noll erschien im September 1989 in Westdeutschland und prophezeite das baldige Ende der DDR. Der kleine Verbrecher Verlag aus Berlin hat ihn nun pünktlich zum Jubiläumsjahr 2009 wieder veröffentlicht. In den deutschen Feuilletons wartet man seit Jahren ungeduldig auf den "großen Wenderoman". Vielleicht aber erzählt uns dieser höchst spannende und mit Blick auf kleinste Nuancen geschriebene "kleine Wenderoman" schon das Meiste, was man wissen muss.
Ulrich Gutmair / fluter.de
"'Der Goldene Löffel' ist das Buch eines jungen Mannes", schreibt Chaim Noll in seinem aktuellen Nachwort. "Mein Gefühl, dass die Verhältnisse, die ich beschrieb, ihrem Ende zugingen, zeitigte eine Komprimiertheit des Stils, eine Geschwindigkeit im Duktus der Erzählung: atemlos aufeinander folgende Augenblicksaufnahmen, Dialoge, Reflexionen." Fast scheint es, als sei dies dem inzwischen in der Wüste Negev lebenden Autor mit der Zeit etwas fremd geworden. Der neugierige Leser jedoch hat eine veritable Trouvaille vor sich, einen rasanten Berlin-Roman nämlich, dessen zweifelhaftes Figuren-Ensemble alles andere als verstaubt wirkt. Im Gegenteil: Eher ist es so, dass das humane (jedoch nie selbstgerechte) Erschrecken des jungen Ich-Erzählers noch heute packt, noch immer erschüttert angesichts der menschlichen Schäbigkeit einer selbsternannten Avantgarde des Proletariats. Gleichzeitig gelingt Noll das Kunststück, den geistigen und atmosphärischen Mehltau, den er beschreibt, nicht etwa als redlich-dokumentarische Ödnis an den Leser weiter zu geben, sondern - sofern die etwas verrutschte Metapher hier erlaubt ist - selbst aus dem Grau des pseudo-elitären Ostberlins noch literarische Funken zu schlagen. Dachte man, es wäre bereits alles bekannt über die diversen Lebenswelten der verschwundenen DDR und alles ginge tatsächlich auf im Symbol verbogenen Alu-Bestecks? "Der goldene Löffel" jedenfalls erzählt von einer anderen, (mit der gewichtigen Ausnahme von Monika Marons "Stille Zeile sechs") kaum je thematisierten Welt - voller Cognacschwenker, Valuta, Westreisen und einem geschichtsphilosophisch immer löchriger zugekleisterten Abgrund von Niedertracht. Chaim Nolls 20 Jahre alter Niedergangs-, gleichzeitig jedoch auch vitaler Selbstbefreiungs-Roman verstört und fasziniert noch immer.
Marko Martin / Deutschlandradio Kultur |