| Von hohem historischem Interesse ist das neue Buch des Islandspezialisten Wolfgang Müller. Er wendet sich der "Neuen NortWelt" des Universalgelehrten Hieronymus Megiser zu, dem ersten größeren deutschen Druckwerk, in dem ausführlich über Island, Grönland und die Phantominsel Frißland berichtet wird. 1613 in Leipzig erschienen, enthält es Texte von Blefken, Arngrimur Jónsson und den Brüdern Zeni. Übertragen in originaler Orthographie, sachkundig eingeleitet und kommentiert von Wolfgang Müller. "Ich hab ein Isländer gesehen/der eine Hamburgische Tonnen voll Bier so leichtlich an den Mund hielt/und daraus tranck/als wann er nur ein Kannen hette in der Hand gehabt...Und sie leben also viel Jahr ohn Arzney und Arzt. Es erreichen ihre viel das 150. Jahr. Ich habe einen alten Mann gesehen/der sagte daß er damals schon 200. Jahr gelebet hette. Ja, Olaus Magnus schreibet im 20. Buch/die Isländer leben 300. Jahr." |
Dieses Werk fasst Islandbeschreibungen von Blefken, Arngrímur Jónsson und den Brüdern Zeno zusammen. Keine unbekannten oder neuen Texte also - Megiser hatte selbst keine Islanderfahrungen -, aber eine interessante Zusammenstellung, die nun von Müller in der originalen Satz- und Sprachform nachgedruckt wurde. Hier haben wir einen guten Querschnitt über den Wissenstand über Island in Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Daneben erfahren wir auch Einiges über Grönland und die Phantominsel Frißland, von deren Existenz die Geographen damals überzeugt waren.
Gert Kreuzer / Island - Zeitschrift der Deutsch-Isländischen Gesellschaft
Ein recht abenteuerliches Unterfangen in jedem Sinne sind die Island/Grönland-Aufzeichnungen des Universalgelehrten Hieronymus Megiser, die erstmalig im Jahre 1613 in Leipzig erschienen sind. Der detailreiche Bericht über Leben, Sitte und Gewohnheiten dieser Nordinselbewohner nimmt sagenhafte Proportionen an, inklusive einer Beschreibung der Phantominsel namens Frißland. Auch Kartenmaterial, Schiffswege und ausführliche Landschaftsbeobachtungen folgen den sehr persönlichen Eindrücken. Septentrio Novantiquus, Neue Nordwelt, wurde vom Islandexperten Wolfgang Müller mit Hilfe der Walther von Goethe Foundation Reykjavik zur Verbrecherverlagsausgabe im Original-Kupfer-Druck belassen. Abenteuerlich zu lesen: Wer der deutschen Frakturschrift noch mächtig ist, wird damit wohl gut zurechtkommen. In den Beschreibungen der Insel Island heißt es: "So die Isländer Wein oder Bier von den Unserigen kaufen oder ertauschen/ legen sie es nicht ein/ sondern sauffens gleich miteinander aus/ Unter dem Gesäuf singen sie ihre Heldentaten/und zwar nicht in einer gewissen Weis oder Meloden (Melodie)/auch nicht aus einem besonderen Lied/sondern singen/was ihnen ins Maul kömpt/ So darf auch keiner von wegen des Wassers abschlagens vom Tisch aufstehen/sondern es ist hierzu die Haustochter/oder sonst ein Mägdlin oder Weib bestellt/die stehet immerzu beim Tisch/und gibt Achtung/ob ihr jemand Windet/ So Ihren einer windet/helt sie ihm die Kachel mit ihren Händen unter den Tisch/so schreien dann die anderen unterdessen wie die Schweine/ dass man das Wasser nicht höret rauschen/So sie nun den Harn hat ausgeschüttet/steht sie wieder vor dem Tisch/ und beut ihr Ampt(beugt ihr Haupt) an dem/ der es begehret/und wird der für unhöflich gehalten/welcher diesen Brauch wollte schelten." Ein recht grotesker Brauch, fürwahr. Allerdings gab es um das Jahr 1613 auch noch Hexenverbrennungen in Europa, oft genug aus recht profanen Gründen, wie wir heute wissen. Elfen, Zwerge, Nebelhänge, dunkle Moore. Die Neue Nordwelt: Eine Zeitreise in eine Welt voller grotesker Sitten, Bewohner und schöner Landschaften.
Peter Kämmerer / Goon |