Die Fantômas-Romane von Pierre Souvestre und Marcel Allain haben, zusammen mit Louis Feuillades Cinéromanen der 1910er Jahre, eine kulturgeschichtliche Lawine losgetreten. Surrealisten, Expressionisten, Revolutionäre und Schwärmer gerieten in den Bann der Figur und seines weiblichen Pendants Irma Vep. Beide waren zugleich gefürchtet und geliebt. Das Phänomen Fantômas bedient die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Kern der Faszination ist die kindliche Allmachtsfantasie, die auch gesunde Erwachsene bei glücklich misslungener Sozialisation nie ganz loslässt. Thomas Brandlmeier untersucht die Wirkung dieses begeistert gefeierten Verbrechers.
Mit diesem Band startet die Filmliteratur-Reihe "Filit", die die
Stiftung Deutsche Kinemathek gemeinsam mit dem Verbrecher Verlag betreut. Herausgeber der Reihe sind Rolf Aurich und Wolfgang Jacobson.
Dieses Buch ist nominiert für den Willy-Haas-Preis 2007.
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Warum begeisterten die Meisterverbrecher wie Fantômas (und von ihm inspirierte Nachfolger wie Dr Mabuse) sowohl die Gemüter der Surrealisten - die gar eine "Vereinigung der Freunde des Fantomas" gründeten - als auch Generationen von Lesern und Zuschauern? In angenehm unprätentiöser, aber nie oberflächlicher Sprache findet Brandlmeier aufschlussreiche Antworten und beeindruckt mit umfassender Kenntnis der Populärkultur des 20. Jahrhunderts.
Michael Meyns/zitty
Thomas Brandlmeier begreift die Figur des Fantômas unmittelbar politisch, verwischt dabei aber nicht die grundlegende Ambivalenz, die den "Anarchoverbrecher" kennzeichnet: Der schwarze Mann ist einerseits der Verbrecher, der das selbstsüchtige Prinzip der Gesellschaft mit letzter Konsequenz verfolgt. Andererseits verkörpert er die Faszination, sich von bürgerlichen Zwängen zu befreien. Einen Stellvertreter, der in Tabuzonen vordringt und verborgene Wünsche ans Licht bringt: "Für viele Intellektuelle war Fantômas deshalb die Vorahnung einer Freiheit ohne Relativierung, ohne Sachzwänge, ohne Staat." Kommt noch hinzu, dass die subversiven Kräfte den Triumph über die Obrigkeit davontragen, und nicht umgekehrt. Was ist schon die Gründung einer Bank gegen den Einbruch in eine Bank? Züge entgleisen, Polizisten werden reihenweise niedergemäht, die Staatsmacht liegt am Boden. Der brave Inspektor Juve tritt in der Maske von Fantômas auf - und umgekehrt. Bürger und Bösewicht werden sich immer ähnlicher, was wiederum nicht anders als ein Sieg des anarchischen Prinzips verstanden werden kann. In seinem kenntnisreich geschriebenen Buch hat Brandlmeier die literarischen Motive genauso untersucht wir die filmische Darstellungsweise. Beides betrachtet er im Kontext des zeitgenössischen Surrealismus. Entstanden ist ein informatives, reich bebildertes Buch, das die breite Wirkungsgeschichte von Fantômas in vielen Facetten beleuchtet.
Frank Müller / literaturkritik.de
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