| In "My private BRD" finden sich dreizehn Geschichten um einen jungen Mann, der im München der siebziger und achtziger Jahre sich und seiner Familie zuschaut. Vater und Mutter sind zerstritten, der eine Bruder ist ein Aushängeschild des Tennisclubs, der andere neigt zur radikalen Linken, die Welt besteht aus COOP und Kellergeister trinkenden Nachbarn, sie besteht aus Omas, Tanten, BMW, Amerikanern und der Bundeswehr. |
Das Private ist politisch - Ambros Waibel gibt diese Binsenweisheit an die Achtundsechziger zurück und stellt die berechtigte Frage, warum die "Reformer nicht einfach in die modernen, bereits mit jeder Schalldurchlässigkeit ausgestatteten Häuser zogen, anstatt in Altbauten die Türen zu entfernen?" Solche allgemeineren Betrachtungen ergänzen die persönlichen Erinnerungen des Erzählers, der offenbar mehr oder weniger mit Ambros Waibel identisch ist. So wird aus "My private BRD" zuletzt ein längerer Essay über das langsame Verschwinden der alten Bundesrepublik, der seinen Schlusspunkt aus der bayerischen Perspektive konsequenterweise "88/89" findet: mit dem Fall der Mauer und dem Tod von Franz Josef Strauß. (...) Der Bedarf an sauberer, weiß gekachelter Nostalgie ist ohnehin gedeckt - auch wenn Ambros Waibel beziehungsweise sein erzählendes Alter Ego heute manchmal gedankenverloren in der Badewanne sitzt und an früher denkt. Er sieht dem Wasser dabei zu, wie es in einem Strudel den Abfluss hinunterrauscht, bis seine Freundin schließlich entnervt an die Tür klopft: "Ich drehe das Wasser auf kalt und stehe kurz darauf mit dem Einwegrasierer am Waschbecken an der offenen Tür. Dann höre ich mein Kind."
Kolja Mensing / TAZ
Ebenfalls im Verbrecher Verlag erschienen ist My private BRD von Ambros Waibel. Es knüpft einerseits an die Popliteratur an, ohne sich jedoch - andererseits - von ihr vereinnahmen zu lassen. Dem Früher-gab-es-so-tolle-lustige-skurille-Platten-Fernsehserien-Frisuren-Diskurs von Illies und Konsorten wird auf eine bemerkenswert unromantische Art und Weise geantwortet. Nein, früher war es auch nicht lustiger, sagen diese Erinnerungen und das ist zumindest ehrlicher als all die vom Werbefernsehen manipulierten Memoiren drittklassiger Autoren, die unfähig sind, sich eine vernünftige Story auszudenken und stattdessen einfach beliebige Produktnamen herunterrattern... Ach, was soll`s, sollen die Leute doch den Scheiß lesen, den sie lesen, was geht`s mich an. Aber: einen fairen Zug - sozusagen ein Zeichen guten Willens - fände ich es schon, wenn Sie, lieber Konsument, liebe Konsumentin, in die Buchhandlung gehen würden und dieses Buch dort erwerben würden.
Axel Klingenberg / subh
Ein sehr anschauliches und amüsantes Bild vom wahrscheinlich gar nicht so amüsanten Aufwachsen in den 70er und 80er Jahren in der bayrischen Landeshauptstadt. Wenig handelt es von den Dingen, die heute bei Jugendpublikationen hoch gehandelt werden, und das ist gut so. Es macht doch deutlich, wie unterschiedlich das Erwachsenwerden in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Umgebungen ist. Obwohl ich selbst fast zur selben Zeit, nur etwa zwanzig Kilometer weiter südlich aufwuchs, war der Wiedererkennungswert großenteils gleich Null - was jedoch die Lust am Lesen nicht im Mindestens verringert hat! Wer mehr über die Türen des Terrors, das Tantenmenetekel, des Autors Musterung und Tennisclubs, BMW-Arbeiter, Unterschichts- und Oberschichtskinder in München erfahren möchte, der liegt mit "My privat BRD" von Ambros Waibel völlig richtig, um kurzweilig gut unterhalten zu werden.
Anja Voss / Triggerfish.de
Eine Reise in die Vergangenheit, schaurig schön.
Katja Vaders / sportsfreundin.de |