Markus Binder schreibt kurze Betrachtungen, bietet Blitzlichter des Alltags, berichtet von einer Asienreise mit seiner Kultband Attwenger, findet Zitate, schaut einfach auf die Straße und präsentiert immer wieder einen Blick, den man nicht kannte. Dabei mischt sich Dialekt mit technisierter Sprache. "hätte heute vor 65 millionen jahren dieser meteorit die erde nicht getroffen, es gäbe menschen gar nicht, häuser, brücken, bikinis, und keinem würden wir fehlen oder habt ihr schon jemanden entdeckt, dem wir fehlen würden, raumsonden, ha, habt ihr."
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Der 36 Seiten lange Prolog, der komplett aus Fremd-Zitaten besteht, ist ein ungewöhnlicher Einstieg, der mit seiner inhaltlichen und Theorie-lastigen Bandbreite final vor allem jene überraschen dürfte, die Attwenger aufgrund ihrer Nähe zu einer wie auch immer gearteten Volkstümlichkeit immer noch für hinterwäldlerisch-naiv halten wollen. Von Cormac Mc Carthy über Karl Marx und Terry Eagleton bis zu Immanuel Wallerstein und Elfriede Jelinek ist bei den frei assoziativ vorwärts tastenden Zitaten alles dabei. Nur am Rande wundert man sich, dass neben revolutionär Gesinnten wie Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin auch Pop-Reaktionäre wie Michel Houellebecq und Bret Easton Ellis ein Plätzchen finden. Danach folgen Short Storys, Very Short Storys, Vorträge und skurrile Reiseberichte von internationalen Attwenger-Touren. In den Storys berichtet Binder von alltäglichen Begebenheiten, die meist ins Surreal-Groteske oder Weltanschauliche kippen und eher den Charakter von Kompositionen oder Haiku-artigen Gedankenfragmenten denn von Narrationen haben. In der Very Short Story "meinungen/würste" ist mit dem Satz "die meinungen hingen herunter wie würste" schon alles gesagt, aber es geht auch noch kürzer. "fort/sofort" besteht nur aus einem einzigen Satzzeichen: einem Punkt. (...) Die abgründige, philosophische Lakonik, die man an Attwenger immer so mochte, die wartet auf jeden Fall hinter jedem der vielen unerwarteten Winkel und Mauervorsprünge.
Sonja Eismann / Intro
Ausschweifungen, die sich in ihrer verknappten und prägnanten Sprache auf charmante Weise wiederholt als Widerhaken in des Lesers Wahrnehmung klammern. Markus Binder schrieb ein Buch, über das Ernst Happel gesagt hätte: "Das Ganze ist watscheneinfach, nur begreifen muss mans."
Wiener
Neben den literarischen Texten, die sprunghaft wechselnden Momentaufnahmen verpflichtet vor allem von Binders spezifischer Sprachstilistik leben, sind es nicht zuletzt die Erlebnisberichte von den Auslandskonzerten mit Attwenger, die für eine kurzweilige Lektüre sorgen: Immerhin erfahren wir hier nicht nur, dass ein Entertainer aus dem Tirolerischen in Cannes unter Alkoholeinfluss die neue Trendsportart "Taxi Surfen" erfand, dass in Malaysia die Todesstrafe auf Drogenmissbrauch steht, oder dass Attwenger im Sham-Alam-Stadion in Kuala Lumpur, das 50 000 Menschen Platz bietet, vor 200 Leuten gespielt haben. Sondern auch, einmal mehr und endgültig, dass es Markus Binder die Sprache angetan hat. Ob mit oder ohne Musik: Wir rezipieren sie gerne.
Andreas Rauschal / FM 5 |