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72 MB Audiodelikatessen an Volxkόche de Luxe
TafelMuzak Nº 096 von Leonhard Lorek Philipp Steglich Evgenij Dvorkin
 
Viele Köche verderben den Brei – besagt eine plebejische Weisheit – und der Köche sind es immerhin drei, beim TafelMuzak. Was das Volk – lat. plebs – angeht, ist dieses ohnehin Anlass für die aktuelle Kolumne und die Musik, die dieser Text begleitet. Doch zunächst einmal etwas zu dem die Kolumne einleitenden Sprichwort: Während der Arbeit an TafelMuzak Nº 96 war von vornherein klar, dass hier niemand jemandem ins Handwerk pfuschen will. Praktisch bedeutete das eine Arbeitsteilung unter folgenden Gesichtspunkten: Philipp Steglich ist der, der diesmal kocht, Leonhard Lorek koordiniert und Evgenij Dvorkin kommuniziert. Zwischendurch wird kompiliert. Ganz zum Schluss dann noch mal transkribiert. Für Letzteres zuständig: Michael Turnbull – ihm ist die Muzakübersetzung ins Englische zu verdanken.

Und nun zum Volk: Allerliebstes Volk, willkommen im Jahr 2010, im nunmehr zweiten, oder dritten, oder dreizehnten – je nachdem, wo man zu zählen anfängt – Krisenjahr. Wie auch immer: Die Zeiten werden schlimmer, darauf können sich alle verlassen. Hinzu kommt, dass während der letzten Tage des vergangenen Jahres in Kopenhagen alle, die was zu sagen haben, mehr oder weniger gesagt haben, dass die Polkappenschmelze zunächst einmal dazu da ist, sämtliche infolge der Finanzmarktkrise trockengelegten Swimmingpools in Zukunft wieder mit billigem Frischwasser zu versorgen. Und wenn der halbe Planet zum Swimmingpool wird, haben schließlich alle etwas davon. Vor allem die Flugenten! Nahezu die Hälfte eines jeden Jahrgangs ersäuft in der Jauchegrube, endet unter einem rollenden Trecker oder klappt zwischen den Hufen eines scheuenden Ochsen zusammen. Flugenten gelten darum als die dümmsten Vögel auf dem Bauernhof. Wir wiederum unterstellen, dass das eine bösartige Verleumdung ist. Denn womöglich hat das Verhalten dieser Vögel gar nichts mit Dummheit zu tun. Womöglich sind sie einfach nur überaus sensible und darum traurige Zeitgenossen, die ihrem bedeutungslosen Dasein von sich aus ein frühes Ende bereiten wollen – liebe Loser, sozusagen. In einem Swimmingpool der Dimensionen, wie er uns klimabedingt in Aussicht gestellt wird, würden selbst Flugenten ersaufen. Paradiesische Aussichten, für diese Vögel – die Suizidgymnastik bleibt ihnen dann erspart.

Ja und um die Banken braucht sich auch niemand mehr Sorgen mehr zu machen, wo doch Josef Ackermann für seine Deutsche Bank die Chance sieht, ab 2011 einen Jahresgewinn von zehn Milliarden Euro aus dem operativen Geschäft zu holen. Wer will da schon vom Elend reden. Wer?

Wir! Wir wollen. Wir reden davon.

In Zeiten bitterer Not rücken alle zusammen – so geht jedenfalls die Legende. Daher rührt anscheinend auch die Idee der Volksküche. Jedenfalls wurde sie aus einem solchem Anlass wohl irgendwann einmal erfunden. Späterhin haben die von den Autonomen dominierten urbanen Subkulturen den Terminus okkupiert, mit einem x versehen und das damit bezeichnete Prozedere ritualisiert: Die – laut Selbstdefinition – Guten kochten daraufhin für die – von den selbstdefinierten Guten zu ebensolchen erklärten und somit eingemeindeten – Guten. Für gewöhnlich kochten die Guten dabei schlecht, bis sehr schlecht. Da es jedoch die Guten waren, die kochten, saßen die Bekochten eng beieinander, löffelten es runter und hießen das Üble gut, weil: Um des Guten willen müssen die Guten hin und wieder auch lügen. Tapfer! Was folgte, war: Sektenbildung.

Wegen der wieder mal schlimmen Zeiten usw. wollen wir nunmehr den Versuch unternehmen, an diese Tradition anzuknüpfen. Nicht, weil wir Romantiker sind oder Sektierer, sondern weil wir gut sind. Allerdings beabsichtigen wir mit dem 96ten TafelMuzak die Volxküche zu revolutionieren. Dazu gehört auch, dass wir sie individualisieren. Oder zumindest die Individualisierung als Option offenhalten. Wer mag, isst halt alleine, zu zweit oder gar nicht. Und das beigefügte Rezept ist eine Empfehlung, kein Kommando - wäre uns auch zu viel des Guten.

In der Tradition, in die wir uns jetzt hineinbegeben, gibt es einiges zu beachten.

Zum einen ist da das Gutsein. Und das haben wir gepachtet. So viel zur Selbstdefinition.

Des Weiteren muss Volxküche für umsonst sein, oder zumindest billig. Auch daran wollen wir uns halten.

Und: Wir lassen der Volxküche sogar ihr albernes x. Wir sind ja keine Spielverderber.

So viel zur Tradition. Und nun: Auf zur Revolution! Als bekennende Hedonisten sind wir TafelMuzakker der Ansicht, dass nur diejenigen der Welt Gutes tun können, die zu genießen wissen. Weil: Die, die zu genießen wissen, wissen auch, wie übel eine ungenießbare Welt jedem mit Sinnen ausgestatteten Wesen zusetzen kann. Es reicht nun mal nicht, sich zu ernähren. Es reicht nicht, beisammen zu sitzen oder zu stehen, bei der Nahrungsaufnahme. Das! Reicht! Nicht! Das reicht grad mal, sich fürs Meckern zu stärken, fürs Steineschmeißen, sprich: fürs Abreagieren. Es reicht aber nicht, Neues zu entwerfen. Und es reicht erst recht nicht, die Kraft zu tanken, die man braucht, Erhaltenswertes mit der gebotenen Geschicklichkeit beschützen zu können oder gar zu verteidigen.

Also haben wir uns dran gemacht – weil wir nun mal mit Musik befasst sind, meinen wir damit umgehen zu können –, zunächst einmal etwas zur Atmosphäre beim Essen, Speisen, Dinieren beizutragen. Nachdem wir in 95 Kolumnen Musik reflektiert haben, schätzen wir uns glücklich, an dieser Stelle erstmals Musik zu servieren. Wir haben Künstler rund um den Erdball gebeten, uns für zwei Monate Musik zu überlassen, die geeignet ist, ein Essen zu begleiten. Die einzelnen Musikstücke haben wir dann, wie es auch mit Zutaten in einer guten Küche üblich ist, aufeinander abgestimmt und dabei ein Album entstehen lassen, von dem wir meinen, dass es knapp 50 Minuten allerfeinster Tafelmusik bereithält: 72 MB Audiodelikatessen an Volxküche de Luxe!

So weit, so gut.

Die Musik musste – wie gesagt: Die Volxküche will es so – für umsonst sein. Genauer: Es musste gute Musik für umsonst sein. Und so haben wir uns auf die Suche nach den Guten gemacht, die das Gute auch für umsonst rausrücken, für die Welt, liebes Volk.

Zu den wenigen Künstlern auf diesem Album, die bereits früher einmal im TafelMuzak vertreten waren, gehört Gustav Tutre.

Peter Christopherson wiederum gab Leonhard vor einem Jahr ein Interview. Als Evgenij ihn nach einem SoiSong-Konzert in Köln fragte, ob er etwas für diese Kompilation beisteuern würde, kam The Threshold HouseBoys Choir zur Sammlung hinzu.

Von Hans Appelqvist – TafelMuzak Nº 41, so lange ist es schon her und wir denken immer noch an ihn – gab es auf unsere Anfrage hin folgende Reaktion: … ihr könnt das stück haben. es gehört mir, und niemandem sonst. der einzige grundsatz, den ich habe, ist: wenn andere geld mit meiner musik machen, will ich meinen teil davon abhaben. es sieht aber nicht danach aus, als wäre das eure absicht.

Mendelsson wiederum waren, was die Musik angeht, noch niemals Thema für den TafelMuzak – unserer Befangenheit wegen. Lediglich als Mutterschiff, oder Heimbasis für die MySpace-Odyssee in TafelMuzak Nº 85 – in dem wir übrigens Gustav Tutre für uns entdeckt haben – stand die Mendelsson-Seite zur Verfügung. An dieser Geschichte hier ist die Kapelle jedoch gleich vierfach beteiligt: Norbert Grandl – der diesen Sampler dankenswerter Weise abgemischt hat – hat sich mit der lateinischen Version der Internationale auf 59 BPM, was genau der Hälfte des klassischen Acid-Tempos entspricht, quasi einen musikalischen Kindheitstraum erfüllt. Evgenij und Leonhard haben die 6 Aspirin in den Mix geschmissen. Und Michael Turnbull singt eine der beiden Stimmen auf Totius Orbis Laboratorum Hymnus. Im Übrigen übersetzt er diesen Beitrag hier nicht nur – seine Definition der Volxküche hat auch ihren Anteil am Zustand dieses Textes.

Und da soeben das Stichwort MySpace gefallen ist: Ähnlich wie dieser virtuellen Plattform, die grad dabei ist abzusaufen, wird es wohl auch dem Planeten ergehen, den wir bewohnen. Auf MySpace ist im Zeitraffer mitanzusehen, was Vernachlässigung zur Folge hat. Dummerweise lässt die anfassbare Wirklichkeit es nicht zu, sie ebenso unbeschadet zu verlassen, wie es die Virtualität für gewöhnlich erlaubt.

Dabei ging es in der Virtualität von MySpace zeitweise recht lebendig zu. Daher kennen wir immerhin Yourai, was uns ungemein freut, und ebenso Herrn K. aka Burning boat to Spica. Ihm hat Evgenij nunmehr eine sehr schicke Unterhose von Jettone Films zu verdanken – das Teil gibt's nur in limitierter Auflage, weil es eigens für einen Schauspieler im Film "Happy Together" des Regisseurs Wong Kar-Wai aus Hong Kong entworfen wurde. Tja: Evgenij war nun mal für die Kommunikation zuständig. Das zahlt sich aus. Seine Kommunikation mit Hardy Küster läuft oft nächtelang übers ICQ.

Das NBI_Orchester ist wiederum in Berlin zuhause, für uns also ansehbar, anhörbar und anfassbar und es hatte mit dem 77sten TafelMuzak den einzigen abbekommen, der ein Konzert annoncierte. Prompt fiel dieses Konzert aus.

Ebenfalls in Berlin zuhause: boy in a suitcase, der mit rue23 den Beitrag von Codex Alimentarius zur Verfügung gestellt hat. Gesehen haben wir einander noch nie in dieser Stadt. Vielleicht klappts ja bei der TafelMuzak-Lesung am 05. Januar.

Im Herbst vergangenen Jahres war Evgenij für ein Interview mit Fotografin Ruth Bayer für einen Tag nach London gereist. Am späten Abend landete er dort im Horse Hospital an, wo David Knight und Stephen Thrower eine UnicaZürn Release-Party gaben. Bunt war's! Mit zurück brachte er "Jack Sorrow", mit der Stimme von Danielle Dax.

Sein journalistisches Debüt gab er ein knappes Jahr zuvor mit einem Interview mit Othon. Evgenij war damals ziemlich aufgekratzt. Nun dürfen wir mit einem aufgekratzten Stück von Othon & Tomasini unsere Kollektion von Audiodelikatessen abschließen.

Und da wir nun mal die Guten sind, kennen wir auch Ceven Knowles, auf dessen Unbekanntes Sektorformat dieser Sampler bis zum 28. Februar stationiert bleibt, zum freien Download. Ein Toast auf die Volxküche! Der Link dorthin ist unterhalb dieses Textes in der Kategorie "Label" zu finden. Ceven selbst eröffnet in seiner Eigenschaft als nevec red mit "Cm7" nun auch das Album.

So viel zur Musik, in aller Kürze.

Nun kann es durchaus passieren, dass bei jemandem, der die Kompilation nicht mit iTunes öffnet, lediglich die Titel, aber nicht die Künstler angezeigt werden. Alles halb so schlimm: Die Datei enthält, neben der Musik, auch eine Liste mit den Namen der Künstler und den Links zu deren Web-Seiten in genau der Reihenfolge, in der sie auf dem Album vertreten sind. Für alle, die die klassische CD bevorzugen, ist auch eine Datei mit einem Cover dabei, weil: Die Tracks wurden in einer Auflösung hochgeladen, die eine Umwandlung in gewöhnliche Audiodateien ermöglicht.

Wer die Kompilation mit dem Last.fm Scrobbler hört, kann sich darüber hinaus den Spaß gönnen, die Stücke jeweils als "audio delicacies" zu taggen. Wir sind neugierig, wie lange es dauert, bis sich einige davon in einem gleichnamigen Tag-Radio wiederfinden.

Nun ist es ja so, dass der TafelMuzak als Web-Kolumne gut frequentiert wird. Nur wissen wir überhaupt nicht, von wem. Beispielsweise gibt’s da mit schöner Regelmäßigkeit Monat für Monat einen Zugriff von jemandem, der einen Server auf den Seychellen nutzt. Kurzum: Im Zusammenhang mit diesem TafelMuzak würde es uns besonders freuen, die eine oder andere Reaktion über info@tafelmuzak.de zu bekommen. Wir würden es genießen; vielleicht sogar bei Tisch, bei 72 MB Audiodelikatessen an Volxküche de Luxe.






Dienstag, 05. Januar 2010 > Monarch > Skalitzerstr. 134 > 10999 Berlin > U-Bahnhof Kottbusser Tor > Beginn: 20.30 Uhr > Anlässlich der ersten Verbrecherversammlung im neuen Jahr präsentiert der Verbrecher Verlag den TafelMuzak de Luxe, gelesen und erzählt von Leonhard Lorek, Philipp Steglich und Evgenij Dvorkin.
 
Kόnstler: 72 MB Audiodelikatessen an Volxkόche de Luxe
http://www.verbrecherverlag.de/verbrecherversammlungen
 
Album: TafelMuzak NΊ 96
 
Label: TafelMuzak
http://unbekanntessektorformat.com/tafel-muzak/
 
Vertrieb: Unbekanntes Sektorformat
 
Rezept
 
Zutaten
 
Auf Tee geräucherte Flugente

2 Flugentenbrüste
Tafelöl
Wok mit Gitter und Deckel (oder ein ähnliches Gefäß)
wahlweise ein kräftig brennendes Rechaud oder einen Campingbrenner
Aluminiumfolie

Rub:
1 EL Sichuan-Pfeffer
1 EL schwarzer Pfeffer
2 EL grobes Meersalz
1 TL Fünf-Gewürze-Pulver


Räuchern:
100g Reis
100g Zucker
50g Jasmintee in Blättern
getrocknete Orangenschale


Sauce:
4 EL Sesamöl
1 EL Cayennepfeffer (oder Chilibruch)
1 TL Sesamsaat
 
Zubereitung
 
Ein Rautenmuster in die Haut der Entenbrüste schneiden. Beide Pfeffersorten kurz in der Pfanne anrösten und mit Salz und Fünf-Gewürze-Pulver mörsern. Die Brüste damit einreiben und – am besten über Nacht – kühl ziehen lassen.

Einen Wok mit Alufolie auskleiden und Reis wie Zucker vermengt als unterste Schicht hinein geben. Darüber den Tee und die Orangeschale streuen.

Die Brüste auf das Gitter im Wok legen und den Wok mit einem Deckel gut verschließen.

Möglichst im Freien: Den Wok auf einer Herdplatte oder über einem Rechaud/Campingbrenner stark erhitzen, bis sich starker Rauch entwickelt. Die Hitze runterdrehen und die Brüste ca. 30 Minuten räuchern. Zur Halbzeit einmal wenden. Mit dem Räuchern über Tee lassen sich wesentlich harmonischere Geschmacksnuancen erzielen, als bei der Verwendung von Holzspan. Die Weiterverarbeitung nach dem Räuchern kann bis zu zwei Tage pausieren, wenn die Brüste kühl gestellt werden.

Die Sesamsaat wird in einer kleinen Pfanne vorsichtig angeröstet, der Cayennepfeffer untergehoben und das Sesamöl zugegeben.

Danach werden die Brüste – zuerst auf der Hautseite – in wenig Öl in der Pfanne angebraten. 8-10 min sollten reichen, dann unter Alufolie wenige Minuten ziehen lassen. Schräg entgegen der Faserrichtung und sehr fein aufschneiden. Auf vorgewärmten Tellern anrichten und mit dem Sesamöl garnieren. Bon chance!

Die Chinesen legen gern noch eine Garmethode drauf und dämpfen die Brüste vor – oder auch nach – dem Räuchern. Geschmacklich konnte ich keine Verbesserung feststellen, es macht aber viel mehr Arbeit – und Spaß. Man kann natürlich auch mit einer ganzen Ente, einzelnen Teilen oder gar Stubenküken ebenso verfahren.

Dazu Feldsalat mit Orangenfilets und schwarzen Basilikumblättern oder chinesische Frühlingszwiebel-Pfannkuchen reichen. Auch sehr schön: Kartoffelstroh!