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| Zunge in Madeira, mit Yourai. |
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| TafelMuzak Nº 098 von Leonhard Lorek | ||
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"Kind, iss!", ist ein in seiner Schlichtheit brauchbarer, weil von einem Kind sofort nachvollziehbarer, in seinem imperativen Gestus jedoch kontraproduktiver Satz, wenn es darum geht, ein Kind davon abzuhalten, mit einem Löffelchen im Obstsalat Statikübungen anzustellen. Dem Kind zu erklären, dass sich das Gleichgewicht von Kräften, die auf einen Löffel stabilisierend einwirken, im Mund effizienter herstellen lässt, als im Salat, ist ebenso wenig erfolgversprechend. Vor allem dann nicht, wenn das Kind partout seinen Mund nicht aufmachen will. Nur: Das Kind soll essen, sogar aufessen, alsbald. Geduld ist gefragt.Vorausgesetzt ein kurzer und vom Anlass her schlüssiger Dialog in dem das Kind nach der Musik fragt, die zur selben Zeit durch den Rechner gejagt wird würde an dieser Stelle in die Kolumne eingeschoben, könnte von nun an auch Yourais "Koveral" Album abgeschmeckt werden, im Text. "Und wie macht er die Musik?", fragt das Kind. "Mit dem Mund. Allein mit dem Mund macht Yourai das, alles." "Wie kann der das, mit dem Mund? Nur mit dem Mund?" "Oh, er hat lange geübt. Beim Essen. Und beim Kauen, Schlucken." "Spucken?" "Nein Spatz: 'Schlucken' hab ich gesagt. Wenn jemand Musik nur mit dem Mund macht, heißt das übrigens a cappella. 'A cappella' bedeutet jetzt aber nicht 'nach Art der Kapelle.' Sieh dich mal um: Wir sind hier nicht in einer Sakristei, du bist kein katholischer Messdiener und ich bin kein Vikar. Insofern ist Schlucken heute und hier etwas völlig Harmloses. 'Manchmal ist eine Zigarre eben nur eine Zigarre', sagt Sigmund Freud. Und das da, in deinem Schüsselchen, ist nichts weiter, als ein Obstsalat. Zugegeben: Ein leckerer Obstsalat, ein sehr leckerer. Mit etwas Madeira drin." Aus einem so verstiegenen Anfang heraus ließe sich durchaus ein feiner Text entwickeln. Bis zum abendlichen Zähneputzen hin wäre die Motivation, das Kind zum Mundaufmachen zu bewegen, mit Yourais Album zu bewerkstelligen. Nebenbei hätte noch der Hirtenbrief von Benedikt XVI an die irischen Katholiken abgehandelt werden können, die skandalöse Praxis, quengelnde Schutzbefohlene mit Alkohol müde resp. gefügig zu machen, wäre ebenfalls thematisiert worden und zu guter Letzt hätte die Kolumne mittels derart hinterhältiger Anspielungen auch aus der Beschaulichkeit geschleust werden können. Amen. Aber aus opulentem Material einen guten Text zu basteln, kostet Zeit. Und Geduld. Und bei der Geduld hört der Spaß auf, für mich. Nach knapp neun Jahren in Serie und 70 Kolumnen fehlt es mir mittlerweile an Geduld. Insofern ist es für mich an der Zeit, das Metier zu wechseln. Dieser TafelMuzak ist mein letzter. Schön an diesem Moment ist, dass ich es im Finale mit einem auffällig eigenen und vor allem sehr gelungenen Album zu tun habe. "Koveral" von Yourai passt auch noch aus einem weiteren Grund zum Moment: Die Idee, eine Rezensionskolumne am Essen festzumachen, hatte einst handfeste Ursachen. In einer Zeit, da sich jede und jeder sofort und unmittelbar über neu erscheinende Musik im Netz informieren kann, diese einfach hören kann, statt über die vage Kompetenz resp. Deutungshoheit von Musikrezensenten an diese herangeführt zu werden, kommt Autoren auch die Motivation abhanden, Rezensionen zu schreiben. Übrig bleibt für gewöhnlich neben einem Honorar zum einen das Vergnügen am Schreiben selbst und zum anderen der Spaß des Publikums am Lesen. Sinnliches mit Sinnlichem zu übersetzen, war immerhin reizvoll genug, eine Kolumne, die Essen und Musik ins Verhältnis setzt, ins Leben zu rufen lange bevor in jedem x-beliebigen Fernsehkanal Koch-Shows die Lücken im Programm füllten. Nun ist Essen oder Trinken ja kein ausschließlich orales Vergnügen. Egal. Yourais Oralakrobatik kommt mir als Anlass für meinen regulär letzten TafelMuzak sehr entgegen; von Fügung will ich an dieser Stelle nicht reden. Dem Album wäre ohne dabei zu langweilen auch mit einer üblichen Rezension beizukommen. Und darum folgt weil es mir mittlerweile halt an Geduld mangelt, an dieser Stelle Geschichten ins Lesevergnügen hinein zu entwickeln eine Portion klassischer Rezension: Yourai aka Juraj Hubinák aus Bratislava, gibt nicht die slowakische Reinkarnation der Comedian Harmonists in Personalunion. Nein! Schließlich sind wir im 21ten Jahrhundert. Und der Mann ist verdammt eigen. Hinzu kommt was die Eigenheit angeht , dass es sich bei "Koveral" meines Wissens nach, seit Stina Nordenstam's "People Are Strange", erstmals wieder um ein Album handelt, das das Versprechen "Cover" wirklich einlöst. Rockmusiker bringen es fertig, ein Stück schneller oder langsamer, lauter oder leiser wiederzugeben. Bestenfalls war's das dann schon. Yourai aber ist kein Rock'n'Roller. Aus Fremdmaterial etwas völlig Eigenes zu machen, haben schon Leute vor ihm fertig gebracht, bei Einzelstücken. In Album-Länge fallen mir da jedoch weitaus weniger Künstler ein, die so etwas durchhalten. Zuletzt war es wie gesagt Stina Nordenstam, 1998. Frau Nordenstam beförderte Klassiker von Leonard Cohen, Prince und anderen Pop-Größen ins Amorphe, machte sich diese rau und zerbrochen zueigen. Yourai geht völlig anders vor. Zum einen sind es keine Klassiker, mit denen er arbeitet. Zumindest sind sie es noch nicht. Selbst Stücke von Björk oder Portishead ¬ deren "We Carry On" er auf eine diffizile Art den Swing verpasst sind noch zu jung, um als Klassiker durchzugehen. Zum anderen sind es Stücke recht mittelmäßiger Leute, die in seiner Fassung das Potential bekommen, Klassiker zu sein, werden zu können, wäre da nicht der armselige Zustand des Netzes, innerhalb dessen sich bis heute keine relevanten Strukturen entwickelt haben, solchen Stoff weltweit in all die Nischen zu transportieren, die dafür empfänglich sind, dankbar wären. Kurzum: Yourai verschenkt sein Album. Er verkauft es nicht. Der Link zum freien Download ist auf dieser Seite unten, in der Rubrik "Label", vermerkt. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die Alben von Stina Nordenstam und Yourai aber auch etwas Gemeinsames: Beide sind porös, atmend, störrisch und dabei auf eine überraschend schüchterne Art betörend. Respekt! Übrigens: Wegen der Coverversionen hätte das Kind in diesem Muzak auch noch seinen Spaß am Obstsalat gehabt, wenn es mit geschlossenen Augen Löffel für Löffel hätte raten dürfen, woraus dieser besteht und was seine einzelnen Bestandteile zuvor waren, im Stück. "Ein Stückchen Erdbeere und ein Stückchen Birne?" "Ja genau. Aber Erdbeeren magst du doch nicht." "Hm, aber so schmeckt's." "So in etwa macht's Yourai auch, mit seiner Musik. Komm, ich zeig dir auf YouTube jetzt mal Marissa Nadler, wie sie 'Fifty Five Falls' singt." Das Kind hätte beim Nadler-Video die Nase gerümpft. "Ja, ja, Recht hast du. Irgendwie Joan Baez für Arme. Willst du dir jetzt noch den Hanswurst Patrick Wolf angucken?" Nein. Das Kind hätte den Kopf geschüttelt. Und es hätte die Augen geschlossen. "Gut, dann hören wir uns jetzt 'Railway House' noch einmal in der Fassung von Yourai an." Mit geschlossenen Augen und mit dem Löffel im Mund hätte das Kind daraufhin zustimmend genickt. Stopp! Mir fehlt's an Geduld, mittlerweile, wie ich bereits anmerkte. Für umsonst zu arbeiten, sollte in einer zerwirtschafteten Gesellschaft nur unter zwei Aspekten erlaubt sein: Entweder die Arbeit macht Spaß, viel Spaß, oder man arbeitet für Freunde. Was Yourai angeht, ist zumindest sicher, dass ihm die Arbeit Spaß macht. "Koveral" ist das durchweg anzumerken! Was mich angeht, so wünsche ich Philipp und Evgenij, dass sie möglichst bald jemanden finden, den sie an meiner statt mit an Bord holen können, wollen. Meine Herren: Es hat mir verdammt viel Spaß gemacht, mit Euch zu arbeiten. Und es würde mich freuen, wenn Ihr mir alle Jahre wieder mal den einen oder anderen GastMuzak gönnen würdet nur für den Fall, dass ich sentimental werden sollte. Oder wenn ich ein Album in die Finger kriege, das mich dazu veranlasst, für umsonst zu arbeiten. So viel zum Thema "Das letzte Mal." Apropos umsonst: Michael Turnbull hat diese Kolumne honorarfrei ins Englische übersetzt. Michael, vielen Dank! |
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| Kόnstler: Yourai http://www.myspace.com/yourai |
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| Album: Koveral | ||
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| Label: Freier Download. Alle irritierenden Aufforderungen auf Sendspace ignorieren und nur den orangenen Downloadbutton benutzen: http://www.sendspace.com/file/h8umh5 |
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| Vertrieb: Online | ||
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| Rezept | ||
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| Zutaten | ||
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| Obstsalat, kinderleicht. Frisches Obst, wobei sich die Konsistenz der verschiedenen Früchte voneinander unterscheiden sollte. Eine kleine Dose Mandarinen, Ananas, Feigen oder Mango. Madeira |
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| Zubereitung | ||
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| Zunächst einmal: In einen Obstsalat für Kinder gehört selbstverständlich kein Madeira hinein. Das Obst entkernen, schälen, klein schneiden, eine Portion Mandarinen, Ananas, Feigen oder Mango aus der Dose dazu tun. Alles vorsichtig miteinander vermengen. Früchte wie beispielsweise Himbeeren oder Walderdbeeren sind sehr empfindlich. Solche werden erst zum Schluss über den Salat gestreut. Und wenn die Kinder im Bett sind: Ein bisschen Madeira drauf; träufeln. |
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