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Mutter, der Mann mit dem Obst ist da
TafelMuzak Nº 102 von Philipp Steglich
 
Wir sitzen in der Küche. Strahlen fallen ein, es ist hell, ja lichtdurchflutet: Sommer in der Stadt. Vor ihr liegt ein hölzernes Brett und eine ausgebreitete Tageszeitung für die Gemüseschalen. Ihr alter Trick, der Bauernschläue verrät, nicht noch hernach den Tisch wischen zu müssen.

Und doch sehe ich mit Sorge, wie sie die Orangen in den feinen, blassrosanen Händen wiegt, wohl feststellend, dass sie prall&drall – reif sind, auch voll vom Geruche her. Um mit einer scharfen Klinge (Zubereitungsmesser) sie großzügigst zu schälen, während der Fruchtsaft über ihre Knöchel rinnt.

„Entweder frisch gepresst – oder Valensina“, wir kommen beide aus den Achtzigern, das wird sie ja noch kennen, doch es wird sofort gewiss, denn Johanna antwortet stante pede: „Tötet Onkel Dittmeyer. – Obwohl tot isser ja jetzt schon. Wieder einen Imperativ weniger zu beherzigen.“ Und mit einem leisen Bedauern zucken ihre Mundwinkel, links&rechts. „Ich habe nie den Unterschied zwischen A-Apfelsinen und B-Orangen verstanden.“

„Da gibt es auch keinen, das ist rein sprachlicher Natur, wir in Bayern machen aber noch was schlimmeres und sprechen von 'Orahschn'. Obwohl das doch eher an Gülle, als an Obst erinnert. Aber sag mal, was hören wir denn da? Das ist doch kein verzweifelter Sommerhit?“

„Nee, das ist 'Mutter'. Und denk da mal nicht an Familie, elterliche Abstimmung; denk mal lieber an den Bordcomputer 'Mother' der Nostromo in 'Alien'. Da hastu dein Bedrohungsszenario, deinen Achtziger-Jahre-Referenzraum aus Atomtod und Untergang. – Aber das ist ja auch sone Sache: wenn sie in ihrem Liebeslied, als eine Art Refrain und vielleicht auch als Hommage an 'Je t'aime' stöhnen: „Eins, eins, eins.“ Also, ich hör da immer nur „Heinz, Heinz, ach Heinz!“ seufzen.

Und ich wundere mich über Johanna, die eine Abstraktionsleistung so herunterbricht. Aber bon, das hat auch Charme. Könnte eigentlich von mir sein. Ach Heinz. Aber was mich noch mehr verwundert, ist die Wahl dieser Musik, die ja doch wirklich ein hinreichendes Argument für eine sehr schöne, ausgeglichene Herbstdepression ist. Schmieriges Laub am Straßenrand, Frösteln in frisch aufgeschlagenen Daunenbetten, Kautschukduft pastellfarbener Wärmflaschen, an denen man sich dann doch verbrennt. Das Mitte August! – Alles zu seiner Zeit.

Aber als hätte sie meine Gedanken erraten, weitet Johanna die Hände und beginnt flüsternd zu zitieren: „„Das schönste im Leben ist der Verlust“ und das reimen sie dann in einem leisen Gitarrengewitter. Und summen zustimmend „Mhm, mhm, mhm.““ Und sie nickt begleitend mit ihrem Kopf, dass sich Falten auf ihrer weißen Bluse bilden.

„Weiß Gott nicht“, erwidere ich – aber was weiß schon Gott. „Doch geht alles immer um die Balance. Das Geschmorene ist fertig, dein Salat auch durchgezogen. Wir gehen jetzt aufs Dach. Da können wir heruntergucken, auch: herunterfallen. Aber wir sehn auch bis zum Horizont. (Also entweder Gropiusstadt oder Marzahn; ok, ich weiß.) Möge uns der Himmel einmal auf den Kopf fallen! Der Himmel, nicht die Kellerdecke.“
 
Künstler: Mutter
http://www.muttermusik.de/
 
Album: Trinken Singen Schießen
 
Label: Die eigene Gesellschaft 005
http://www.muttermusik.de/
 
Vertrieb: Muttermusik
 
Rezept
 
Zutaten
 
3 reife Orangen
1 Handvoll gute, aromatische schwarze Oliven
1 EL gehackte Petersilie
3 EL Olivenöl
½ TL Chilibruch
½ TL Zucker
grob gemahlener schwarzer Pfeffer
Salz
nach Belieben weitere Zutaten und Garnituren: Lauch in feinen Ringen, gezupfte Minz- oder Korianderblättchen, gehackter Schnittlauch oder Fenchelgrün
 
Zubereitung
 
Weil Balance im Leben alles ist, gibts nach der Muttermusik einen sizilianischen Orangensalat, der schwerer verdauliche – wie lang geschmorte – Gerichte (Lamm, Kaninchen, et. al.) hervorragend begleiten kann.

Die Orangen mit einem scharfen Messer nicht nur schälen, sondern auch von ihrer weißen Haut befreien. Den weißen Strunk inmitten der Früchte entfernen. Nach Belieben in Stücke oder feinere Scheiben schneiden und in eine Salatschüssel geben. Gegebenenfalls etwas Saft abgießen, dann das Öl unterrühren. Die restlichen Zutaten unterheben, kurz ziehen lassen, garnieren und servieren. Ein Fest von Farbe und Frische.