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Pfefferkuchenmusik mit Contriva.
TafelMuzak Nº 063 von Leonhard Lorek
 
Berlin. Prenzlauer Berg. Kollwitzplatz. Wenn Anita aus ihrem Küchenfenster nach unten schaute, sah sie Menschen auf den Kopf, die vor Kneipen an Tischen saßen und schwatzten. Anfangs, als sie frisch eingezogen war, hatte sie das gestört. Sie hatte oft versucht, mit lauter Musik dagegen zu halten. Inzwischen jedoch war ihre Küche während der Open-Air-Saison eine musikfreie Zone.

Der Anlass hierfür hatte sich an einem Frühlingsabend ergeben, als sie, vom spitzen Tonfall zweier Amerikanerinnen fasziniert, dem Gebrabbel nicht wie üblich mit Musik begegnete, sondern am offenen Fenster sitzen blieb. Anita lauschte amüsiert; bigotter als zwischen diesen Frauen konnte es selbst in der Wisteria Lane der Desperate Housewives nicht zugehen. Die Zwei bestärkten einander aufgeregt darin, dass eine Harry Potter-Lektüre für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder eindeutig von Nachteil wäre. Allein schon des ungezügelten Alkoholkonsums wegen, den Joanne Rowling propagiere. Prof. Dumbeldore besispielsweise, der Schulrektor, trank auffällig gern einen guten Schluck, und das auch im Beisein Schutzbefohlener. Prof. Trelawney bunkerte ihren Vorrat an Koch-Sherry sogar im Raum der Wünsche. Und Prof. Slughorn besoff sich mit Harry Potter in Hagrids Hütte. Der Potter-Junge war in ihren Augen von vornherein ein übler Geselle, da er mit seinen Kumpanen im Wilden Eber bereits als Kind flaschenweise Butterbier kippte. Die Zensorinnen kannten sich gut aus in Hogwards und Hogsmade wussten genau, was in der magischen Welt faul war und darum keinesfalls in die ihrer eigenen Sprösslinge gehörte.

Den Laptop auf dem Küchentisch, legte Anita es seither darauf an, ähnlich unterhaltsame Gespräche festzuhalten. Den Sommer über hatte sie es auf eine sehr schöne Sammlung skurriler Texte gebracht. Im November jedoch schwatzte niemand mehr vor den Kneipen. Also hörte sie wieder Musik in der Küche. Diesmal: Contriva.

Contriva darum, weil unten hin und wieder auch über Musik geredet wurde. Irgend jemand bezeichnete Contrivas neues Album als Pfefferkuchenmusik. Das hatte sie sich gemerkt. Und als sie am Mittag die Zutatenliste für den Einkauf zusammenstellt hatte, weil es an der Zeit war Pfefferkuchen zu backen, schrieb sie zum Schluss „Contriva, Separate Chambers‘“ drauf.

Nun also stand sie vor dem Herd, verrührte ein Pfund Zucker mit einem Pfund Honig in einem Topf auf der Flamme, und hörte Contriva.

Zuguterletzt hatten die Potter-Spezialistinnen damals darüber spekuliert, dass Horace Slughorn, als Genussmensch, womöglich homosexuell sei, und das ginge doch wohl gar nicht, so als Vertreter des Lehrkörpers. Die Schwulen jedoch hatten im Sommer 2006 etwas ganz anderes zum Thema: Während der Weltmeisterschaft hechelten sie die Namensliste des gesamten Nationalkaders durch, wer da wohl von den Fußballern eventuell, unter Umständen usw. mit von der Parte wäre. Es ging unterhaltsam zu, unterm Küchenfenster.

Zu Contrivas swingender Nonchalance glitt Anita leichtfüßig über das Küchenparkett und knetete 1 Kilo Mehl, 250 g gehackte Mandeln, 100 g Zitronat, 20 g gemahlenen Kardamon, 20 g gemahlene Nelken und 15 g Macisblüte in die warme Honig-Zuckermasse, wobei der Teig einen Zustand annahm, der ziemlich übel war: Das Zeug klebte und krümelte gleichzeitig. Fingerkuppen quietschten über Gitarrenseiten; Contriva mischten Analoges unter‘s Digitale, während Anita 10 g Hirschhornsalz und 10 g Pottasche in ihren Teig tat und 2 Eier sowie einen Esslöffel Schweineschmalz drunterknetete.

Die Teigmenge reichte für 2 Bleche. Das Contriva Album brachte es auf 48 Minuten.

Das letzte Gespräch, das sie in ihren Laptop getippt hatte, hatten angehende Politologen geführt. Zumindest vermutete sie, dass die Jungs Politologie studierten. Sie diskutierten auf eine sehr unterhaltsame Art das Potential eines sich womöglich entwickelnden Euro-Islams und bestellten Runde um Runde Bionade mit Wodka um dann letztendlich all ihre Erörterungen, mit dem Verweis auf das Scheitern des Euro-Kommunismus in den 80ern, für Unfug zu erklären. Anita amüsierte sich köstlich.

Den Teig auf die eingefetteten Bleche zu bringen, bedeutete eine Mordsarbeit. Insofern taten Contriva, die näher am Popsong angesiedelt waren, als an konzeptioneller Arbeit ihr im Moment sehr gut. Die Bleche mussten nacheinander jeweils 15 Minuten im vorgeheizten Herd bei 200 Grad gebacken werden. Nacheinander darum, weil der Pfefferkuchen im warmen Zustand zerschnitten werden musste, in Rhombenform. Zum Schluss kam noch Glasur über den warmen, zerschnittenen Pfeffekuchen. 250 g Puderzucker pro Blech. Mit wenig Wasser zu einer dickflüssigen Masse verrührt würde das eine Blech weiß und das andere, durch Zusatz von 125 g Kakao, schwarz gepinselt werden.

Als sich der Duft aus der Backröhre in die Küche legte, stellte Anita mit Genugtuung fest, dass Contriva wirklich gut zu Pfefferkuchen passten. Und im Advent, sie hatte erstmalig vor, vor Freunden etwas aus ihren Fensterlauschmitschriften zum Besten zu geben, würde sie dieses Gebäck dazu reichen. Und Contriva auflegen.
 
Künstler: Contriva
www.myspace.com/contriva
 
Album: Separate Chambers
 
Label: Morr Music
www.morrmusik.com
 
Vertrieb: Indigo/Hausmusik