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Yatsuhashi mit Tujiko Noriko in der Kantine vom Jobcenter.
TafelMuzak Nº 067 von Leonhard Lorek
 
Die Frau Kliman hatte gepatzt, zum Termin, und Sandra machte Pause, unterm Dach. Seit sie im Jobcenter war, saß sie in den Pausen immer unterm Dach, in der Kantine, am liebsten allein. Sie genoss den Ausblick auf die Schienen, die Autobahn, das Gewerbegebiet, auf den Rand der Stadt, der für manche der Rand der Welt war. Sie hatte einen grünen Tee aufgebrüht und die Yatsuhashi-Schachtel mit nach oben genommen. Die Musik von Tujiko Noriko kannte sie schon; während der letzten Tage hatte sie diese oft gehört, zuletzt am Morgen, in der U-Bahn. Ein Mitbringsel aus Kyoto; ein Souvenir, ebenso wie die Yatsuhashi. Beides verdankte sie ihrem Bruder. „Musst du Tee trinken dazu, und die Musik hören!“ hatte er auf die Schachtel gekritzelt.

Frau Noriko war auf eine seltsam wirre Art melancholisch. Draußen kreisten Möwen über dem Gewerbegelände. Tauben in tieffliegenden Schwärmen wichen auf der Autobahn Fahrzeugen aus. Die Möwen flogen weiter oben, sie brauchten nicht auszuweichen.

Sandra löste das Cellophan von der Packung. Ihr Bruder hatte ihr gesagt, dass der Teig aus Puderreis wäre, gefüllt mit aromatischer Paste aus roten Bohnen. Sandra war skeptisch. Sie nippte am Tee. Dreieckige weiche Dinger lagen in der Schachtel, die sich anfühlten, als wären es kleingefaltete Palatschinken. Rohe Yatsuhashi. Sie nippte nochmals am Tee. Und dann biss sie die Hälfte von so einem kleinen Dreieck ab. Sie ließ das Zeug in den Mund gleiten, behutsam, in etwa so wie früher die Hostien beim Abendmahl, damals, als sie mit ihrer Großmutter noch zur Kirche musste. Nur hatte sie auf die Hostien nie draufgebissen. Ihre Oma hatte ihr eingeschärft, dass man dem Herrn Jesus nicht wehtun dürfe.

Langsam, aber fest, und noch fester, drückte Sandra die Süßigkeit aus Kyoto mit der Zunge gegen den Gaumen, bis sie zu ihrer Überraschung etwas verspürte, das Hostien beim Anpressen an den Gaumen nie in ihr ausgelöst hatten: Es war Wohlgefühl. Ein wirkliches Wohlgefühl. Yatsuhashi schmeckten wie Weihnachten und Frühjahr zugleich. Das hatte sich ihr Bruder fein zurechtgelegt: Diese Dinger wirkten im Mund so, als würde sie die Musik von Tujio Noriko essen, auf TripHop in der Schwerelosigkeit beißen. Ganz leicht, orientierungslos. Taumelnd. Sandra war begeistert. Davon hätte sie gern Frau Kliman etwas abgegeben, der übergewichtigen, wirren, mit ihren zwei Kindern heillos überforderten, langzeitarbeitslosen Frau Kliman. Ein Häppchen große weite Welt für Frau Kliman. Das wär’s gewesen. Schade, dass die Frau nicht gekommen war.

Frau Kilman hatte gar nichts studiert. Sie hingegen Politikwissenschaften. Und nun saß sie, als diplomierte Politologin, im Jobcenter, als Beraterin, Jobvermittlerin, auf der bezahlten Seite des Schreibtisches. Mehr als 95% ihrer Betreuungstätigkeit machte Seelsorge aus. Manchmal zitterten dabei ihre Hände. Auch Frau Klimans Seele hätte sie versorgen können, heute mit Yatsuhashi und Tujiko Noriko. Aber Frau Kliman hatte ihren Termin gepatzt. Statt Balsam würde es Ärger geben. Schlimmen Ärger. Sandra bedauerte Frau Kliman aufrichtig. Diese Frau gehörte zu den schweren Fällen, zu den nahezu heillosen. Für Frau Kliman war eine Stunde vorgesehen zum Termin. Eine ganze Stunde hätte sie ihr gewidmet, die Stunde, die sie nun mit Tujiko Noriko teilte, die sie mit grünem Tee und japanischen Leckereien verbrachte, in der Dachkantine im Jobcenter, mit dem Ausblick auf das regennasse Gewerbegebiet am Rand der Welt, wo Taubenschwärme und Krähen über gelbe Krokusteppiche her fielen.

Ach ja, die Welt war ungerecht, aber sie war auch schön. Und gut, gut zu ihr war diese Welt auch, an diesem Morgen. Zumindest war sie es bis zum nächsten Termin; den hatte sie mit einem Herrn Worms. Herrn Worms kannte Sandra noch nicht. Sie hatte sich seine Akte angesehen und mutmaßte, dass Herr Worms womöglich zu der verschwindend kleinen Anzahl gut gelaunter Hartzleute gehörte, die sie nicht aufzumuntern brauchte. Solche gab es durchaus. Wenn auch selten. Vielleicht war Herr Worms ein begabter, noch unentdeckter Lyriker, der Hartz abzockte um die viele freie Zeit damit zu verbringen, wunderschöne Gedichte zu schreiben. Dann würde er Tujiko Noriko auch mögen, sicher. Und sie würde ein wenig flirten können. Sandra schluckte Tee und steckte das übrige Stück Yatsuhashi in den Mund.

Während ihrer ersten Pause in der Kantine, sechs Wochen war das jetzt her, hatte sich auf der Autobahn vor den Fenstern ein Unfall ereignet. Ein Anhänger hatte sich von einem Auto gelöst, und dann mehrmals nacheinander überschlagen und dabei war ein Pferd herausgefallen, aus dem Anhänger. Es war die Böschung heruntergeklatscht und unten auf den Schienen liegen geblieben. Das Pferd bewegte sich nicht. Ob es noch lebte, konnte Sandra von der Kantine aus nicht sehen. Aber innerhalb von Minuten waren Krähen über dem Pferd. Wahrscheinlich waren es die selben Vögel, die jetzt in den Krokussen rumhackten.

Wenige Tage danach erfuhr sie von einem ihrer Patienten, Sandra nannte ihre Hartzgeldleute heimlich „Patienten“, dass der Chef irgendeines Versicherungsunternehmens sein Polo-Pferd hatte zum Tierarzt fahren lassen: Das Pferd, das rausgefallen war. Der Fahrer des Wagens wurde von dem Chef entlassen, am selben Tag noch. Eine unschöne Geschichte. Aber eine ganz andere, als die von Frau Kliman, die ihren Termin gepatzt hatte, oder die vom Herrn Herrn Worms, den sie noch nicht kannte, oder ihrem Tujiko Noriko-Album und dem grünem Tee und den Yatsuhashi in der Kantine vom Jobcenter.
 
Künstler: Tujiko Noriko
http://www.tujikonoriko.com
 
Album: Solo
 
Label: Editions mego
http://www.editionsmego.com
 
Vertrieb: Hausmusik
 
Rezept
 
Zutaten
 
Keine Ahnung wie sie zubereitet werden, aber so sehen Yatsuhashi aus:
 
Zubereitung