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Post Industrial Boys nebst Freilandversuch in Dekadenz mit Sauerampfer.
TafelMuzak Nº 034 von Leonhard Lorek
 
Grunewald-Villa. Mit altem Geld gebaut, für neues Geld erworben. Berlin war so, wie York sich Berlin gewünscht hatte. „Manchmal machen Eltern auch was richtig.“ Selbst der Grunewald übertraf seine Befürchtungen nicht; aber er traf sie. Grottenlangweilig. Dabei sollen vor dem Krieg in dieser Gegend recht abgefahrene Leute gewohnt haben, erzählten die Leute, die jetzt hier wohnten..

„Die erste Generation schafft das Geld ran, die zweite vermehrt es und die dritte studiert Kunstgeschichte.“, soll Bismarck gesagt haben. Ja: Kunstgeschichte.

Für den Beginn der Semesterferien hatte York eine Übung in Dekadenz versprochen, weil seine Kommilitoninnen es lustig fanden, dass er im Grunewald wohnte. Wäre nicht der Ortstermin „Grunewald“ Pflicht, hätte er sie alle zum richtig Besaufen eingeladen. „Bei Mecki und Helmut“ in der Blücherstraße in Kreuzberg. Die Mädels hätten gekotzt. Das wäre dekadent gewesen. Aber „Grunewald“ war Pflicht; Villa mit schattigem Garten. Wo vor dem Krieg Elite hauste.

Im Krieg hatten sie immer Sauerampfersuppe essen müssen, hatte seine Großmutter erzählt. Also fischte York ein Sauerampfersüppchenrezept aus dem Netz. Beim Ökotrottel vorn am S-Bahnhof hatte er Sauerampfer bestellt und schließlich war er noch unterwegs gewesen, nach kompatibler Musik zu suchen. „Wo ist grad Krieg?“
„Irak!“
„Saddammucke passt aber nicht so recht in den Grunewald. Nein. Tschetschenien vielleicht.“
„Nix da. Musik aus Georgien kannste haben. Ist gleich um die Ecke, bei Tschetschenien“, gab die Fachkraft im Plattenladen seines Vertrauens zum Besten.
„Stimmt. Soll auch ruinös sein, Wirtschaft und so“, ergänzte York die Eingebung des Plattendealers und kaufte die CD ohne Testlauf. Post Industrial Boys: Schon seltsam, wie sich Boygroups in Georgien nennen.

Zuhause dann die Überraschung: Statt Boygroup: Künstlerkollektivmucke. Arschcoole Elektronik mit dem Sentiment der frühen Siebziger. Ennio Morricone. Peter Thomas. Aber sehr sparsam, sehr subtil. Englisch und georgisch gesungen. Morbide Eleganz. Ruinenkompatibel. Die andere Überraschung war das Rezept für die Suppe: 100 g Sauerampfer, 80 g zimmerwarme Butter, 2 bis 3 Kartoffeln, 1 l Geflügelfond, 400 ml Sahne, 50 ml trockener Weißwein. „Na hallo, wo gab’s denn im Krieg Geflügelfond, Sahne und Weißwein?“

Als York beim Ökotrottel den Sauerampfer abholte, gab’s nochmals eine Überraschung: Dieses Kraut kannte er aus dem schattigen Garten der Grunewald-Villa. So also war der Krieg gewesen: Wein im Keller, Sahne in der Kammer und wegen der gesunden Ernährung für die Kriegsversehrten ging’s ab in den Garten: Sauerampfer vom Rasen pflücken. Alles frisch. Den Sauerampfer spülen, abtupfen und einige Blättchen zur Dekoration in sehr feine Streifen schneiden und beiseite legen. Die übrigen Blätter klein schneiden.

Während York in der Küche hantierte, kam ihm die Idee, zur Suppe in Begleitung der Post Industrial Boys Gedichte von Paul Celan zu deklamieren. Über Barlach lästern, würde auch noch passen. „Dekadenz tut gut.“

In einer Schüssel ein Drittel der Blätter mit 60 g Butter vermischen, abdecken und in das Eisfach stellen. Kartoffeln in Würfel schneiden. Die restliche Butter erhitzen und die Kartoffelwürfel darin anschwitzen. Geflügelfond und Sahne hinzugeben, aufkochen und bei geringer Hitze etwa zwanzig Minuten köcheln lassen.

Georgisch war eine wohlklingende Sprache; die Musik passte zur Sprache: Nix biedere Folklore. Sehr gediegen.

Die restlichen Sauerampferblätter hinzugeben und alles pürieren. Durch ein Sieb gießen und die Brühe mit Salz und Pfeffer würzen. Wieder eine Überraschung: Pürierer! Herrgott, gab’s im Krieg Pürierer? Hatte Krupp auch Profit aus Pürieren geschlagen, und nicht nur Kanonen verhökert?

Den Weißwein angießen und die Suppe nochmals erwärmen. Kurz vor dem Servieren die eisgekühlte Butter mit dem Pürierstab unterschlagen. Die Suppe mit dem fein geschnittenen Sauerampfer garnieren und sofort servieren.

Schon schön. Und wenn das nicht dekadent genug sein sollte, dann konnten sie immer noch nach Kreuzberg fahren, wo Kreti und Pleti die Stütze runterspülten, und sich „Bei Mecki und Helmut“ richtig besaufen, bis die Mädels kotzten, von Papas neuem Geld. „Ach York, irgendwann kriegst du Angst vor dir selbst.“ Seufzte er. „Aber ‚irgendwann’ ist ‚später’.“
 
Künstler: Post Industrial Boys
 
Album: Post Industrial Boys
 
Label: max.Ernst
http://www.max-ernst.de/index.swf
 
Vertrieb: MDM/Kompakt/A-Musik