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Acryl-Mania. Seit Dr. Motte nur noch Stoff vom Feinsten.
TafelMuzak Nº 004 von Leonhard Lorek
 
Zweite Schublade von unten, Socken. 40% Polyamid. Heute war milder Stoff angesagt, wegen Weihnachten. Weiße Tennissocken mit Emblem, mit blauen und roten Streifen am Bündchen. Sie zog ein wenig vom Weißen durch die Kiefer, leckte das Zahnfleisch und fühlte sich wohl. Weihnachten, Fest der Besinnung. Sie ließ ihr Leben Revue passieren.

Gezeugt im Bio-Laden, auf Sackleinen. In Schurwolle aufgewachsen; Tineola Biseliella, Jahrgang 2001, 2tes Gelege, 200 Geschwister, und sie die Jüngste. Noname quasi. Immer Lanolin im Bauch, und Migräne im Kopf vom Lavendel zwischen der Wäsche. „Das kann doch nicht alles gewesen sein. Nur Wollfett im Magen und Kinderschrein. Da muss es doch noch etwas geben.“ hörte sie ihre Mutter oft sagen.

„Eben.“ provozierten die Mehlmotten von nebenan. Seither träumte sie vom Exil. Die Ephestia Kuehniella, ringsum immer nur als „Mehlmotten“ gehänselt, hatten’s drauf: Bereits deren Urgroßeltern waren Flüchtlinge, dem Labor entkommen. Genforschung. O ja, ein so großangelegter familiärer Exodus hatte Cleverness zur Voraussetzung und brachte Reisefieber mit sich und guten Geschmack. Ephestia Kuehniella waren nicht mehr auf Weizenpulver fixiert. Mutig kroch sie mit vieren aus der Nachbarschaft 14ter Generation in eine Packung Dinkelschrot für 4.89 DM.

Für 4.89 landeten sie in einem Anthroposophenhaushalt an. Das war nicht Amerika. Und wieder hieß es: Wollfett, immer nur Wollfett; ein müdes Leben. Die einzige Abwechslung, verkramt zwischen den Pullovern: Ein bauchfreies Top: Viskose, also Baum durch die Düse. Als sie sich in den Saum biss und Rinde spuckte ahnte sie noch nicht, wie nahe sie bereits den Zeiten mit den Netz-Tops aus Polyester war.

Zellulose verdauen erschöpft, und so schlief sie früh ein. Und, siehe da: Sie erwachte in einem anderen Leben; in einem rhythmischen Taumel. Polyvinylacetat und Polyurethan. Das neue Leben hatte zwei Namen: Mirco und Dr. Motte. Ort: Loveparade. Sie konnte es nicht fassen: Einer von ihrer Art hatte es geschafft. Sein Name war in aller Munde. Er hatte promoviert und er hatte Millionen Freunde, überall auf der Welt. Er hatte Freunde, die DJ Rush hießen. „Du you like bass, bum bum bass, bum bum motherfucking bass?“ Nie würde sie das vergessen. „Bum bum bum, motherfucking bass.“

Egal wo sie späterhin mit Mirco hin reiste, ob in das Paradies mit Namen Ballermann 6, oder auf die Wiesn: Alle liebten Dr. Motte. Dr. Motte, und seine Freunde waren überall. Als sie damals aus dem Viskose-Top in Mircos blauen Flokati geschlüpft war, war da gleich dieses Flair der großen weiten Welt zu spüren. Dieser Geruch. Und der Stoff, der zerging auf der Zunge und zog übern Gaumen direkt in die Ganglien: Polyacryl Nitril. Bis hinunter zu seinen Trousers war jeder Bissen ein Fest. Immer im Rhythmus. Ein Rausch der Sinne. Bei Mirco war was zu holen. Zwischendurch auch mal was zum Runterkommen. Latex z.B.

Jetzt, in der kalten Jahreszeit, reiste sie nicht mehr. Sie ließ sich den Stoff frei Haus liefern. Und wenn sie es ganz hart brauchte, dann zog sie morgens um neun über die Innenwände von Mircos Buffalos und atmete tief.

Damals ein Wirtschaftsflüchtling, heute ein Luxusgeschöpf. Das Leben hatte einen Sinn. Das Bewusstsein keine Grenzen. Der Rausch kein Ende. Acryl-Mania. „Nie wieder Schurwolle.“ seufzte sie und zog noch ein wenig vom Weißen durch die Kiefer, gedachte ihrer guten Mutter, leckte das Zahnfleisch und fühlte sich wohl.
 
Künstler: Dr. Motte
 
Album: Monster Mix
 
Label: Proton Records