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Gefüllte Garnelen in Wan-Tans zubereiten, Blätter auf Vinyl wenden, Messer weglegen.
TafelMuzak Nº 005 von Leonhard Lorek
 
Zweistöckige Häuser, alle schmuck, mit Terrasse darauf, mit Tannen davor. Speckgürtel um München herum. Das Büro: 140 leergeräumte Quadratmeter. Alles was er heute brauchte, hatte er hergeschleppt. Auch den Plattenspieler, auch den Wok und das spitze Messer und das Schweinefett; das Schweinefett gab’s im Asialaden, an der Kühltheke.

Gefüllte Garnelen in Wan-Tans. Zubereitungszeit: 40 Minuten. Kochzeit: 10 Minuten. Während dieser Zeit würde er die EP zwei Mal wenden. Alles musste anders werden. Auch das Essen. Er schnitt die 30 Wan-Tan-Hüllen mit dem scharfen Messer in dünne Streifen und deckte sie mit einem feuchten Geschirrtuch ab. Anfang Dezember hatten sie Konkurs angemeldet. Jetzt war die Firma beinahe abgewickelt. Schnell waren sie schon, zum Schluss.

Storagemanagementadministrationssuitesalesman ganz allein vs. Nemax 50. New Economy-Pidgin. Sie zählten zu den Überlebenden der New Economy, bis November. November war lange her. Generation Pizza. Er zog das Messer über den Wetzstahl. Garnelen auspulen, 24 Stück: Die Schwänze intakt lassen, die Köpfe wegwerfen. Mit der Messerspitze den dunklen Darm entfernen. Auf der Bauchseite leicht einschneiden, so dass eine kleine Tasche entsteht.

Der Markt war hinüber, die Aktie ein Witz. Sie hatten sich bescheißen lassen, von den alten Säcken. Business-Angels; Schwarz-Mark waschen, eh der Euro kommt. Im heraufziehenden Elend begannen sie dann selbst zu bescheißen. Aber so etwas will gelernt sein. Pech gehabt. Was hatten sie überhaupt gelernt, außer Pizza bestellen? Pizza, nachts um 4 kalt aufessen: Das hatten sie gelernt. Alles musste anders werden. Auch die Musik.

Vinyl wenden, 400 g rohes Krebsfleisch, 8 Frühlingszwiebeln und das Schweinefett auf einem Brett mit einem großen scharfen Messer zu einer feinen Mischung hacken; alles mit dem Eiweiß von zwei Eiern, 3 Teelöffeln Speisestärke und etwas Salz und Pfeffer mit den Fingerspritzen gut vermengen. Das Messer gefiel ihm immer besser.

Akira Shiozawa würde ihm später gefallen. Er war No-Name-Techno gewöhnt und Drum’n’Bass für Arme: All das abgestandene Zeug um München herum. Alles musste anders werden. Transparente Architekturen aus Digitalität und Analogie auf engmaschiger Gamelan-Basis z.B.: Blätter aka Akira Shiozawa. „Leaves“ hatte er für heute bestellt, zum Anlass.

Sie waren stehen geblieben. Und das Kapital war an ihnen vorbei marschiert, einfach vorbei. Was für ein Abschied. Mit dem Messer ca. 1 Esslöffel der Krebsmischung auf den Garnelen verteilen; dabei möglichst viel in die Taschen pressen. Die übrige Mischung um die Garnelen herumdrücken, mit feuchten Händen. Dann die Garnelen in der restlichen Speisestärke wenden, kurz in das Ei eintauchen, mit Wan-Tan-Streifen bestreuen und diese fest andrücken. In einem Wok 4 cm Öl auf 180ºC erhitzen.

Er drückte die stumpfe Seite der Messerklinge in seine Handfläche und zog sie hindurch. Das Messer gefiel ihm. Draußen fuhr ein BMW-M3 vor; er kannte den Wagen: Ein Relikt aus Pizzatagen, Lederausstattung, Schiebedach. Eines hatten sie immerhin gelernt: Pünktlich sein.

Hände waschen. Vinyl wenden. Die Garnelen portionsweise je 4 Minuten frittieren. Auf Küchenpapier abtropfen lassen und sofort servieren. Vorher: Messer weglegen, weit weg legen.
 
Künstler: Blätter
 
Album: Leaves
 
Label: Lux Nigra
http://www.luxnigra.de
 
Vertrieb: Kompakt