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Moulinettes auf Himbeeren und Eis dazu
TafelMuzak Nº 066 von Philipp Steglich
 
Da hatte er mal seiner Neugier nachgegeben und alleine ein Konzert besucht, im Roten Salon der Berliner Volksbühne. Es war Jahre her, sicher ein Dezennium. Wie wohl alle Hauptstadtkonzerte begann auch dieses zu spät. Nun gut, er hatte damals nicht viel zu arbeiten und studieren, obwohl er schon fortgeschritten war, ging er auch eher selten. Da hatte er noch nicht die präsenile Bettflucht oder konnte sich wenigstens nicht daran erinnern. Es ist eben die unentschiedene Frage, wann man mehr das Gefühl hat, etwas im Leben zu verpassen: in der Jugend oder eher doch später, irgendwann.

Angekündigt war damals "Isar Listening". Und neben natürlich noch anderen Münchner Bands hat er dort, das erste Mal, die Moulinettes gesehen. Es war eines der wenigen Konzerte, die er wirklich alleine besuchte. Und hat sich dabei noch gewundert, dass eigentlich immer genau diese am besten waren. Vielleicht, weil er sich da auf nichts & niemand sonst konzentrieren hat müssen, als auf die Musik - und auf die gewiss hübschen Sängerinnen, Keyboarderinnen, Schlagzeugerinnen, Bassistinnen, Back-Vocalistinnen.

Als er da so stand, mit dem Standard-Becks in der Brusttasche, die Hände frei zum Spiel mit dem Tabak, musste er mit niemandem seine Gedanken teilen. Konnte sich ganz dem Diskursangebot der vier Moulinettes widmen, das allerdings fast ausschließlich von unerfüllter Sehnsucht handelte. Wohl am deutlichsten in "Du fliegst hoch, Reini Furrer". Sein späteres Lieblingslied besang einen dt. Weltraumfahrer, der wieder hoch will, wieder schwerelos sein möchte, aber keine Mission mehr mitmachen darf. Der sich dann mit Ersatzhandlungen, wie er sie aus dem Biologie-Unterricht kannte, im Alltag fit zu halten versucht. Eine Hommage an unsere modernen, gebrochenen Helden. Vielleicht ein wenig spöttisch.

Überhaupt, dachte er sich, wen besingen die Moulinettes denn? Die junge Brooke Shields lassen sie zu Wort kommen, mit einem O-Ton aus der dt. Synchronfassung eines Achtzigerjahre-Films. Trotzig spricht sie da: "Analysieren ist paralysieren, Mister!" War das die us-amerikanische Version von Bertolts Brechts "Zweifeln, das ein Verzweifeln ist". Was Brecht kritisiert hatte, weil zu resignativ. Und war der jungen Shields, da so etwas wie eine positive Wendung dieses Diktums gelungen? Sie trug es ja auch entsprechend rotzig, pampig, frech vor.

Ja, das waren seine Gedanken beim Rekapitulieren von Verflossenem; beim Musikhören der Moulinettes - und er war ihnen all die Jahre treu geblieben.

Nun hielt er ihre Bilanz in den Händen, "10 Jahre verstrickt", fast ein Best-of-Album mit einigen ungekannten Schmankerln. Manchmal ist die Erinnerung nur zu leisten, wenn alles in Zuckerwatte taucht. Wenn man also einen vielstimmigen Mädchen-Hintergrundgesang hat. Vielleicht war das der Sinn von Retro-Pop? Schlechthin? Und beim Revue-passieren-lassen, schob er den Packungsinhalt, tiefgefrorene Himbeeren, in die Mikrowelle. Schön heiß machen, dann schön auf Vanilleeis drauf! Das ist nämlich lecker, das hatte er gelernt.
 
Künstler: Moulinettes
http://www.moulinettes.de
 
Album: Eine Handvoll Moulinettes - 10 Jahre verstrickt
 
Label: Echokammer
http://www.echokammer.de/
 
Vertrieb: Hausmusik