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| Grappa zu Oliven und Tarwater auf der Terrasse. |
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| TafelMuzak Nº 069 von Leonhard Lorek | ||
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„Keine Befreiung ohne Revolution! Abschaffung von Isolationshaft und Folter! Stoppt die anti-islamische Hetzkampagne!“ Ewald hatte auf dem Flugblatt draufgesessen und es erst bemerkt, als er aufrückte, um Platz zu machen. Er hielt das zerknitterte Papier in den Händen, weil er nicht wusste, wohin damit. Unten rollten die Wannen durch Kreuzberg und oben rollte die U-Bahn, Hochbahnstrecke U1. Ewald fuhr nachhause, und die U-Bahn war voll.„Na schau mal einer an: früher wolltnwa Revolution. Jezz hamwa Balkon.“ Seine Schwester pflegte einen feinen Abstand zu ihrer eigenen Lebensweise. Sie hatte Grappa auf den Tisch gestellt und einen Teller mit allerlei Oliven und Baguette und Wasser auch. „Das entspannt, pass auf: guter Schnaps und Musik für Erwachsene. Tarwater. Hab ich neulich im Gorki-Theater live gesehen. Feine Sache.“ Was von seiner Schwester harmlos „Balkon“ genannt wurde, war eine großzügig geschnittene Terrasse, mit Blick auf den Landwehrkanal. Ewald besuchte seine Schwester gern. Und Entspannung hatte er an diesem Tag bitter nötig, und weiblichen Beistand und Rat auch. „Brüderchen, du solltest hin und wieder mal Unterschichtenfernsehen gucken. In den Soaps gibt’s immer eine böse, intrigante Frau die alle gegeneinander ausspielt. Die Guten verbünden sich dann irgendwann, sind aber zu arglos, um der Bösen schnell beizukommen.“ „Nur ist es bei mir keine Soap. Das ist bittere Wirklichkeit. Klara Müller entwickelt sich zum Alptraum. Und ich weiß nicht warum, ich weiß auch nicht, was ich ihr getan haben soll.“ Ewald kaute eine Olive nach der anderen. Die zerknitterten Schwarzen schmeckten am besten. „Die sind kräutermariniert. Lecker, nicht wahr!“ Seine Schwester hob das Grappaglas: „Auf deine bezaubernde Kollegin Klara! Ewald, wo kommt die denn auf einmal her? Von der hast du noch nie etwas erzählt.“ „Na ja, die ist noch gar nicht so lange in der Firma. Mit neurotischen Typen kenn ich mich ja aus, in der Branche wimmelt’s davon. Aber so was Ätzendes wie die, ist mir noch nie übern Weg gelaufen. Prost!“ Seine Schwester hatte einen guten Grappa auf den Tisch gestellt, einen auffällig guten. „Wo hast du den denn her?“ „Aus dem Fass. Ewald, hier ist Kreuzberg, hier gibt’s die allerfeinsten Sachen gleich um die Ecke. Sag mal, hast du Klara mal abblitzen lassen? Hast du ihr mal einen Korb gegeben?“ „Wenn ich das wüsste. Jedenfalls nicht bewusst. Sie ist zwar, nun ja, wie sagt man so schön: ‚Eine attraktive Frau’, aber das war’s dann schon. Gar nicht mein Typ. Nee, nicht die.“ „Da haben wir’s: Du hast noch nicht einmal bemerkt, dass du sie hast abblitzen lassen. Es gibt Weibchen, die motiviert die Ignoranz eines potentiellen Geschlechtspartners enorm. Böse Falle. Alte Geschichte.“ „Ja, aber wir sind doch in einer Firma, und uns konkurrenztechnisch überhaupt nicht im Weg. Weißt du, neben lauter so Mist wie: Termine nicht einhalten, Absprachen ignorieren usw. laufen da noch ganz andere, fiese Sachen.“ Ewald goss die Grappagläser erneut voll und knabberte am Baguette. „Sie legt mir da beispielsweise son Scheiß vor, wo ‚B-Mag’ drüber steht. Ich frage: ‚Was ist B-Mag?’ Sie: ‚Ein Beautymagazin, ein neues.’ Ich: ‚Na wenn der Verlag uns dafür schon einen so dämlichen Namen reindrückt, dann versuch doch den Leuten den Titel auszureden.’ Sie: ‚Warum?’. Ich: ‚Klingt wie B-Movie’. Sie: ‚Alles was ich vorschlage, lehnst du ab.’ Ich: ‚Du hast das gar nicht reingedrückt gekriegt? Das war deine Idee? Na dann nenn’s doch gleich „Schmogges“’? Sie: ‚Wieso?’ Ich: ‚Schönheitsmogozin, goiles.’ Sie: ‚Dann mach doch alles allein.’ Ich: ‚Wenn das gewollt wäre, hättest du hier keinen Job. Ich werde dafür bezahlt, dass ich darauf achte, dass wir uns hier mit solchem Scheiß nicht blamieren.’ Oder: Ich geh mir eine Pizza holen und Klara flötet über den ganzen langen Flur: ‚Ewald, bringst du mir bitte auch eine mit.’ Da kann ich doch schlecht ‚nein’ sagen. Also bring ich ihr ihre Pizza. Und dann fängt sie an zu maulen, dass sie eine andere bestellt hätte. Alles Lüge. Aber es klappt so gut, dass ich es überhaupt nicht wage, ihr das Geld für die Pizza abzuknöpfen. Ist mehrmals passiert. Und mittlerweile gibt’s Ärger mit den Kollegen.“ „Mit den Männern oder mit Frauen?“ Ewald hatte den Eindruck, dass seine Verzweiflung nicht ernst genommen wurde. „Mit den Mädels doch nicht. Niemals. Klara kommt, wenn sie mein Büro verlässt, immer ‚leidend’ heraus. Bei mir drin ist sie fies und zänkisch, sie kommandiert und sie retardiert, abwechselnd. Ernsthaft: Manchmal führt sie sich auf, wie ein verzogenes dreizehnjähriges Einzelkind.“ „O je, Mädchen sind schwierig in diesem Alter.“ „Sag ich doch! Aber wenn sie draußen ist, ‚leidet’ sie und die Jungs fragen mich mittlerweile, was ich denn mit der Kollegin anstellen würde, weil sie mein Büro immer so bedrückt verlässt und was diese Kindereien sollten, dass ich ihr immer die falsche Pizza bringe. Ja was soll ich da machen?“ „Männer. Männer sind so schlicht gestrickt. Zum Wohl, Ewald.“ Seine Schwester schien sich wirklich prächtig zu amüsieren. „Jungs, ihr solltet mal alle gemeinsam einen Kommunikationsworkshop besuchen. Immerhin: Bei deinem Chef wird sie nichts gegen dich ausrichten können, der ist schwul, der fällt da nicht drauf rein.“ „Wie tröstlich. Du bist meine Schwester, meine große Schwester. Ich will Rat von dir und nicht Häme. Bitte!“ „Am internationalen Kampftag der Arbeiterklasse soll ich Verrat üben an einer gedemütigten Geschlechtsgenossin? Ewald, du verlangst viel von mir.“ Seine Schwester schnappte sich eine Olive und kaute extra lange auf dieser herum. „Hör mal. Kennst du das? ‚Sweethome under white clouds’, Virgin Prunes. Aber Tarwater bringen das viel schöner. Und weil du mein Bruder bist und Panik hast und kleine Jungs, die anfangen zu flennen, in mir Beschützungsreflexe auslösen, sag ich dir Folgendes, zum Mitschreiben, mein Lieber: mach zweierlei. Zum einen: Definiere dich nicht andauernd über deine Arbeit. Das ist ungesund. Guck dir die Arschlöcher in den Vorstandsetagen an, die werden alle von irgendwelchen ‚Klaras’ gedrillt. Und zum anderen: Du brauchst Verbündete. Erzähl doch ‚deinen’ Mädels in der Firma einfach, was Sache ist. Nicht allen auf einmal. Eigentlich reicht es, wenn du es zweien gleichzeitig sagst. Das spricht sich rasend herum. Jede Wette: Du bist ratzbatz aus der Schusslinie. Und drittens noch: Wenn du Aggressionen abbauen willst, tu es hier und jetzt. Heute ist der 1. Mai. Geh auf dem Heimweg ein wenig durch den Kiez; da kannst du dich gern mit Bullen prügeln. Es sind auch Frauen im Einsatz.“ „Bin ich Entertainer? Bin ich Unterschichtenfernsehen? Ich: Ewald! Nicht: Stefan.“ „Ja, mein Kleiner. Aber mach mir, wegen einem so durchschnittlichen Zickenalarm, nicht in Jammerlappen. Nimm dir ein Beispiel an Tarwater. Die werden mit den Jahren immer entspannter. Aber sie werden nicht langweilig. Ganz und gar nicht. So etwas nennt man ‚Reife’, mein Lieber. Würde dir auch gut tun. Schau mal, das Album heißt ‚Spider Smile’. Passt doch. Schenk ich dir, ist ganz neu.“ „Danke.“ Ewald steckte das Album ein und nahm sich fest vor es jeden Tag vor der Arbeit zu hören. Und nach der Arbeit auch. „Meinst du, das hat eine homöopathische Wirkung?“ „Wie auch immer. Es ist Musik für Erwachsene. Also sei erwachsen. Dieses Album ist wunderbar ausgewogen. So etwas nenne ich: schön. Prost, Bruderherz.“ Und dann hatte sich seine Schwester die Fortsetzung des Themas verbeten. Über Klara Rebecca Müller wollte sie am 1. Mai nicht mehr reden. Zum Schluss hatte sie ihm auch noch die halbvolle Flasche Grappa zugesteckt. Und Ewald hatte versprochen erwachsen zu werden. Er wollte gleich damit anfangen und sich im Kiez nicht rumprügeln sondern schnurstracks nachhause fahren. „Der Alptraum von einer Zukunft, die das profit-über-alles kapitalistische/imperialistische System uns anbietet wird fast täglich noch dunkler. Überall auf der Welt sehen wir von den Obrigkeiten geschürten Hass und Intoleranz; Ausbeutung, Okkupation, sexuelle Diskriminierung und blutige Invasion.“ Ewald kannte das alles: „B-Mag ist anders – und deshalb erfolgreicher: Moderner Look, starke Themen, trendige Styles. Bei B-Mag stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis.“ „Klara, wir sind hier nicht das Sanierungsteam in den Sprachruinen der New Economy. Wir sind eine PR-Agentur im 21. Jahrhundert.“ Ungeniert entkorkte Ewald in der vollen U-Bahn die Grappaflasche und nahm einen Schluck. Dabei fiel ihm die Empfehlung seiner Schwester ein: „Zum einen: Definiere dich nicht andauernd über deine Arbeit.“ Stopp! Korrekt, er war nicht in der Agentur, er war auf dem Heimweg. Ewald faltete das Flugblatt ganz klein und steckte es in die Hosentasche. Er brauchte sich nicht über das einfältige Layout, über die abgestandene Sprache, über die vorgestanzten Sätze zu ärgern. Am internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse hatte er auf einer prima geschnittenen Terrasse erstklassige Oliven vorgesetzt bekommen, er hatte den Rat bekommen, sich nicht zuerst über seinen Job zu definieren, und er hatte eine halbe Flasche Grappa und ein nagelneues Album von Tarwater geschenkt gekriegt. Vielleicht brauchte er genau diese Kleinigkeiten um aufzubrechen: Dieses von seiner Schwester geschnürte Startpaket, für seinen Weg ins Erwachsensein. Aber vielleicht, vielleicht war er ja bloß besoffen. |
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| Künstler: Tarwater http://www.tarwater.de |
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| Album: Spider Smile | ||
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| Label: Morr Music http://morrmusic.com |
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| Vertrieb: Indigo/Hausmusik | ||
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