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Kumquatsminze zu Mus.
TafelMuzak Nº 071 von Leonhard Lorek
 
„Aua!!“ Mit einem Ruck winkelte Andrea die Beine an und krachte mit den Knien gegen die Tischplatte. Die Teekanne polterte über den Fußboden, der Tee platschte über die Kacheln. Jetzt hörte sie auch die Katze fauchen. „Mistvieh!“ Andrea fasste nach ihren Füßen, sie bluteten. Das Tier hatte die Krallen tief hineingeschlagen. Sie guckte unter den Tisch. „Elendes Mistvieh! Was machst du da?“ Auf ihrem teenassen Kissenthron sträubte die braungestreifte Versorgungseinheit das Nackenfell und fauchte. „Das wirst du mir büßen!“ Andrea riss die Kissen unter der Katze weg und jagte die Bestie aus der Küche. Zu dieser Szene wollte die verdampfende Lieblichkeit von Mus so gar nicht passen. Zum Tee vorher aber schon. Die CD hatte neben den Reiseprospekten auf dem Tisch gelegen, also hatte sie sie aufgelegt.

„Andrea, wie gesagt: Ihnen steht der Kühlschrank zu Verfügung; schöpfen sie aus dem Vollen. Ebenfalls das Weinregal und, so sie wollen, der Netzanschluss. Sie haben doch einen Laptop?“ Andrea frohlockte: Luxus! Viereinhalb Wochen Luxus standen ihr bevor, auf XXL Quadratmetern samt Weinregal und vollem Kühlschrank nebst Katze und Dachterrasse. Diese Wohnung war um so vieles größer und sonniger als ihre lausige Studenten-WG im ersten Stock. „Aber weil das Weinregal ihrem Lerneifer kaum zuträglich sein dürfte, habe ich für sie im Kühlschrank noch etwas Besonderes bereitgestellt.“

Dann kam das Taxi und dann war sie raus aus dem Haus, die Frau Blessin. Gerüchte besagten, dass das gesamte Mietshaus Frau Blessin gehörte. Wenn dem so war, dann war sie eine entspannte Vermieterin. Sehr entspannt, und nun im Urlaub.

Eigentlich kannten sie einander gar nicht richtig, nur so vom Grüßen her, auf der Treppe, und von den kurzen Schwätzchen an den Briefkästen.

Dort hatte Andrea kürzlich auf die übliche Frage nach ihrem Wohlbefinden mit einem launischen Seufzer reagiert: „Büffeln, Prüfungen. Der ganze Stress im Paket.“

Wenige Sunden später schon hatte Frau Blessin sie in ihre Wohnung gebeten, eine Kanne mit allerfeinstem kalten Minztee auf den Tisch gestellt und eine Offerte unterbreitet, die Andrea nicht ablehnen konnte: „... ich darf also davon ausgehen, dass sie die nächsten Wochen über nicht verreisen werden. Wären sie dann bitte so freundlich, sich während meiner Abwesenheit um meine Katze und um die Pflanzen auf der Terrasse zu kümmern? Und um den Briefkasten? ... ganz bescheiden: Asturien. Aber zum Schluss, sie werden es nicht glauben: Ich habe eine Reservierung für zwei Personen im El Bulli, an der Costa Brava. Und ich bin sehr beruhigt, dass Ferran Adrià nicht in Kassel bei der Documenta festgehalten wird. ... die Terrasse können sie gern nutzen. Der Ausblick ist schön und es lässt sich hier sicher vorzüglich büffeln.“

Außer den Urlaubskatalogen war auch „La Vida“, dieses Album von Mus, auf dem Tisch liegen geblieben. Gesang: asturisch; eine alte romanische Sprache, die selbst die Eingeborenen an der Nordküste Spaniens kaum noch sprachen. Frau Blessin schien sich eingestimmt zu haben, auf ihren Urlaub. Eine weiche, verhauchte Frauenstimme zu gezupften Gitarren. Eine sehr einfache Musik, herzergreifend. Etwas Schlagzeug, etwas Flöte, etwas Geige. Vielleicht war das ja der eigentliche Grund für Frau Blessin, ausgerechnet in Asturien Urlaub zu machen: Eine Sommerromanze zwischen schrottigen Fördertürmen stillgelegter Zechen, unweit menschenleerer Strände mit Kühen vor Bauernhäusern. Durchaus denkbar, dass sie mit anderen, als nur touristischen Absichten dorthin unterwegs war. Immerhin hatte sie ja im El Bulli für zwei reserviert.

Vom El Bulli hatte Andrea schon gehört und ihren Kühlschrank hatte Frau Blessin auch aufs Feinste vollgestopft. Die Gute ließ sich nicht lumpen. An eine weiße Kanne im Kühlrschrank war ein Zettel geheftet: „Für Andrea“. Als Andrea den Deckel abnahm und schnupperte, freute sie sich. Es war der selbe wohlschmeckende Minztee, den sie neulich serviert bekommen hatte. Die Spaziergansmusik von Mus traf Andreas Geschmack nicht wirklich, zu diesem Tee aber passte sie recht gut. Es war ein sehr milder, unaufgeregt belebender Tee. Völlig anders, als solcher aus Beuteln.

Andrea wollte ein wenig in den Katalogen blättern, hatte sich mit der Kanne an den Tisch gesetzt und nun: Nun wischte sie mit blutenden Füßen eine Pfütze Tee vom Küchenboden.

Als sie die Kanne aufhob, sah sie, dass die Rückseite des angehefteten Zettels ebenfalls beschriftet war: „Liebe Andrea, wenn sie den Kumquatsminztee mögen, können sie ihn gern auch selbst zubereiten.“ Es folgte die Rezeptur.

Minze gab es zuhauf auf der Terrasse zu ernten, das hatte Andrea bereits entdeckt; wie viel sie davon benötigte, konnte sie mit der Portion in der Kanne abgleichen. Was aber um alles in der Welt sollten Kumquats sein? So etwas gehörte, laut Rezept, auch in den Tee hinein. Ihr blieb wohl nichts weiter übrig, als dieses Rätsel zu lösen, eh sie anfangen konnte zu büffeln. Denn auf den Tee wollte sie keinesfalls verzichten.

Während der nächsten Wochen würde sie das Geheimnis um Frau Blessins Asturienurlaub wahrscheinlich ebenfalls lüften. Irgendwelche Hinweise sollten in der Wohnung doch zu finden sein. Fotos vielleicht. Liebesbriefe. Sie würde diese schon noch aufstöbern, und dazu immer schön Mus-Musik hören. Und am Tee nippen.

Andrea hielt kurz inne und lauschte in sich hinein: Da regte sich kein bisschen schlechtes Gewissen. Warum auch? Der Katze konnte sie ja nicht wirklich etwas antun. Irgendwie jedoch musste sie sich für die hässliche Kratzspuren rächen. Schließlich hätte Frau Blessin sie ja warnen können. ! Nein: Sie hätte sie ausdrücklich warnen müssen, vor diesem Mistvieh, diesem gemeinen, gefährlichen, unter dem Tisch.
 
Künstler: Mus
 
Album: La Vida
 
Label: Green Ufos
http://www.greenufos.com/
 
Vertrieb: Hausmusik
 
Rezept
 
Zutaten
 
Zutaten für 1 Liter Kumquatsminztee

1 sehr üppiges Bund frische Minze
2 Kumquats
1 TL Honig
1 l Wasser
 
Zubereitung
 
Reichlich frische Minze in eine Kanne hineinstopfen, die beiden angequetschten, aufgeplatzten Kumquats dazulegen, Honig hineintun und mit kochendem Wasser übergießen. Nach einer halben Stunde die Kanne nochmals erhitzen; ca. 5 Minuten in der Mikrowelle reichen aus. Abkühlen lassen, die Kumquats herausnehmen, die Minze jedoch nicht. Der Tee sollte im Kühlschrank anschließend noch mindestens 6 Stunden ziehen. Bei Bedarf mit Eiswürfeln servieren.