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Gelbe Rüben Julienne im Sommerregen und Justice
TafelMuzak Nº 072 von Philipp Steglich
 
Vorbereitungen sind immer nötig. Später also wollten sie grillen gehen. In einen Park, an einem beliebigen Sommertag in der westlichen Hemisphäre, in Berlin. Das Fleisch, vielerlei Sorten, lag schon mariniert. Aber die Beilagen, aber immer die Beilagen. Welche Wehklage. Sie waren noch zu jung um die Reize des Kartoffel-, des Nudelsalates wieder zu entdecken. Deren Magenschwere, Stichwort Majonaise, war ihnen noch deutlich in Erinnerung und verunmöglichte bisher eine Renaissance in ihrem Leben.

Die Grillfreunde-Runde waren drei mexikanische Kommunisten auf Europa-Tour und ein Carnivore. Ratlos standen sie in der Küche umher. Ah, aber Eduardos Blick fiel auf einen Bund frischer Gelbe Rüben. Auch Karotten, Möhren oder eben spanisch zanahorias genannt. Ich mache daraus einen Salat!, rief er und der Carnivore winkte und winkte ab. Rohkost, das ist doch was fürs Altenheim oder eine sehr uninspirierte Beilage in hässlichen deutschen Lokalen. Von Leuten, die keinen Bock auf das Zubereiten guten Essens haben, für Leute die nichts erwarten. Malaise.

Dann aber fing Eduardo doch zu zaubern an und stiftelte die Rüben. Schön julienne schneiden: das kann eine große Gabe sein. Eine Hingabe. Weil sie Sorgsamkeit erfordert und einen Sinn für Symmetrie. Man richtet die Karotten danach, man richtet die Karotten am humanen System für Gleichmaß und Form aus. Man interpretiert die Natur, nicht - nie! - umgekehrt. Schreibt euch das hinter die Ohrwaschel.

Und während Eduardo ein Rüben-Mikado anrichtete, fieberte der Rest zu den Synthieklängen von Justice. Justiz, auch so ein Gedanke, die menschliche Natur den Gesetzen anzupassen. Kein schlechter Gedanke. Allerdings hatten Justice aus Paris ihren Namen wohl etwas beliebig gewählt. Wie auch den Titel ihrer ersten Platte: Cross. Ein etwas leeres, beliebiges Verweissystem, wenn Tracks "Genesis" und "Let there be Light" heißen. Aber: großartige Musik dahinter. Gottseidank kein Konzeptalbum spinnerter Christen.

Oft verglichen mit Daft Punk. Aber Justice klingen, als wären sie voll am Leben. Was kein Wunder ist, wenn sie einen Kinderchor durch den Vocoder jagen. Sehr schön. Dann sind auch die paar Fanfarenklänge erlaubt, die den Imperativ ?Do the Dance? begleiten. Alles tanzbar. Alles aber auch hörbar. Die Zukunft der Tanzmusik; Gottseidank unsere Gegenwart.

Da hatte Eduardo auch schon seine Karotten geschnitten. Rührte Portiönchen von Harissa und Chiliöl mit Zitronensaft zusammen; salzte & pfefferte. In einer transportablen Salatschüssel vermengte er die mexikanische Vinaigrette mit den Rüben. Wow, sah das schön aus. "Vielleicht nicht nur aus mexikanischen Ingredienzien, aber so! schmeckt es."

Sie sahen beeindruckt in das vitale, vor Kraft leuchtende Schüsselrund. Und dann schweiften ihre Blicke gen Himmel: Erste Wolken zogen auf, es würde Regen geben, ein gewöhnlicher Sommertag in Berlin. "Wir in Mexiko-City grillen nur bei Sonnenschein." Was Wunder. Und Uffie sang "lets get this party started right, lets get drunk and freaky fly". Da waren sie wieder: die Imperative. Raus, raus und zwar schnell. Party machen. Der Carnivore nahm die zaudernde Gruppe bei der Hand, führte sie unter einen Baum, dessen Blätter ein wenig Schutz bieten sollten, dass sie alle nicht all zu nass würden. Und die Mexikaner wunderten sich.
 
Künstler: Justice
http://www.myspace.com/etjusticepourtous
 
Album: Cross
 
Label: Ed Banger/Warner
http://www.warnermusic.de/
 
Vertrieb: Warner
 
Rezept
 
Zutaten
 
4-6 Gelbe Rüben
Saft einer halben Zitrone
1 TL Harissa (in türkischen Feinkostläden erhältlich)
1 EL Chiliöl (siehe Tafelmuzak No. 58)
1 Prise Zucker
Salz, Pfeffer
(für 3-4 Portionen)
 
Zubereitung
 
Die Gelbe Rüben entweder von Hand fein Julienne schneiden oder mit einem geeigneten Hobel stifteln. Zitronensaft und die übrigen Zutaten in einer Schüssel verrühren, abschmecken, die Gelbe Rüben damit vermengen und servieren. Belebt den Sommer!