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Grazienabgang mit Möhrenkuchen und Efterklang.
TafelMuzak Nº 073 von Leonhard Lorek
 
„Wat intressiern ma deine Eieeeerstöckeeee! Altaaaa! Laber ma nich voll! Altaaaa, hab ick dir schon tausendmal jesaaacht! Ick will meine Ruuuhe!“ Die Grazien schrieen aus Leibeskräften. Sie schrieen immer. Die eine offensiv. Die andere eher defensiv. Die Offensivgrazie schrie sogar beim Telefonieren. „Jaaaa ick hab ihn doch ooooch lieb! Weeeeste nichmehr, wie ick ma um ihn jekümmert hab, wo du im Knast warst?“

Und jetzt waren die Grazien weg. Sybille würde das sicher freuen, aber für Margit war es ärgerlich; ausgerechnet zu der Zeit, da sie in Neukölln Margits Blumen goss, während diese mit ihrer neuen Liebe die Welt bereiste, wurde das Unterhaltungsprogramm auf der gegenüberliegenden Straßenseite ausgeknipst. Zwar hatte Margit die Grazien schon einmal gehört, als sie Sybille besucht hatte, aber gesehen hatte sie die beiden noch nie. Die vielen Deutschlandfähnchen, mit welchen die Grazien ihren Balkon dekoriert hatten, hingen jetzt schlaff in der Septembersonne.

„Zweimal die Woche Blumen gießen und den Briefkasten leeren, das müsste reichen.“ hatte Sybille auf einen Zettel geschrieben, der auf dem Küchentisch lag. „Und bitte jeden Brief öffnen, Margit, jeden. Falls Katastrophen auf mich zukommen, warne mich per eMail! Dankeschön! Bussi! Sybille.
Übrigens: viel Vergnügen mit ‚die Graaaazien’!“

Warum ihr das Vergnügen mit den Grazien nicht zuteil wurde, hatte Margit wenige Minuten zuvor im Zeitungsladen erfahren. Der war direkt unten, im Haus.
„Die Radaubräute sind eingesperrt, kannste glauben. Im Knast. Alle beide.“
„O, die Armen“ entfuhr es Margit, als sie ihre Zeitung bezahlte.
„Nix da ‚die Armen’. Die ätzen, die Schlampen.“

So also war das. Darum hatte sie bisher vergeblich auf den großen Auftritt gewartet, Kaffee trinkend und Briefe öffnend und Zeitung lesend, auf dem Balkon, wobei sie wirklich jede Post öffnete, auch die, die an Sybilles neuen Lover adressiert war. Der Typ war Musikjournalist und hatte sich, der anlandenden Post nach zu urteilen, in dieser Wohnung schon das Bleiberecht erlovert. Sybilles Briefkasten jedenfalls war immer vollgestopft mit weich gepolsterten Umschlägen, wo CDs drin steckten. Der Typ bekam das ganze Zeugs für lau.

Margit hörte viel neue Musik während sie Zimmerpflanzen goss, Kaffe trank, Zeitung las und wartete.
Das mit dem Zeitungslesen konnte sie sich ab jetzt ja sparen, warten brauchte sie nicht mehr.

Sie öffnete die Balkontür sperrangelweit, legte die erste ausgepackte CD ein, goss die wenigen Blumen in der Wohnung und als sie mit der Gießkanne auf dem Balkon angekommen war, erklang ein freundliches „Hallo!“ vom Nachbarbalkon her. „Ich bin Diogo. Ich hab die letzten Tage schon einpaar Mal geklingelt, weil ich mich vorstellen wollte. Ich bin der neue Nachbar.“
„O, schön. Margit.“ Margit beugte sich über den Balkon und reichte Diogo die Hand. “Diogo. Hm. Woher kommt der Name?“
„Portugal“ sagte der neue Nachbar. Und woher kommt die Musik? Die ist schön. Klingt, hm, grazil.“
„‚Grazil’ ist gut.“ Margit lachte. „Moment, ich schau nach. Ist ganz neu. Hab ich grad erst ausgepackt.“ Sie ging in die Wohnung und kam mit dem CD-Cover wieder auf den Balkon hinaus. „Efterklang, aus Dänemark. Und ‚grazil’, nun ja, das stimmt schon: Verschachtelte Mädchenchöre, orchestrale Streicherarrangements, einsames Piano, etwas Elektronik.“
„Ja, klingt nach Paralleluniversum. Passt gar nicht so richtig in diese Gegend. Neukölln hört sich doch wahrscheinlich ganz anders an.“
„O, das Paralleluniversum war dort drüben zuhause.“ Margit wies zum Grazienbalkon auf der anderen Straßenseite. „Jetzt ist das Paralleluniversum inhaftiert.“
„Tolle Gegend. Sag mal, magst Du ein Stück Kuchen? Hab ich selbst gebacken, für heute Abend. Einweihungsparty.“ Diogo reichte Margit auf einer Untertasse etwas rüber, dessen Konsistenz sie misstraute. Dennoch schob sie den Kuchen tapfer in den Mund. Und staunte. „O, lecker! Wirklich! Was ist das?“
„Das ist ein Möhren-Ananas-Kuchen mit Nüssen und tausend anderen Sachen drin. Sehr kalorienhaltig. Aber zu Efterklang passt der doch. Und irgendwie auch zu Neukölln. Oder?“
„Ja, passt prima zur Musik. Und zum Kaffee passt der Kuchen bestimmt auch. Magst Du einen Kaffee?“
Diogo nickte.
„Na, dann komm mal rüber mit Deinem Kuchen. Ich mach Kaffee.“ Margit machte mit der Hand eine kreisende Bewegung in Richtung Hauswand, die bedeuten sollte, dass Diogo den Weg über die Wohnungstüren nehmen sollte. „Nicht übel,“ dachte sie dabei, „Sybille kann mit dem neuen Nachbarn nichts anstellen, dafür ist ihr Rezensenten-Lover noch zu neu.“

Sie wiederum konnte mit ihm durchaus etwas anfangen. Das passte doch ganz gut. Der Portugiese war hübsch. Der Portugiese war charmant. Der Portugiese konnte sogar backen. Und dass die Grazien im Knast waren, passte auf einmal auch. Die hätten bei dessen Anblick womöglich besonders laut geschrieen, wegen der Eierstöcke oder so.
 
Künstler: Efterklang
http://www.efterklang.net
 
Album: Parades
 
Label: The Leaf Label
http://www.theleaflabel.com
 
Vertrieb: Hausmusik/Indigo
 
Rezept
 
Zutaten
 
2 Tassen Mehl
2 Tassen grob geraspelte Karotten
2 Tassen Zucker
1 Tasse kleingeschnittene Ananas
1 Tasse geraspelte Walnusskerne
¾ Tasse Öl
¾ Tasse Buttermilch
2 TL Natriumkarbonat
2 TL Zimt
2 TL Vanilleextrakt
½ TL Salz
3 Eier
100 g Kokosflocken

des weiteren:

1 Tasse Zucker
¼ Tasse Buttermilch
2 EL Vanilleextrakt
¼ EL Soda

Das Format ?Tasse? bezieht sich auf die Tassengröße, die in etwa auf halber Strecke zwischen Espressotässchen und Kaffeepott aufgestellt ist.
 
Zubereitung
 
Alle Zutaten gut miteinander vermischen und den Teig in eine Kastenform füllen. 55 Minuten lang im vorgeheizten Herd bei 175 ºC backen. Anschließend 1 Tasse Zucker, ¼ Tasse Buttermilch, 2 EL Vanilleextrakt und ¼ EL Soda im Wasserbad auflösen und über den noch heißen Kuchen gießen.