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| Mit Rechenzentrum im Schwarzweißwald, mit Herbsterdbeeren. |
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| TafelMuzak Nº 075 von Leonhard Lorek | ||
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„Die einen gehen noch mal richtig ins operative Geschäft eines Unternehmens oder in politische Ämter. Andere werden Philanthrop und setzen ihr Vermögen für wohltätige Zwecke ein. Die dritte Kategorie setzt sich zur Ruhe und genießt das Leben.“ Alexander Dibelius, Chef von Goldman Sachs in Deutschland plauderte bei Spiegel Online Groschenweisheiten daher.Jakob hatte ein wenig gesurft in der Zentrale, nach der Kopf-ab-Konferenz. Mit dem Fallbeilsausen in den Ohren hatte er ohnehin keinen klaren Gedanken mehr fassen können. „Nur wer kein Geschäft hat, hat auch keine potentiellen Konflikte.“ Ach herrje, der Dibelius. Irgendwann würde auch er als Opfer einer solchen Konferenz enden. Irgendwann. Jakob stieg die Treppen hinauf, sehr langsam. „Schatz, nicht ärgern! Nimm Rechenzentrum.“ Charmant, die SMS; er hatte sein Mobiltelefon auf Vibration geschaltet. Langsam Treppensteigen tat gut. Für gewöhnlich stolperte er die Treppen hinauf, im Job. Bereits nach dem ersten halben Jahr in der Zentrale war es soweit gewesen, dass er in der Hierarchie, stolperbedingt, über dem Typen rangierte, der ihn eingestellt hatte. Alle halbe Jahre stolperte er nach oben. Vor ihm rollten die Köpfe und er hatte lediglich das Problem, zwischen all den rollenden Köpfen herumzustolpern. Er selbst hatte noch keinen einzigen Kopf rollen lassen. Er: nicht. Jakob schloss die Wohnungstür auf. Er warf seine Klamotten im Flur ab, schaltete in der Küche das Licht an und, das war wirklich eine Überraschung, wirklich allerliebst: da lag auf dem Küchentisch eine DVD von Rechenzentrum. Nagelneu. Kannte er noch nicht. Darum also die SMS. Und eine Taschenlampe lag da auch und ein Zettel. „Alles aus Berechnung!“ stand drauf, und „Nimm die Herbsterdbeeren. Kuss!“ Er ging auf die Terrasse hinaus. Die Erdbeeren waren ganz vorn, an der Brüstung. Bis dahin reichte das Licht aus der Wohnung nicht. Die Herbsterdbeeren waren die allerfeinsten Erdbeeren überhaupt: Die zweite Ernte, die die klimawandelirritierten Pflanzen abwarfen. Im Herbst trugen die Stauden weitaus weniger Früchte als im Frühjahr. Aber dafür waren diese um so schmackhafter. Sie waren um vieles aromatischer, als die aus der Saison. Vielleicht, weil sie viel länger brauchten, um zu reifen, um rot zu werden. Jakob knipste die Taschenlampe an und suchte. Warren Buffett hatte den Einsatz für seine Petrochina-Aktien versiebenfacht und kürzlich beim Verkauf schätzungsweise fünf Milliarden eingestrichen, hatte er gelesen. „Schön für Warren.“ Währenddessen drohten den Structured Investment Vehicles Notverkäufe. „Nochmals schön für das ‚Orakel von Omaha’.“ In der Zentrale hatte Jakob gelernt süffisant zu sein. „Jetzt schaut sich Buffett entspannt um im schwächelnden Revier, mit knapp 50 Milliarden Dollar Cash auf Tasche. Und dann erzählt der Mann dem Wall Street Journal auch noch: ‚Ich kann schneller Geld ausgeben als Imelda Marcos - wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.’“ „Who the fuck ist Imelda Marcos?” fragte sich Jakob. Mit seiner Bildung war es nicht weit her; das musste er sich hin und wieder eingestehen. „Der Job macht mich blöde und reich. Vielleicht ist Blödheit aber auch der Preis für Reichtum.“ Gedankenspiele dieser Kragenweite trösteten ihn nicht wirklich. Solchen Scheiß redete schließlich jeder Zweite in der Zentrale daher. „Nun ja, Herbsterdbeeren hast du aber keine, Warren!“: Das tröstete immerhin; zumindest einen wie ihn. Wahrscheinlich wusste Buffet gar nicht, dass es Herbsterdbeeren gab, in Deutschland. Jakob grinste in sich hinein. „Jede ist zehn Milliarden wert. Das ist Luxus!“ Er hatte fünf gefunden. Die übrigen würden es wohl nicht mehr schaffen bis zur Reife. Denn es war Frost angekündigt für die kommenden Nächte. Jakob schloss die Terrassentür hinter sich. Er legte die DVD in den Rechner und seine Füße auf den Tisch: Rechenzentrum „Silence“. Vielleicht war Buffet ja dumm. Aber blöd war der bestimmt nicht. Der Mann hatte schon vor Jahren Kreditderivate zu „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ erklärt. Schlaues Bürschchen. Hätte wiederum er, Jakob, so etwas in der Zentrale gesagt, oder genauer: ernsthaft vertreten, wäre er heute bestimmt nicht dort, wo er, stolpernd, hingekommen war. Bei Rechenzentrum ging es zu, wie bei Hänsel und Gretel. Aber: Open end, mit sehr hohen Bäumen und Farnen und Rinden, in welchen bestimmt Käfer und Spinnen wohnten. Alles in Schwarzweiß; auch der Lichteinfall, zwischen den Ästen und Zweigen: schwarzweiß. Geheimnisvoll, beängstigend, ködernd, tückisch, spannend die Musik. Verführend. Vollmundig. In einem solchen Wald hatte er als Kind Walderdbeeren gesammelt. „Ob es im Wald jetzt auch Herbsterdbeeren gibt, jetzt?“ Jakob zerdrückte die erste Frucht zwischen Gaumen und Zunge: Mit diesem Aroma konnten es Frühjahrserdbeeren nicht aufnehmen. Überhaupt nicht. Er fuhr mit der Fingerspitze über Zunge und schaute drauf. Das wässrige Rot sagte nichts, überhaupt nichts, über den Geschmack dieser Erdbeeren aus. Er selbst hatte noch nie Köpfe rollen lassen; das ließ ihn in der Zentrale ungefährlich erscheinen. Er hatte noch keine groben Fehler vertuschen müssen. Fachlich konnte ihm niemand was. Respekt! Und dabei war er der jüngste von allen. Aber er hatte auch keinen Stallgeruch angenommen, die letzten Jahre über; und das machte ihn suspekt: Sein Lebenstraum war es nicht, eine architektonische Peinlichkeit unter anderen an irgendeinem Golffeldrand sein Eigen zu nennen. Stattdessen hätte er so ziemlich jeden Preis für eine winzige Radierung von Hercules Seghers auf den Tisch gepackt. Aber: spätestens dann würde auch sein Kopf rollen. Spätestens dann wäre er dran. Das würden sie nicht kapieren, das würde den schlitzohrigen Figuren in der Zentrale Angst einjagen, vor ihm. Jakob zerdrückte die zweite Erdbeere mit der Zunge. „Ohne eigene Seghers-Grafik lässt es sich auch ganz gut leben.“ Er seufzte. Er hatte sich verlaufen, im Wald von Rechenzentrum. Warum auch nicht. Der Rechenzentrumwald war zum Verlaufen da, gemacht, gedacht, gewünscht. Eigentlich konnte er nur gut mit Zahlen: umgehen, kalkulieren. Darum war er in diesen Job eingestiegen, nach dem Studium. Wegen der Zahlen hatte er sich vor Jahren auch das erste Album von Rechenzentrum gekauft. Toller Bandname. Und dann auch noch diese Musik. Und dazu Herbsterdbeeren essen, zehn Milliarden das Stück. Das hatte was. Der Wald bei Rechenzentrum führte in das Innenleben einer Hercules Seghers-Grafik hinein. Hätte er aber nicht den Job, den er hatte, würde er sich das alles wahrscheinlich bloß auf einem lausigen 19“ Monitor anschauen können. Was jammerschade wäre. Und irgendwelche albernen Aktivboxen an seinem dann wohl sehr billigen Rechner hätten womöglich einen Wackelkontakt und er zu wenig Geld, sich neue zu kaufen. Jakob schob die dritte Erdbeere in den Mund. „Jetzt sind drei Milliarden weg. Unwiederbringlich.“ „Der Chef von Merrill-Lynch tritt zurück, mit sofortiger Wirkung“, hatte er gelesen. Stan O'Neal war somit der erste Boss einer internationalen Großbank, der im Zuge der Kreditkrise seinen Posten verlor. Allein im dritten Quartal schlug bei seiner Investmentbank ein Minus 2,24 Milliarden Dollar zu Buche. Abschreibungen im Wert von 8,4 Milliarden Dollar kamen hinzu. Die Spiegel-Leute hatten Dibelius nach etwas so diffusem wie „Moral“ gefragt. „Was sie mit Moral umschreiben, sind unsere „business principles“, also unsere schriftlich fixierten Geschäftsprinzipien.“ Ach ja, so etwas plapperte er selbst auch daher, Tag für Tag, vor Kunden, vor Geschäftspartnern. Und was hatte er davon? Irgendwann würde er vielleicht einmal der reichste Mann auf irgendeinem Friedhof sein. Irgendwann würde auch sein Kopf rollen. Und sie würden ihm einen großen Batzen Geld hinterher schmeißen. Schweigegeld. Schmerzensgeld. Schmiergeld. Zwei Erdbeeren waren noch übrig. Er hatte die Freiheit ins Auto zu steigen und loszufahren. Zwei Stunden Autobahn: und er wäre da. Er würde die ganze Zeit über Rechenzentrum hören können, so laut, wie er nur wollte. Er würde nie wieder in der Zentrale Treppen steigen müssen. Er würde dort nicht auftauchen müssen. Er würde danach keinesfalls in irgendein operatives Geschäft einsteigen, er würde kein politisches Amt anstreben, er würde mit einer Portion Geld zurechtkommen, die kein Vermögen darstellte und er würde das Leben anders genießen, als die Leute, die Dibelius kannte. Er konnte klingeln, grinsen und dabei in seine offene Hand schauen, mit den zwei Erdbeeren darin. |
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| Künstler: Rechenzentrum http://www.rechenzentrum.org/ |
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| Album: Silence (DVD 5/NTSC und Audiofolder in CD-Qualität zum kopieren) | ||
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| Label: Weisermusic http://www.weisermusic.com/ |
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| Vertrieb: Alive | ||
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