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Currywursttestessen. Oder: vom Phosphatwurstsalat übern Obstbrand zum NBI-Orchester.
TafelMuzak Nº 077 von Leonhard Lorek
 
Es gibt nur wenige TafelMuzake - Muzaks, Muzakken, oder wie auch immer der Plural heißen mag - die stilistisch ein „Ich“ zulassen. Ich meine: mein „Ich“, ich meine mich.
Beim ersten war es beinahe so und beim 50sten dann ganz und gar, und der 45ste, wo ich mit Jörg auf dem Balkon über Barbara Morgenstern und Robert Lippok plauderte, passt auch noch irgendwie in diese Kategorie. Beim 77sten sollte es, der Schnapszahl wegen, um Schnaps gehen, hatte ich mir vorgenommen. Die Fügung wollte es so, dass mir am U-Bahnhof Eberswalder dann der Zufall auflauerte. Weniger dramatisch formuliert: Er lümmelte am Stehtisch bei „Konopke“. Ich hatte einen alten DAT-Recorder angeschaltet auf meinem Tisch zu liegen, weil ich einpaar O-Töne von der Schönhauser sampeln wollte, als am Nachbartisch ein Handy klingelte – Klingelton Marke „Revolution“, es war die „Internationale“ – woraufhin ein rothaariger Typ mit Sommersprossen munter draufloszuplaudern begann:

„Margit, Maus! Wie sieht’s aus? – Ich? – Kreuzung Schönhauser, bei Konopke. Currywursttestessen. – Ja, ja. Hab ich auch gesagt. „Curry 36“ ist sowieso gut. Keine Frage. Und früher gab’s auch gute „Bei Papa“, U-Bahnhof Leinestraße. Geh ich aber nicht mehr hin. Machen jetzt Araber. Die agitieren immer – Wie? Na: ich soll kein Bier trinken. – Ja. Ich sag’s dir. Ja. - Keine Ahnung wie die schmeckt, liegt ja noch auf dem Teller. Ich kann mit vollem Mund nicht mit dir reden.“ Der Typ schob die Currywurstscheiben auf seinem Teller mit dem Plastikpieker andauernd hin und her, während er telefonierte.
„Ich weiß jetzt auch, was wir an meinem Geburtstag machen. – Ist mir hier grad eingefallen: Wir gehen alle in die NBI. Kennst du. Einpaar Meter weiter runter, die Schönhauser. - Ja. Kulturbrauereigelände. – Das NBI-Orchester spielt. – Kennst du nicht. Aha. Wundert mich nicht. Die machen immer so in Lückenbüßer, die sind nie angekündigt. Aber großartig sind sie. - Also: manchmal sind sie großartig. Und manchmal sind sie bloß gut. Die improvisieren immer. – Na ja, nicht immer. Aber fast immer. - Keine Ahnung, seit wann es die gibt. Schätze mal, seit Strom aus der Wand kommt. – Aber diesmal sind sie angekündigt: 10. Februar. Sonntag. Passt! Gehen wir alle hin und feiern. Ich mach Phosphatwurstsalat. Da haben wir ne Basis zum Saufen. Alle können bei mir ihre Geschenke abwerfen und dann: dann fahren wir in die NBI. – Nein, ist nicht eklig. Schmeckt ein bisschen wie Sommer. – Weil da kein Fleisch drin ist, deshalb. Ich glaub nicht dass da Fleisch drin ist, in der Wurst. Phosphate sind da drin, Natriumcitrate, Gewürzextrakte, Antioxidationsmittel und Rauch und irgendwie fleischadäquate Ballaststoffe, vermute ich mal. – Wie „Iiie?“ – Die schmeckt halt nach nichts. Schinkenfleischwurst ist nun mal so, die ist für Salate da, so wie Currywurst für Curry da ist. – Keine Ahnung, liegt ja noch auf dem Teller. – Ähm, nein, die quietschen nicht rum. Das ist kein Freejazz. Ich hab mir mal vorgestellt, da würden lauter langhaarige, ungewaschene, Cabernet Sauvignon konterminierte Jazzmusiker rumsitzen und mit ihren Soli angeben. Fürchterlich. Aber die Elektriker machen so was nicht. Die machen schöne Musik, glaub’s mir Margit.“ Der Typ spielte, während er telefonierte, immer wieder mit dem Plastikpieker an den Currywurstscheiben herum. Auf seinem Teller sah es inzwischen aus, als hätte sich Jackson Pollock an der Wurst zu schaffen gemacht. Übrigens: Jackson Pollocks Geburtstag fällt auf den selben Tag, wie meiner. Der von dem rothaarigen Currywursttester aber nicht. Womit in diesem Text nun auch das Randthema „Geburtstag“ ans „Ich“ gekoppelt worden wäre.
„Na ja, stell dir vor Can hätten Laptops gehabt. - Ja, Can, Krautrock, 70er Jahre. Vor unserer Zeit. Kennst du doch aber, oder?. – Ja, Holger Czukay und so. Die besten Sessions vom NBI-Orchester können mit den allerbesten von Can mithalten. Wirklich. – Da singt aber immer wer anders. Keine Ahnung, wie die das regeln. Fumie von Fleckfumie singt auch manchmal. – Nein. Nein, nein. Fumie ist eine Frau. Wer hat dir denn das erzählt? Aha. Kennst du also doch? – Wie heißt der? - Na das ist ein Mann Margit, ein Mann. Die wechseln doch andauernd. - Der singt nicht immer. Hab ich noch nicht erleben müssen. – ‚Verschleppter Beatnikkrempel’ ist ja lustig. – Geht vielleicht als ‚Retro’ durch. – Egal, da spielen gute Leute mit, glaub’s mir, von Mendelsson, Kyborg, Elastic Heads, Trike - ja auch - Brigade Mondaine. Fleckfumie hab ich schon gesagt. Da sind oft mehr Leute on stage als im Publikum. – Na wenn wir alle hingehen, wird’s voll. – Schön! – Phosphatwurstsalat, Schnaps und NBI-Orchester. Machen wir. – Ich guck vorher noch, mit welchen Nachtbussen wir hier wieder wegkommen. – Müssen wir uns nicht dran halten: Die fangen nie pünktlich an! Nie! Ist halt Berlin. Ist so.“ Und dann schob der Typ sein Currywursttellerchen beiseite. „Weiß ich nicht. Ist jetzt kalt. Ess ich nicht mehr. Ich hol mir ne neue. – Ja! Margit, ich dich auch. Tschüss.“

Tschüss! Und fertig war der TafelMuzak. Keine der bisherigen Kolumnen war so mühelos zustande gekommen, wie diese hier. Zuhause brauchte ich nur noch den O-Ton abzuschreiben. Und ein bisschen kürzen musste ich auch. Zum Thema „Currywursttestessen“ will ich abschließend jedoch noch eine persönliche Anmerkung unterbringen: Anders als der Altkanzler, bin ich keine öffentlich wahrgenommene Currywurstautorität. Dennoch habe auch ich im vergangenen Jahr an zwei No-Name-Ständen richtig gute Currywürste gegessen. Und so etwas merke ich mir.
Das eine Mal mit Elvira Westwärts. Wir waren in der Schlesischen Straße. Als uns auffiel, wie trostlos der Imbiss aussah, in dem wir unsere Bestellung aufgegeben hatten, hätte ich diese gern rückgängig gemacht. Dafür war es aber zu spät. Keinen Rückzieher gemacht zu haben erwies sich jedoch schon kurz darauf als ein kleiner Glücksfall, denn die Wurst war richtig gut und das Curry sogar erstklassig, orientalisch blankgezogen.
Die zweite Wurst die Lob verdient gab’s ebenfalls in Kreuzberg, an einem Stand, der nicht wirklich No-Name ist, aber wahrscheinlich noch in keinem Curry-Guide geführt wird: in der Marheinekehalle am „Gorilla“ Fastfood-Imbiss. Ich war mit meinem Verleger zur Neueröffnung der Markthalle verabredet, wir haben uns da durchgedrängelt und rumgelästert und dann habe ich darauf bestanden, an dem Stand mit dem albernen Namen etwas zu essen. Nun ja: Die Salate sahen traurig aus; so traurig, als wären sie direkt von einem der unterirdischen Bio-Läden aus den 90ern geliefert worden, wo es immer die Kellerstufen hinab ging, wo einem schlecht gelaunte Biodealer - deren Äußeres im Laufe der Jahre dem des schrumpligen Gemüses in den maroden Holzkisten in den Regalen immer ähnlicher wurde - Rechnungen auf einem Abakus*** zurechtschoben. Die Salate bei „Gorilla“ wollten wir keinesfalls essen. Und es war auch nicht schön mit ansehen zu müssen, wie dort hochwertiges Biofastfood aus Plastikschläuchen in heiße Pfannen hineingequetscht wurde. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, haben Jörg und ich dann beschlossen, uns je eine Gorilla-Bio-Currywurst zu gönnen. Und siehe da: Es gab nichts zu meckern. So leid es uns auch tat: die Wurst schmeckte. Sogar der Preis stimmte.
Die schlimmste Currywurst des Vorjahres wurde mir – das erwähne ich hier nur der Vollständigkeit halber - außerhalb Berlins verkauft: in Potsdam. Ich war mit meinem Bruder am Hauptbahnhof verabredet, wir hatten es eilig und wir hatten Hunger. In solchen Fällen empfiehlt sich eine Curry auf die Schnelle durchaus. Dann aber lag da etwas auf dem Teller, was in seinem Format, in der Konsistenz, im Farbton, von der Temperatur her und wahrscheinlich auch im Geschmack augenfällig mit den Qualitäten des Pappkerns einer Toilettenpapierrolle übereinstimmte. Ich hab da immerhin einmal reingebissen; so mutig war ich in Potsdam, im Beisein meines Bruders.

Wie Phosphatwurstsalat zubereitet wird, weiß ich übrigens auch. Empfehlen kann ich ihn guten Gewissens ebenso, wie einen geschmacklich gradlinigen Obstbrand zum Abschluss - Marillenschnaps beispielsweise, oder einen sauberen Himbeergeist - oder auch ein, diesmal immerhin rechtzeitig angekündigtes, Konzert des NBI-Orchesters.

*** Idiotenharfe, sagt die Berlinerin.
 
Künstler: NBI-Orchester
http://www.myspace.com/nbiorchester
 
Album: Für 3 € Eintritt live am Sonntag, den 10.02.2008, um 22 Uhr im NBI-Club in der Schönhauser Allee 36, im Prenzlauer Berg. !!ERRORRRR!! DAS KONZERT AM 10.02.2008 IST ABGESAGT! DAS NBI-ORCHESTER HAT’S HALT NICHT SO EINFACH, MIT DER EINHALTUNG FESTER TERMINE,
 
Label: NBI
http://www.neueberlinerinitiative.de/
 
Rezept
 
Zutaten
 
750 g Schinkenfleischwurst
100 g Emmentaler
100 g magerer Räucherschinken
5 EL Estragonessig
5 EL Brühe
5 EL Pflanzenöl
4 TL Senf
4 TL Sahnemeerrettich
1 TL Honig
1 Zwiebel
Brunnenkresse
2 kleine Chilischoten
1 Lorbeerblatt
Salz, frisch gemahlener weißer Pfeffer
 
Zubereitung
 
Den Räucherschinken in dünne, etwa 1 cm breite Streifen schneiden, diese nebeneinander in 1 EL Öl knusprig braten, herausnehmen und abkühlen lassen.

Brühe kalt werden lassen und das Fett abschöpfen.

5 EL Estragonessig, 4 gestrichene TL Senf, 4 gehäufte TL Sahnemeerrettich, 1 TL Honig, Salz und frisch gemahlenen weißen Pfeffer miteinander glatt rühren und 5 Minuten stehen lassen. Beim Rühren sind kleine Capuccinoaufschäummixer hilfreich.

Die Zwiebel häuten, der Länge nach halbieren, in sehr dünne Ringhälften schneiden, die Schinkenfleischwurst häuten, ebenfalls der Länge nach halbieren und die Wurthälften dann in recht schmale Scheiben schneiden, den Emmentaler (oder anderen Hartkäse) in relativ dünne, 1 cm breite Streifen schneiden, den abgekühlten Knusperspeck hinzutun, und alles unter Zugabe von 2 kleinen Chilischoten und einem Lorbeerblatt vorsichtig miteinander vermengen.

5 EL entfetter Brühe in den Marinadeansatz geben und dann das Bratöl vom Speck mit weiteren 4 EL Pflanzenöl langsam und gründlich darunter rühren. Abschmecken, eventuell nachsalzen.

Die Marinade über den Salat gießen, vorsichtig umrühren. Etwa 30 Minuten ziehen lassen. Beim Servieren mit Brunnenkresse bestreuen und mit Bratkartoffeln oder frischen Butterbroten reichen.