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Portwein in der Espressotasse und März im Mai im Freien.
TafelMuzak Nº 009 von Leonhard Lorek
 
1.Mai. Berlin. Neukölln. Warthestraße. 4ter Stock. Billige 120 m2 mit 3 Balkons. Südseite.
Niemand sprach in diesem Haus ein fehlerfreies Deutsch; von ihr einmal abgesehen. „Everybody will help you.“ Sie saß auf dem mittleren ihrer drei Balkons und sah zu den Elstern hinab. In San Francisco musste es jetzt halb 11 am Morgen sein. Daylight Savings Time: das macht bloß 8 Stunden Unterschied. Auf dem beigen Plastiktisch stand eine Flasche Portwein, Fassabfüllung. Daneben eine aufgerissene Packung Spekulatius, von Weihnachten noch. Neben dem Portwein: Ihr Notebook; daher wusste sie auch, dass die Sonne um 20:23 untergehen würde. Bis Sonnenuntergang blieben noch 2 Stunden.

Die eMails hatte sie alle durchgesehen. Von Jeff war keine dabei. „Man spricht. Man macht Zeichen. Die Sonne geht auf. Die Türen gehen auf. Der Mond geht auf. Alle machen weiter.“ Mondaufgang war heute um 21:30. Spätestens dann würde sie wohl in Kreuzberg sein und Randale gucken: Polizisten und Touristen. März hatten ein schönes Album hingelegt. Vergeblich schön. Wie ein Telefonat mit Jeff. Alles schon gehabt, irgendwo und irgendwie. Und irgendwann.

Wann sie beschlossen hatte, heute ein letztes Mal auf einen Anruf aus San Francisco zu warten, wusste sie nicht mehr. Spekulatius und Portwein im Mai mit März auf dem Balkon: So ließ es sich leben, und ein letztes Mal warten.

Sie legte Kekskrümel zwischen die Chabaudnelken in den Blumenkästen und tröpfelte Portwein drauf. Für die Nelken. Oder: Für die Elstern im Baum vor dem Fenster. Sie wusste nicht, ob Elstern Spekulatius mochten. Aber sie konnte sich gut vorstellen, wie betrunkene Elstern aussehen, die ihren lärmenden Nachwuchs 2 Stunden vor Sonnenuntergang mit portweingetränktem Gebäck abfüllen. Berlin. Neukölln.

März waren gut. Nach Sonnenuntergang würde man im Westen die Venus im Sternbild Stier erkennen. Wozu ein Notebook alles gut sein konnte. Vielleicht würde um die Zeit der Elsternnachwuchs aus dem Nest kotzen.

Jeff war ein Arschloch. „Everybody will help you.“ März hören war wie Verluste ignorieren. März hören war, wie mit Jeff telefonieren. Und wenn schon die Elstern nicht besoffen würden, so doch zumindest die Chabaudnelken. Zwischendurch tat sie Portwein auch in ihre Espressotasse. Und sie knabberte am Spekulatius. „Everybody will help you.“ Sie wünschte sich eine ordentliche Randale in Kreuzberg. Nachher. Nach Mondaufgang. In knapp sieben Monaten war wieder Weihnachten, dann würde es neuen Spekulatius geben. „Everybody will help you.“ In San Francisco war es jetzt schon nach 10. Jeff dürfte ausgeschlafen haben. Niemand sprach in diesem Haus ein fehlerfreies Deutsch.

Anfang Mai geht die Venus im Nordwesten um 0:00 unter. Notebooks waren nützlicher als Mobiltelefone. Ende Mai zieht Mars nur 2° am Stern Spica im Sternbild Jungfrau vorbei. Oh ja: Vorbei. Immer vorbei. Das Telefon klingelte. Sie zuckte nicht zusammen. Sie goss Portwein in die Tasse und ging ins Zimmer hinein. Die Elstern sollten ihre Chance bekommen, vor Sonnenuntergang. Sie baute sich vor dem Anrufbeantworter auf. Abheben würde sie nicht. Nur zuhören. Sie knabberte am Spekulatius. Irgendwann hatte sie beschlossen, ein letztes Mal zu warten.
 
Künstler: März
 
Album: Love Streams
 
Label: Karaoke Kalk
 
Vertrieb: Indigo/Kompakt/A-Musik/Hausmusik