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Beefsteak Tatar: zombiemässig angerichtet von Senor Coconut und Louie Austen
TafelMuzak Nº 078 von Philipp Steglich
 
Sie sind überall und sie sind unter uns. Der Gang, vielleicht das Wesen selbst, leicht schwerfällig, aber immer noch senk- und aufrecht. Deshalb ist es eine stete Herausforderung sie von den Lebenden zu scheiden. Ich rede natürlich von den Untoten. Die eigentlich schon ordentlich verwest sein müssen. Sein sollten. Denn nicht immer haben sie Ketchup oder Stierblut im Gesicht und an Klamotten, wie uns die Filme glauben machen wollen: Aha, daran sollt ihr sie erkennen.

Ja von wegen, schön wärs. Aber: Das sind Kindermärchen für über 18-Jährige, die sich gruseln wollen. Der wirkliche Grusel, die wirklichen Schreckgespenster lauern ganz woanders. Und wenn sie (ungefragt) eintreten in unser Leben, knarzt keine Tür, knarrt kein Sargdeckel – dass die weißen Mäuse sich unters Bettgestell flüchten. So muss man seinen Blick, sein Gehör, ja alle Sinne rechtzeitig schärfen. Denn wie willst du dich sonst in Acht nehmen?

Und das musstu, sonst gehstu selber ins Totenreich. Und ohne dass du die Passage über den Styx bemerkst, etwa weil dir jemand vorher einen Silberdollar unter die Zunge schiebt. Oder einen Zwickel mit salzigem Geschmack und dem abgefeimten Konterfei eines Franz-Josef Strauß. Ja, versuch dann mal zu sprechen, da machstu uns den Demosthenes der wider die tosenden Wellen anschreit. Brüllt, den Kiesel zwischen Lippen, lispelnd. Such dich da mal zu artikulieren.

Aber warum komme ich auf Strauß, schließlich ist der ja schon tot. Aber – so sagt die Legende – er solle aufrecht begraben worden sein. Im sogenannten „Besucherhügel“, der dem nach FJS benannten Flughafen im Erdinger Moos vorgelagert ist. Darin wird er nie nicht umfallen. Wie auch! In diesem alpenländischen Pharaonengrab. Aber lassen wir die Toten – und meinetwegen in der Hocke – ruhen. Sprechen wir von den umhergeisternden Zombies.

Man muss nicht lange suchen: In der Regel sitzen sie auf unseren Schultern, deshalb fällt es so schwer sie zu finden, weil wir sie mit uns schleppen. Ach ja, deshalb! Und da sitzen sie und treten mit den Fersen in unsere Brust, während sie ihre Beinchen vorwitzig baumeln lassen. Also zu allegorisch vielleicht das alles, denn die Untoten können die Form von Gedanken annehmen oder Erinnerungen. Aber auch, und das macht sie so tückisch, die Form von Sehnsüchten und Hoffnungen, die wir weiter tragen. Schon mal was von dem Kiss of Death gehört? Genau, sowas in der Art.

Bei Gruppen, Kollektiven kann sich sowas zu einem großen Komplex auswachsen: Bürgerliche Kultur, z.B.: Tot, töter geht’s nicht, aber immer noch auf den Beinen. Also auf unseren Beinen und lässt sich rumkutschieren. Und natürlich stinkt der Fisch immer vom Kopfe her. Muss er ja, weil da sitzt die Bürgerliche Kultur und krampft sich fest ins Fleisch. Und will nicht abfallen, nicht einmal abfaulen, wie man bei ihrem Anblick schließen, ja: hoffen, möchte.

Und deswegen gibt es nur eine Rettung: Sargnägel & Totengräber. Tüchtige und feste. Das sind die Helden der Gegenwart, die mit ihrer Arbeit uns allenfalls noch ein wenig Zukunft garantieren können. Der kann einen heiteren Abschied feiern, der auf dem bombig geschlossenen, nichtfurnierten Sargdeckel sitzt und sein Liedchen pfeift. Aber so einfach ists dann doch nicht, denn da gibt’s ja noch die Spieler der Gegenpartei: die Totenräuber. Ehe man sichs versieht, ist da der Stein weggerollt, von dem Höhleneingang und es geht von vorne los.

So ist das bei Senor Coconut auch. Vor zehn Jahren, da hat er die Lieder von Kraftwerk in einer südamerikanischen Sambaversion neu rausgebracht. Und siehe da: Die Zombies spielen zum Totentanz. Aber natürlich ist jede Leichenschändung noch steigerungsfähig. Es geht immer ein wenig härter, grusliger. Glaubstu nicht?: Höre und fühle. Mit dem ehemaligen Conférencier Louie Austen hat er eine sehr spezielle Version des Liedes „Dreams are my Reality“ aufgenommen. Ein Machwerk des Richard Sanderson aus den frühen Achtzigern. Friede seiner musikalischen Karriere. Nun aber klingt uns wieder was in den Ohren, das wir zurecht verschüttet glaubten. Xylophonklänge erwecken es zum Leben. Und das aufsitzende Packerl wiegt schwerer, beißt uns mit seinen Hauern in den Nacken und will Blut sehen. Unser Blut.

Vielleicht merken wirs jetzt aber, worauf wir uns eingelassen haben. „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein“, fragstu zurecht. Also wilder Tanz und stampfen. Irgendwie müssen wir ja gewinnen. Pfähle helfen, Silberkugeln weniger. Knoblauch machts gut riechen. Und unser natürlicher Verbündeter, das Sonnenlicht: Aurora lässt sie zu Asche zerfallen.

Aber siehe, manches gehört in den tiefsten Keller gemauert. Ja, dort wo die Schieber- und Bluesabende stattfanden. Für immer. Denn du kannst das herrlichste Beefsteak Tatar, das dir Kraft gibt, mit in die Sonne bringen. So dus nicht verzehrst und dir selber zuführst, das rohe, satt rote Fleisch, in das du möglichst nicht die eigenen Fingerkuppen gehackt hast, sondern frohen Mutes auf die Fensterbank mit Ausblick stellst ... Dann, mein Freund, wirstu sehen, wie es schon nach kurzem aufersteht. Und bewegt, Beine bekommt gar und sich zur Musike wiegt. Und ein tödlicher Hauch kommt auf.
 
Künstler: Louie Austen Feat. Señor Coconut and his Orchestra
http://www.senor-coconut.com/
 
Album: Dreams Are My Reality EP
 
Label: LA Music
http://www.kleinrecords.com/website/lamusic.htm
 
Vertrieb: rough trade
 
Rezept
 
Zutaten
 
200g Rindsfilet oder -hüfte
Saft einer halben Zitrone
1 Eigelb
1 Sardellenfilet
1 EL Kapern
1 EL grüner Pfeffer
1 TL Worcestershiresauce
1 Spritzer Tabasco
mehrere Cornichons
eingelegte Jalapenoschoten
Zwiebelringe
Petersilie, Basilikum & Estragon
Salz, Pfeffer
(für 2 Portionen)
 
Zubereitung
 
Das Rindfleisch mit einem scharfen Messer fein hacken. So hats mehr Biss als bloßes Rinderhack. Kapern, Sardellenfilet, Cornichons und Jalapenos grob hacken und mit Dotter, Worcestershirecauce, Tabasco und Senf mit einer Gabel unter das Hack mengen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Mit den gehackten Kräutern und Zwiebelringen garnieren und gutes Brot dazu reichen.
Sofort servieren!

Wer sich vor „Dreams are my Reality“ gruselt, legt Bertolt Brechts „Kanonensong“ auf und freut sich am Refrain!