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| Die Einsamkeit der Fruchtzwerge, oder: Ente weißsauer mit Dot Tape Dot. |
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| TafelMuzak Nº 079 von Leonhard Lorek | ||
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„Meine Ballerina“ hatte sie einmal geheißen und „Prima Ballerina“ auch, und „Prinzesschen“ hatte sie sogar schon mehrmals geheißen. Jetzt hieß sie bloß noch „Erbstück“. „Ach, das Erbstück“, sagte er immer, wenn Besuch kam, der sie anstaunte. Er zog dann die Spieluhr auf und sie drehte ihre Pirouetten. Wenn sie Pech hatte, blieb sie mit dem Gesicht zur Wand stehen. Dann musste sie Ewigkeiten lang auf die Wand starren, bis wieder einmal Besuch kam, sie entdeckte und anstaunte und er die Spieluhr von neuem aufzog. Dieser Kerl war ein Idiot. Sie nannte ihn inzwischen nur noch „den Erben“; aber das wusste er nicht.Als sie hier hergekommen war, in diese Wohnung, hatte sie sich anfangs darüber gefreut: mal zu einem Mann, das kannte sie noch nicht. Sie hatte gehört, dass Männer handwerklich begabt seien und hatte gehofft – nein: sie hatte es erwartet – dass der Mann die Spieluhr unter ihr reparierte. Sie ruckelte einwenig, und das war ganz und gar nicht schicklich beim Pirouettendrehen. Sie schämte sich dafür, wenn sie ruckelte. Jetzt stand sie in der Küche auf dem Kühlschrank, auf einem hohen Kühlschrank, schwindelerregend hoch war das Ding. Mit dem Rücken zum Fenster stand sie da, den Küchenherd im Blick. Es war ein moderner Herd, mit Ceran-Kochfeld. Aber der Erbe war selten in der Küche. Er kochte kaum, er reparierte nicht. Immer war er auf Arbeit. Im Jahr zuvor hatte sie noch in dem großen Zimmer nebenan gestanden, da konnte sie fernsehen, wenn sie günstig stand. Und das ganze Frühjahr über und den Sommer auch hatte sie mit dem Gesicht zur Terrasse hin gestanden. Das war sehr schön. Sie hatte gestern daran denken müssen, als der Erbe die Ente weißsauer gekocht hatte. Die tote Ente hatte davor zwei Tage im Kühlschrank gelegen, unter ihr. Sie hatte sich sehr erschrocken, als er die nackte, bleiche Ente in den Kühlschrank getan hatte. Im Jahr zuvor hatte sich nämlich eine Wildente auf der Terrasse angesiedelt. Sie hatte sich unter der Korkenzieherweide in dem großen Kübel ein Nest gebaut und dann Eier gelegt und dann gebrütet. Es war sehr aufregend gewesen, der Ente dabei zuzusehen. Eines Tages schlüpften dann acht klitzekleine, puschelige Entchen aus den Eiern. Heißa, war das ein Spektakel gewesen, den ganzen Tag über. Und dann hatte der Kerl eine große Bratpfanne voller Wasser auf die Terrasse gestellt, für die Entenküken, damit sie schwimmen konnten. Überhaupt: um die Enten kümmerte der Erbe sich rührend. Es hatte ihm nicht einmal etwas ausgemacht, dass die Vögel die gesamte Terrasse verdreckten. Sogar den „Bund für Umwelt und Naturschutz“ hatte der Typ angerufen, als die Küken schlüpften. Die vom BUND kamen dann und steckten die Entenmutter in einen Sack. Die Küken wurden in einen anderen Sack gesteckt. In den Säcken wurde die gesamte Familie in die Freiheit chauffiert, irgendwohin, weit draußen, ans Wasser. Ihretwegen hatte der Erbe noch nie irgendwo angerufen, nicht einmal beim Spieluhrenreparaturnotdienst. Dabei wäre das so einfach gewesen. Die letzten Nächte hatte sie sich mit den Fruchtzwergen im Kühlschrank beraten, ob es wohl möglich wäre herauszukriegen, woher die tote Ente stammte. Das Schicksal der Fruchtzwerge im Kühlschrank war noch schlimmer, als ihr eigenes. Sie war die Einsamkeit gewohnt. Sie war ja das „Erbstück“. Die Fruchtzwerge jedoch kamen immer zu sechst an. Und dann: Kühlschrank auf und „knack, knack“, als würde ihnen das Genick gebrochen. Es war immer das selbe: erst waren es sechs Zwerge, dann fünf, dann vier, und immer wieder „knack, knack“, und dann nur noch einer, und zum Schluss keiner. Ein, zwei Tage später kamen dann neue Fruchtzwerge in den Kühlschrank, wieder zu sechst. Die Gespräche nachts in der Küche waren an und für sich nicht sonderlich gehaltvoll. Der Salzstreuer langweilte sich, die Pfeffermühle langweilte sich. Der Erbe kochte ja kaum. Sie selbst langweilte sich ganz besonders. Aber immer wenn neue Fruchtzwerge ankamen, erzählten sie von der Welt da draußen. Und der letzte, der war dann immer sehr einsam. Sie hatte auch noch keinem Fruchtzwerg verraten, was mit ihm passierte, wenn er aus dem Kühlschrank herausgeholt wurde. Egal: die Fruchtzwerge konnten im dunklen Kühlschrank auch nicht rausbekommen, woher die Ente stammte. Und immer wenn der Erbe den Kühlschrank öffnete, wenn Licht anging im Kühlschrank, wurde genau der Fruchtzwerg rausgeholt, der das Schild auf der Verpackungsfolie der Ente hatte lesen können. Der konnte dann aber nicht mehr reden. Weil: reden konnten sie nur nachts miteinander, in der Küche. Sie sorgte sich weiterhin um die Ente. Gestern war es dann soweit: Das Grauen nahm seinen Lauf; ein Grauen, wie sie es noch nie erlebt hatte, nie in ihrem ganzen langen Leben. Früher hatte sie sich davor gefürchtet, in einen Ofen geworfen zu werden, wie die Papierprinzessin und der einbeinige Zinnsoldat bei Hans Christian Andersen. Immerhin hatte sie selbst ja schon mehrmals „Prinzesschen“ geheißen und Zinnsoldaten hatte sie sehr viele kennen gelernt, früher, als es noch welche gegeben hatte. Damals waren ihr oft absonderliche Gedanken in die Träume gehuscht, von Öfen beispielweise. Ihr war ihr Alter nicht anzusehen, sie hatte sich gut gehalten. Sie war aus Porzellan. Porzellan altert nicht und brennt nicht und überhaupt. Ihr Tütü wäre lediglich verbrannt; das war nämlich aus Stoff: neunlagig. Dann hätte sie nackt in der Asche gelegen. In den modernen Wohnungen gab es aber keine Kachelöfen mehr. Mit den Kachelöfen gingen auch ihre Alpträume dahin. Gestern jedoch kam es ganz schlimm, wie in ihren Kachelofenalpträumen von früher: Nicht nur, dass dieser Kerl die tote Ente in genau der selben Pfanne anbriet, in der im Frühjahr die Küken geschwommen waren, nicht nur, dass er sie im Bräter in den vorgeheizten Herd schob, nein: es kam noch viel, viel schlimmer! Er hatte Musik mitgebracht, in die Küche; die ganze Zeit über, die er in der Küche gewesen war – und er war lange in der Küche gewesen, denn Ente weißsauer dauert – lief Musik von Dot Tape Dot. Bittere Tränen hätte sie weinen können, aber sie war aus Porzellan. Und Porzellan weint nicht. Es altert nicht, es brennt nicht und es weint nicht. Die Musik von Dot Tape Dot war herzzerreißend. Eine wunderschöne Musik, wie aus einer reparaturbedürftigen Spieluhr. Die Musik ruckelte sogar ein wenig. Ach, wie gern hätte sie dazu Pirouetten gedreht, völlig losgelöst ihr Tütü zu der akustischen Gitarre zittern lassen, zum Glockenspiel, zur Bouzouki; ja selbst mit Spielzeug aus der Grabbelkiste machte Dot Tape Dot Musik. Das allerschlimmste, brutalste, beleidigendste aber war: Dieser Barbar, dieser ignorante Kerl: der Erbe! Er kaufte sich Musik, die von ihrer Spieluhr hätte sein können; sie jedoch ließ er nicht tanzen. Er war so gemein! Die ganze letzte Nacht über hatte sie viel geseufzt und gegrollt. Erst gegen Morgen fasste sie sich. Sie fasste sich und fasste gleichfalls frischen Mut. Sie war nämlich – schluchzend zwar, aber immerhin – zu dem Schluss gekommen, dass der Erbe zum Ente weißsauer-Essen sicher Besuch einladen würde. Und der Besuch, der würde sie entdecken, würde sie anstaunen. Und dann: dann musste der Erbe die Spieluhr wieder aufziehen. Wenn sie Glück hatte, würde sie anschließend mit dem Gesicht zum Fenster hin stehen bleiben und dann in die Welt hinaussehen; in eine Welt, in der Musik gemacht wurde, wie die von Dot Tape Dot. SEIT FERBUAR 2008 RESIDIERT DER TAFELMUZAK AUCH AUF MYSPACE > http://www.myspace.com/tafelmuzak |
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| Künstler: Dot Tape Dot http://www.myspace.com/puntotapepunto |
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| Album: Tomavistas: [Selected Rarities 2002 – 2007] | ||
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| Label: Other Electricities http://www.lastfm.de/label/Other+Electricities/ |
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| Rezept |
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| Zutaten | ||
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| 1 Ente 1 Bund Suppengrün 1 Karotte 4 Schalotten ½ Knoblauchzehe 8 Pfefferkörner 3 Nelken 3 Pimentkörner 3 Wacholderbeeren 1 Prise Zucker 2 Lorbeerblätter Salz, frisch gemahlener weißer Pfeffer, Beifuß, Thymian, Rosmarin, etwas Margarine und Balsamicoessig |
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| Zubereitung | ||
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| Die Ente putzen, auswaschen und von allen Innereien befreien, innen und außen mit Salz, weißem Pfeffer, Beifuß würzen. Von allen Seiten anbraten, Farbe nehmen lassen, herausnehmen und in einem Bräter 3 Schalotten, Knoblauch, Lorbeer, Pfefferkörner, Nelken, Wacholderbeeren, Pimentkörner, frischen Rosmarin und Thymian sowie ein grob geschnittenes Bund Suppengrün in Margarine anschwitzen. Mit Wasser auffüllen, nachsalzen, die Prise Zucker dazutun und knapp 2 Stunden köcheln lassen, bis die Ente weich ist. Die Ente herausnehmen, auskühlen lassen, die Haut entfernen und das Fleisch auslösen. Den Fond passieren, gänzlich entfetten. Weiter einköcheln lassen, bis er geliertauglich ist. Wer dem Geliereffekt aus eigener Kraft misstraut, kann gern Gelatine verwenden: pro Liter Flüssigkeit 10 Blatt. Mit hellem Balsamico – Empfehlung: Estragonessig auf Balsamicobasis – kräftig und pikant abschmecken. Die Konsistenz des Aspiks sollte nicht zu fest sein. Eine Karotte in ca. 6 mm dicke Scheiben schneiden, kurz in Butter oder Margarine mit etwas Salz und Pfeffer andünsten; die Karottenscheiben sollten auf jeden Fall bissfest bleiben. Abschrecken und abtropfen lassen. Eine Schalotte in sehr feine Ringe schneiden. Das Entenfleisch, die Karottenscheiben und die Zwiebelringe gut durchmischen und in ein Gefäß schichten. Den Fond aufgießen, erkalten lassen. Die kalte Ente weißsauer zu sehr heißen Bratkartoffeln mit Salbei und einem Rettichsalat servieren. |
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