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Seetang in den Haaren von Nina Hynes & the Husbands
TafelMuzak Nº 080 von Philipp Steglich
 
Am Ufer: Wellenberge, ganz kleine, laufen Linien bildend heran und gehen unter. Schwipp-schwapp; und das meint jetzt nicht das Limonade-Mix. Unter Wasser: Schottersteine, die Moos angesetzt haben, sehen aus wie Kellerasseln. Die Moos-Härchen rudern nun mit dem Wasser nach vorne und dann wieder nach hinten. Das tief-dunkle Wasser des Ammersees im Voralpenland. Feste Dampferstege führen hinein und sind wie auch die Bootshütten Zeichen menschlicher Behausung, ja Zivilisation. Das Holz natürlich am verwittern, das Hennarot geht raus und von unten wird es grau und weißgrau. Weil ganz, ganz Sinnbild.

Stille Wasser: tief. Dunkle Wasser: gefährlich. Wurde dir alles mitgegeben. Und natürlich beim Hinausschwimmen, versuchstu dich erstmal immer ganz flach zu halten. Dass sich nicht die Gliedmaßen verfangen im Gestrüpp der Algen, die vom Grund auf hin zur Sonne wachsen. Denen ists nämlich auch zu blöd da unten. Dann natürlich der Horror, jedesmal, die aufsteigenden Brecht-Reminiszenzen. Die „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“ kommt immer wieder hoch aus Jugendjahren, obwohl du doch schon damals immer und immer wieder den Forward-Knopf gedrückt hast, um sie zu übergehen. Und immer zu spät und deswegen eben jetzt das:

Der Brecht kommt dir hoch und die Liedzeilen: „Als sie ertrunken war und hinunterschwamm / Von den Bächen in die größeren Flüsse / Schien der Opal des Himmels sehr wundersam / Als ob er die Leiche begütigen müsse.“ Es ist ja eigentlich zum Abgewöhnen. Aber an einem sonnigen Tag, wenn kaum ein Hauch die Kastanienzweige streift und selbst das vierte Helle nicht mehr erfrischt, musstu rein in die Fluten. Dich dem Moder stellen, der janz speziellen oberbayerischen Dialektik. Also irgendwo steckt da eine schöne Leiche, wenigstens mit einem Bein, tief im Schlick.

Nina Hynes hat das ganz ähnlich einfach drauf. Erstmal also die Beobachterposition: „Watch you crawl“. Und trotzdem gehts dann mit ihr durch: „Your heart, a darkness covers me / Your heart, a darkness smothers me“. Das alles in herzrührenden, ja charmanten Klagelauten, als wäre hier die Wasserleiche schon vorweggenommen. Obwohl der/die Liebste noch krault. Aber so ist das im Leben. Wenn man den Zeitpunkt nicht weiß. Und man weiß den Zeitpunkt nie. Obs jetzt nun reicht: für den Aufstand, die Revolution, den Eisprung. Den Samenerguss auch. Im Großen, wie im Kleinen. (Wer hat eigentlich an der Uhr gedreht?)

Noch weitere zehn Meter raussschwimmen? Da es auf dem Wasser keine Maßstäbe gibt: bis zur Boje? Und wenn ja, zu welcher. Gar umrunden? Im oder entgegen den Uhrzeigersinn? Das sind die Fragen! Dabei immer die Augen links (gewählte Perspektive: vom Ostufer) auf die Alpen. Föhn ist, wenn sie am unteren Seeende hochzuragen scheinen. Dahinter beginnt dann irgendwo das Meer.

Also alles wieder eine Frage der Perspektive und natürlich des Wetters. Welt macht sich nicht von selbst. Auch die bleichen Wasserleichen: Wir haben sie hineingeworfen und sehen sie jetzt untergehen. Und wenn wir sie kraulen lassen, wie Nina Hynes and her Husbands, dann machen wir sie eben kraulen und nicht ersaufen. Und dann ringen wir dem Schönheiten ab. Artikulieren unsere Imperative und Sehnsüchte: „Hush now and lover me / Hush now and cover me.“ Der Segen ist also wie ein großes Badehandtuch, das sich perwollen um uns schmiegt. Und nicht das Schmirgeltuch, mit dem wir (mütterlicherseits ausgesteuert) vor die Seen treten.

Mehr Weichzeichner, mehr Weichspüler! Das als Forderung? Aber natürlich: die große Lehrstunde des Lebens dann, die zur Erkenntnis führt. Genau das bewirkt die Eutrophierung der Gewässer. Und alles ist hinüber. Was bleibet also? Ringkanalisation!
 
Künstler: Nina Hynes & the Husbands
http://www.ninahynes.com/
 
Album: Really Really Do
 
Label: Kitty-Yo
http://www.kitty-yo.net/
 
Rezept
 
Zutaten
 
1 Packung getrockneten und in Streifen geschnittenen Seetang/Seegras (seaweed) aus dem Asia-Laden.
1 Knoblauchzehe, gehackt
Sesamöl, Chinkiang-Essig, Chili-Öl, helle Soja-Sauce
1 Bd. Frühlingszwiebeln
 
Zubereitung
 
Getrockneten Seetang lauwarm wässern. Das Wasser dabei mehrfach erneuern. Abtropfen lassen und in einer Marinade aus Knoblauch, Essig, Öl und Soja-Sauce sanft erwärmen und eine Viertelstunde durchziehen lassen. Nochmals abschmecken.
Mit fein geschnittenen Frühlingszwiebeln garnieren.