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| Vom Genfood und den Wechselwirkungen im Folklabor. |
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| TafelMuzak Nº 081 von Leonhard Lorek | ||
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Jetzt hatte sie noch 10 Stunden Zeit, ihren Genfood-Artikel fertig zu schreiben. Gestern, als sie mit dem Plattendealer ihres Vertrauens über ihre Recherchen gesprochen hatte, waren es 24 Stunden mehr gewesen. „Ach, wie die Zeit vergeht.“ Seufzen war angebracht, bei einem solchen Arbeitspensum an einem 1. Mai.„Wenn du über Genfood schreibst, musst du Folklabor hören“, hatte der Plattendealer gesagt und ihr die CD zugesteckt. Vom Namen her schien ihr die Empfehlung schlüssig; auf dem Cover machte ein schmaler Waldschrat mit irgendwie Britpopfrisur unter dicken Kopfhören gymnastische Übungen vor einer Waldschneise in schwarzweiß. „Ja, warum nicht,“ hatte sie sich gedacht: „alles neu macht der Mai.“ Geld raus aus der Tasche, CD rein in die Tasche und raus aus dem Laden, mit dem Versprechen, dem Plattendealer den Artikel noch vor der Veröffentlichung zuzustecken. „Als gentechnisch veränderte Lebensmittel gelten solche, die aus gentechnisch veränderten Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen (GVO oder im Englischen GMO) bestehen, derartige enthalten oder daraus hergestellt werden.“ Sie gähnte. Sie saß am Rechner und sah ihre Aufzeichnungen durch. Sie hatte das Folklabor-Album eingelegt und wusste nicht so recht, was die Musik mit ihr anstellte. Wurde sie dadurch friedlich gestimmt? Freundlich, oder melancholisch? Oder wurde sie nur von der Arbeit abgelenkt? Sie griff nach einem Stapel Tagebücher im Regal und blätterte die 1. Mai-Notizen der Vorjahre durch. Vielleicht stimmte die Musik sie ja sentimental; an irgendetwas erinnerte sie dieses Folklaborzeugs. Da war es dann auch: sechs Jahre her: „Everybody will help you“, hatten März*** damals gesungen. März im Mai hören war cool, damals, und neu. Aber damals hieß solche Musik noch nicht Nufolk, Neofolk, Elektrofolk oder wie auch immer. Und wenn irgendwer „Folklabor“ aufs Cover geschrieben hätte, hätte niemand ein solches Album angefasst. Insofern war an Folklabor nichts wirklich neu, obwohl sie sich nicht wie März anhörten. Neu war allerdings, dass selbst sie jetzt solche CDs anfasste. Damals hatte sie an einem 1. Mai Spekulatius, der von Weihnachten übrig geblieben war, in Portwein getunkt und auf dem Balkon abgelegt, für die Elstern, die im Baum vor dem Haus wohnten. Wenn diese das Zeug an ihren Nachwuchs verfüttern, dann hätte sie den kleinen betrunkenen Elstern zusehen können, wie sie über den Nestrand kotzten, hatte sie sich damals gedacht, ja: gemeinerweise sogar gewünscht. Wo waren denn überhaupt die Elstern abgeblieben? Vom Balkon aus gab’s kein Nest mehr zu sehen. Nun ja: immerhin war das ja schon sechs Jahre her. Vielleicht hatten die Elstern zwischenzeitlich an irgendwelchem Genfood genascht und zuvor die Folgen nicht bedacht. „Genetisch hinzugefügte Eigenschaften orientieren auf Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel, gegen Insekten und Viren, sie bewirken männliche Sterilität, sterile und somit für die Wiederaussaat ungeeignete Samen.“ Unwillkürlich klappte sie das Album auf und sah im Booklet nach: Darin war der Folklaborant, der gymnastizierende Waldschrat, halb nackt zu sehen, mit seiner Gitarre. Etwas albern in der Pose, aber ganz süß. Und die Figur: hm, wohl kaum Genfoodkörper. „Die Reifeverzögerung und die Änderung des Fettsäuremusters zu Zwecken erhöhter Haltbarmachung“ zählten schließlich auch zu den Intentionen von Genmanipulateuren. Sie seufzte wieder. Die Frau auf der Coverinnenseite rauchte immerhin Zigaretten. Ein sehr sympathischer Zug an einer Frau, die auf dem Album irgendwo auch etwas von Traktoren sang. Sie selbst war noch nie Trecker gefahren. Das Unangenehme am Genfood war vor allem, dass die Risiken von Langzeitwirkungen auf den menschlichen Organismus, auf die Umwelt, usw., überhaupt nicht hinreichend erforscht waren. Sie hielt sich die Hand vor den Mund – Genfoodrecherchen lösten Gähnanfälle aus, zumindest bei ihr. An Folklabor hingegen war die Unzuverlässigkeit reizvoll, fiel ihr in diesem Zusammenhang auf. Sie wusste nämlich nicht so recht, wie sich die Musik auf ihre Psyche auswirken würde, mittelfristig. Vocoderstimme, Zupfgitarre, ein klein wenig Elektrogerödel. „Aufgrund sensibilisierter Verbraucherinnen und Verbraucher gibt es innerhalb der Europäischen Union, seit der Aufhebung des Import- und Anbauverbots 2004, strenge Gesetze zur Rückverfolgung und speziellen Kennzeichnung ...“ Waren März damals nicht auch von Österreich her in die Welt geschwappt, ebenso wie Folklabor jetzt? Sie meinte sich vage erinnern zu können. Aber wo waren März jetzt? Wo sind sie geblieben, die Herren? Verschollen, wie die Elstern-Eltern? Sie stand auf und drehte an den Reglern: Laut hören, eh alles verschallt, verschollt, verchillt oder wie auch immer. Sie würde das Album ab sofort sooft durchlaufen lassen, bis sie ihren Artikel fix und fertig hatte. Währenddessen konnte sie austesten, ob diese Musik sie nun friedlich, freundlich, wehmütig werden ließ oder ob sie davon auf eine ganz tückische Art aggressiv gestimmt würde. Vor sechs Jahren hatte sie immerhin halbnackte Elsternbabys kotzen sehen wollen. Und irgendetwas in der Art konnte ihr heute auch noch einfallen, eventuell; das hatte sie im Gefühl. „Die gesetzlich geforderte bestmögliche wissenschaftliche Risikobewertung ist bislang nicht gegeben, Tests auf Fortpflanzung und Nerven werden nicht durchgeführt,“ stand in ihren Notizen. Egal! Sollte die Musik sie bösartig machen, konnte sie am Abend immer noch nach Kreuzberg fahren und volksnah an der Mai-Randale partizipieren. Vielleicht aber – sie schlug nochmals das Booklet mit dem halbnackten Gitarrenzupfer auf – vielleicht war alles doch viel, viel simpler, als sie es vermutete; vielleicht war es einfach bloß der Monat als solcher – zufällig pünktlich, schon vom 1. Tag an – der in ihr zu rumoren begann. Wobei sie dann schlichtweg „maimanipuliert“ wäre, was genbedingt als „bio pur“ durchging, zweifelsohne. In einem solchen Fall lohnte es sich immer in Richtung Kreuzberg zu ziehen, mitten rein ins randalierende Testosteron. Volksnah am ersten Mai! Und das nicht erst in 10 Stunden. Dass die in ihr aufkommende Motivation, die lästige Maiarbeit nunmehr rasch zu erledigen, auch von der einen oder anderen Wechselwirkung im Folklabor ausgelöst worden war, wollte sie nicht ausschließen, zu diesem Zeitpunkt. Nein – das konnte sie gar nicht ausschließen; zuvor war allemal Feldforschung angesagt, tiefgehende Feldforschung. Als Symptom für die Motivation konnte sie bisher nur festhalten: Sie hatte aufgehört zu gähnen. *** 2002_05_TafelMuzak_09_März DER TAFELMUZAK IST SEIT MITTE FEBRUAR 2008 AUCH AUF MYSPACE STATIONIERT. EIN ERHEBLICHER TEIL DER KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER, DIE FÜR DIESE KOLUMNE BEREITS THEMA WAREN, IST MIT DER SEITE VERLINKT. http://www.myspace.com/tafelmuzak |
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| Künstler: Folklabor http://folklabor.at/ |
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| Album: The Slider In Advance | ||
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| Label: Angelika Köhlermann http://angelika.koehlermann.at/ |
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| Vertrieb: Broken Silence | ||
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