Verbrecher Verlag

Startseite

Verlagsprogramm
(mit Bestellfunktion)


Belletristik

Sachbuch/Politik

Stadtbücher

Kunst/Comic

Schnäppchen

Vorschau/Vorbestellen

T-Shirts

CD / DVD

Warenkorb

vergriffene Titel

Verbrecherversammlungen

Lesungen

Textarchiv

AutorInnen

Newsletter

Tafelmuzak

Links

Kontakt

Das aktuelle Programm
zum Download


Unterm Pflaumenragout mit Joghurteis: Jurakalk. Darunter: ein Platz für Thomas Mann. Darüber: Hauschka.
TafelMuzak Nº 084 von Leonhard Lorek
 
Mein lieber Scholli, hast Du schon mal einen Brief bekommen? Schätze mal: Es ist Dein erster. Ich jedenfalls habe noch nie einen geschrieben; außer an Ämter halt. Aber „an Ämter“ gilt nicht, glaube ich. Ist mein erster richtiger, quasi. Und Briefeschreiben sollte man schon drauf haben, als ein Literaturwissenschaftler von Morgen! Hat aber noch einen anderen Grund, der Brief: Sieh Dir mal die Rückseite an. Ja! Deshalb „Brief“! Ich habe da alles unterstrichen, was ich gegessen habe in dieser Woche. Falsch: Ich habe nicht „gegessen“ – ich habe „gespeist“. Und Du wirst nicht glauben, wo. Und die Preise hättest Du mir ohne Beweisstück auch nicht geglaubt!

Mal von Anfang an: Meine Macke, in den Semesterferien lauter bürgerliches Zeug zu lesen, reicht so weit, dass ich „Tod in Venedig“ für Berlin eingepackt hatte. Thomas Mann. Mannomann: es funktioniert, wirklich. Diese Lektüre verändert die Weltsicht, oder zumindest den Blickwinkel beim Betrachten von Weltlichem. Aus diesem Winkel angestaunt, wirkt Berlin bürgerlich. Und zwar sowas von bürgerlich, Du glaubst es nicht! Der Gysi sagt immer, dass Berlin das Bürgertum fehlt. Drauf geschissen – voll bürgerlich die Stadt, auch ohne Bürgertum!

Ich hab mich hier in „Berlins famous loser-district“ Neukölln einquartiert. Ich wollte Elend gucken. Gleich vom ersten Tag an. Ich dachte mir: Ich mach auf dekadent. Ich hab mir das neue Hauschka-Album eingestöpselt – wunderbar bürgerlich: bürgerlich vom Feinsten! Präpariertes Klavier, Celli, eine Geige, eine Posaune, repetitive Minimalstrukturen, alles – hm, wie soll ich’s sagen – schwelgt im Delikaten. Keinesfalls schwülstig oder peinlich. Nein! Als gäbe die Seele eines genesenen Rainer Maria Rilke Töne von sich. „Haste Töne“ sagt man übrigens nicht mehr in Berlin. Hab ich hier noch nirgendwo gehört.

Aber Du hör Dir mal an, wie dieser alte, trockengelegte Herr Mann seine Wixxer-Hymne verklärt: Im „Gesang vom Kindchen“ gibt’s nämlich einen Hexameter, der sich versteckt auf die Venedignovelle bezieht: „Siehe, es ward dir das trunkene Lied zur sittlichen Fabel“. O lala! Ich für mein Teil rede lieber vom Sinnlichen, nicht vom Sittlichen! Und ich muss ganz klein schreiben, sonst reicht der Platz nicht aus.

Ich bin letzte Woche – mit dem Büchlein in der Hand und Hauschka im Ohr – so durch Neukölln gelaufen, auf der Suche nach einer Parkbank. Genauer: ich bin gehüpft, geschwebt, wie ein Herbstblatt im Wind, wegen Hauschka. Ich hab mich geärgert, dass ich mein Skateboard nicht dabei habe; Beton gibt’s hier nämlich auch. Na ja: Eh ich eine Parkbank finden konnte, stand ich vor einem riesigen Parkplatz. So gut wie leer das Ding. „24 h bewachte Parkplätze günstig zu vermieten für PKW und LKW“ ist draußen am Zaun plakatiert. „Ach ja: gefährliches Neukölln“, dachte ich. Also: Rauf auf den Parkplatz, weil weiter hinten ganz schlimme Klinkerachitektur zu sehen war. In solchen Gemäuern hätte Fritz Lang seine Nibelungen drehen können. Aber ich kam da gar nicht erst hin, weil: Da war auf einmal ein Schild. Mit Kreide waren da Gerichte zu Preisen draufgeschrieben, die ich nicht glauben wollte. Ich also rein in so einen Klinkerschacht zwischen zwei Gebäuden, in Erwartung einer Armenküche oder so. Und dann: Das Wunder von Neukölln! Es ist ein Ausbildungsrestaurant! Hier versuchen Azubis das, was sie in der Schule gelernt haben, praktisch anzuwenden. Du lachst dich kaputt! Das Essen ist vorzüglich. Die Preise sind lächerlich. Und die Performance der Azubis ist schlichtweg einmalig. Wie sie einander über die Beinchen stolpern, wie sie sich mit den Höflichkeitsfloskeln verhaspeln und beim Kopfrechnen rot werden, wenn etwas schief geht. Thomas Mann hätte zwischen lauter Seufzern wahrscheinlich kaum einen Bissen runtergekriegt.

Ich steh zwar nicht auf kleine Jungs, aber deren Auftritte sind unnachahmlich. Seither esse ich jeden Tag hier. Inzwischen hab ich auch ein paar Stars unter den Azubis ausgemacht und ihnen Namen gegeben.

Da ist beispielsweise der „Herr Wien“. Herr Wien ist relativ groß – die anderen könnten allesamt auch unterm Tisch bedienen – und etwas steif im Rücken. So ein Blasser, mit Vampirzähnen, der den perfekten Diener kann. Wahrscheinlich hat er einen Nachnamen, der mit „itsch“ aufhört. Jedenfalls wäre der prima in einem Wiener Café aufgehoben. Darum: Herr Wien.

Oder „Das Mädchen“. Das Mädchen ist gar kein Mädchen, aber eigentlich doch ein Mädchen, denn schwul allein kann der nicht sein: Ein blonder, zerbrechlicher Junge mit Hautproblemen und einer Stimme, wie sie ein nektarverkaterter Engel kurz nach dem Aufstehen haben dürfte. Den frag ich immer was, bloß um die Stimme zu hören. Neulich hab ich gefragt: „Wer bildet sie denn hier in der Küche aus?“

„Wieso? Will der Herr sich beschweren?“, fragte er mit angstweiten Pupillen.

„Nein, keineswegs. Im Gegenteil: Ich bin vollauf zufrieden.“
Und er: “Und wie ist es mit dem Service?“

„Was soll ich sagen? Hinreißend!“, habe ich wahrheitsgemäß geantwortet.

„Hinreißend!“ Das Mädchen hob die Schultern an und seufzte „Ich bin nämlich Küche, und nicht Service.“

„Und was machen sie dann hier draußen? Strafarbeiten?“

„‚Strafarbeiten?’ Ach! Wie entzückend, der Herr. Nein, nicht Strafarbeiten. Wir rotieren hier. Die vom Service müssen auch in die Küche und die Küche in den Service und Rezeption, damit wir über den ganzen Betrieb Bescheid wissen. Ich bin ja Küche. ‚Strafarbeiten’‚ wirklich entzückend der junge Herr.“ Und das alles mit dieser unnachahmlichen Stimme. Mein lieber Scholli, das musst Du dir mal antun. Da bist Du auf einmal in einem ganz anderen Jahrhundert, mitten in Berlin, in Neukölln.

Oder „Der Taffe“. Der Taffe ist auch klein und irgendwie blond, aber total anders drauf, als das Mädchen. Der Taffe hat mit seinen vielleicht achtzehn Jahren bestimmt schon ein beträchtliches Sündenregister auf dem Kerbholz. Das ist so ein Mädchenumschubser. Während das Mädchen Karriere auf einem Ausflugsdampfer machen wird, honoriert mit reichlich Trinkgeld von tuschelnden Großmüttern, hat der Taffe eine Karriere in piekfeinen Hotels vor sich. Oder als teurer Barkeeper. Verbal sehr fit, schätzt er Gäste einzeln ein und hält eine angenehme Distanz zu jedem. Bei mir ging das beispielsweise so: Der Taffe spulte seinen Abschiedstext ab und fragte „Hat es ihnen geschmeckt?“

Ich: „Nichts zu beanstanden. Und die Rote Grütze war gut, allerdings habe ich hier letzte Woche eine bekommen, von der ich sagen muss: Es war die beste Rote Grütze meines Lebens. Nun ja: an jene reicht die heutige nicht heran.“

„Sind sie sicher? Verwechseln sie „jene“ nicht mit dem Pflaumenragout an Joghurteis?“

„Na hallo! Das weiß ich wohl zu unterscheiden; zumal die Zimtnote am Pflaumenragout überraschend geschickt das Joghurteis flachlegte.“

„Wann, sagten sie, gab’s diese Rote Grütze?“

„Vor einer Woche.“

„Aha, vor einer Woche also. Na dann kommen Sie doch in einer Woche wieder.“ Sagt’s und grinst. Mein lieber Scholli – ich war begeistert.

Wie gesagt: Du musst herkommen und dir das anschauen. Thomas Mann hätte sich hier beisetzen lassen, in diesem Schacht zwischen den Klinkerfassaden, unter Jurakalkmosaikpflastersteinen. Täglich würden Azubis über seine Gebeine drübertapsen. Idealerweise zu der Musik von Hauschka. Ja! Das ist bürgerlich, mein lieber Scholli.

Als der Taffe dann von mir gut zwei Euro Trinkgeld bekam, räusperte er sich: „Oh, danke schön! Da kann ich heute ja auch mal hier essen.“ Mir ist völlig klar, dass der nicht in einer Eckkneipe verranzt.

Hoffe mal, Du hast den Schreck verdaut, dass ich Dir einen Brief geschrieben habe – und das auch noch von Hand! Komm Du mal nach Neukölln, solange noch Semesterferien sind. Lass uns leckeres Zeug verdauen. Lass uns Hauschka hören. Lass uns bürgerlich sein. Und meinethalben auch schwul.


DER TAFELMUZAK IST SEIT MITTE FEBRUAR 2008 AUCH AUF MYSPACE STATIONIERT. EIN ERHEBLICHER TEIL DER KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER, DIE FÜR DIESE KOLUMNE BEREITS THEMA WAREN, IST MIT DER SEITE VERLINKT. http://www.myspace.com/tafelmuzak
 
Künstler: Hauschka
http://www.myspace.com/hauschka
 
Album: Ferndorf
 
Label: FatCat Records
http://fat-cat.co.uk/fatcat/
 
Vertrieb: Pias
 
Rezept
 
Zutaten
 
Nachfolgend aufgeführte Gerichte waren auf der Briefrückseite unterstrichen:



Mo: Mit Gemüse gefüllte Wraps an Salat 3,20 €

Di: Kassler mit Speckstippe an Sauerkraut und Kartoffelpüree 3,80 €

Mi: Böfflamott auf Blaukraut mit Spätzle 4,20 €

Do: Leberknödelsuppe 1,80 €

Fr: In Senf-Dill-Soße gedünstetes Pangasiusfilet an Gemüsestreifen und Reis 4,20 €
 
Zubereitung