Verbrecher Verlag

Startseite

Verlagsprogramm
(mit Bestellfunktion)


Belletristik

Sachbuch/Politik

Stadtbücher

Kunst/Comic

Schnäppchen

Vorschau/Vorbestellen

T-Shirts

CD / DVD

Warenkorb

vergriffene Titel

Verbrecherversammlungen

Lesungen

Textarchiv

AutorInnen

Newsletter

Tafelmuzak

Links

Kontakt

Das aktuelle Programm
zum Download


Alex Gopher und Demon und Austern für alle. Oder Charlotte Himbeere.
TafelMuzak Nº 008 von Leonhard Lorek
 
Die flache Schlucht der Französischen Straße. Berlin Mitte. Dienstag. 18.30 Uhr. Vor dem Portal der Galeries Lafayette begegnete ihr Hans Olaf Henkel. Zu Fuß sah der Mann harmlos aus, so als Mensch unter Menschen. Er schien ihr sogar ein wenig unsicher zu sein.

Nach Büroschluss joggte sie, jeden Tag. Sie hatte ihre Standardstrecke. Ihr Leben war ritualisiert. Morgens joggen. Dann Körperpflege. Dann Kosmetik. Dann Büro. Dann Joggen. Dann Körperpflege. Dann Kosmetik. Und 2 Mal in der Woche: Kino. Kino oder Theater oder Kunst. Dazwischen blieb immer ein klein wenig Zeit, ein klein wenig was zu essen. Sie joggte ohne Discman. Beim Joggen ließ sie sich nichts aufzwingen, von außen; kein Tempo, keinen Rhythmus. Jetzt aber war das anders. Alex Gopher hatte mit Demon ein Album eingespielt, dass den perfekten Soundtrack zur Französischen Straße lieferte. Zu den Schaufenstern. Zu den Auslagen. Zum Licht. Zu dieser halbschnellen Sorte Menschen, die hier unterwegs war, um diese Tageszeit. „Austern für alle. 2 Stück = 1 €. So lange der Vorrat reicht.“ French-House im Bauch. Austern unterm Gaumen. Und dazu einen Muscadet. Warum nicht. Die Fressabteilung der Galeries Lafayette köderte.

Eh sie die Rolltreppe nach unten nahm, ging sie noch die Sportsware-Angebote durch. Es bereitete ihr Vergnügen, mit der einen Hand die Kleiderbügel im Rhythmus der Musik zu verschieben und mit der anderen, oft gegen den Rhythmus, Preisschilder zu wenden. Da war nichts, was sie sich nicht leisten konnte. Da war nichts, was sie nicht schon gesehen hatte. Teures Zeug. French-House für die Mittelschicht.

Sie nahm nicht den Aufzug. Für das eine Stockwerk hinunter zu den Schalentieren im Angebot nahm sie die Rolltreppe. Unten: Poisson. Und haufenweise Leute vor leeren Austernschalen. Die Kalkgehäuse türmten sich auf den Tellern wie Gerümpel. Grün und grau. In diesem Gerümpel steckten weiße, benutzte Servietten. Den Muscadet Gras-Plan gab’s für 6.50 € á 0,2 l. Nein. Nein. das musste nicht sein.

Sie sah sich um. Fromage? Heute? Auch: Nein. Sie rannte ihre Kilometer nicht nur des Adrenalins wegen. Ihr war nach Kalorien zumute. Jetzt.

Als sie durch die Rue Chapon auf den Faubourg St Honore zusteuerte, wo die Patisserie mit den kleinen Kuchen lockte, zischelte es bei Gopher sehr verführerisch. Sie schwankte kurz zwischen „Ministre“, „Charlotte Himbeere“ und „Rendezvous“ und entschloss sich dann für die optisch gefährlichste Ration: Charlotte Himbeere. Dazu nahm sie einen einfachen Kaffee.

Hans Olaf Henkel war nirgendwo zu sehen, und so setzte sie sich in der Rue Chapon vor den zylindrischen Glasaufzug der die Leute herunterschaffte, aß zuerst das kleine zartbittere Stückchen Illy-Schokolade, das auf der Untertasse neben dem Zuckerröllchen abgelegt war, nahm einen Schluck Kaffe und begann dann langsam die Charlotte Himbeere zu zerlegen. French-House. Raffiniertes Zeug. Allein die weiße Schokolade, die den Dekor ausmachte, kam ihr leicht ranzig vor; etwas zwar nur, aber immerhin.

Die leergelutschten Austernschalen waren außer Sichtweite. Sie genoss den Anblick der verschiedenen Menschen der halbschnellen Art die der Aufzug in ihr Blickfeld schaffte. 2 Stück = 1 €. So lange der Vorrat reicht. Sie genoss Alex Gopher und Demon und die Kalorien für 4,25 € ganze 54 Minuten lang. Während dieser Zeit fehlte ihr nichts. Gar nichts. Auch nicht Hans Olaf Henkel.
 
Künstler: Alex Gopher und Demon
 
Album: WUZ
 
Label: V2