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.drauf Faust und Hering, Heineken
TafelMuzak Nº087 Evgenij Dvorkin
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Amsterdam, Hotel "de Filosoof". Hier gehört jedes Zimmer einem Geist aus der Endlosigkeit der Philosophie. Mein Zimmer hat Pierrot in Besitz genommen; und mich gleich dazu. Man könnte fast sagen, dass er mein perfekter Doppelgänger ist. Oder aus Respekt: umgekehrt.
Nachtschatten wandern durch die Amstelstadt. Das Haschisch macht mich weicher, nachdenklicher, lilaner. Erinnerungen an alte Zeiten kommen hoch: in Hannover, damals. Zu viel gekifft, Vater sauer, ruft Polizei. Bevor die Uniformierten vor der Tür stehen: Zwist von zwei Seiten einer verschlossenen Tür. Vater klaut mir Geld aus dem Portemonnaie, damit ich wieder dem Reinheitsgebot entspreche. Natürlich hole ich mir die Drecksasche zurück.
Vier Kampfmaschinen klingeln Sturm, wollen mich sofort verhaften. "Lass ich mir nicht bieten", denk ich und ergreife direkt die Flucht zum Küchenfenster. Gewalt, haarige Bullenfäuste und kaputtfallende Blumentöpfe: Es ist aus. Wie ein geschlachtetes Ferkel mit einer dreifachen Pfefferspraysoße in zerrissenem Pullover werde ich zur Festung des Friedens abtransportiert. Drei Stunden in einer kalten Zelle. Danach das Urteil: Nachhause darf ich nicht, und das für zwei Wochen. Was für ein Glück!
Ein Hotel ist für diese Zeit nicht vorgesehen. Also: Übernachtung im Obdachlosenheim. Anstatt stinkender Höllenbestien finde ich dort lauter Pierrots vor. Alt, krank, jedoch im Geiste ganz sommerlich. Nächte lang reden wir über die Klippen des Lebens und über die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit. Schön war es. Und schön schlimm auch.
Damals war es also kompliziert. Jetzt sitze ich aber bei Pierrot am offenen Fenster, sehe zu, wie ich mich über den Haschischdampf der Nacht mitteile und freue mich. Warum? Das weiß ich noch gar nicht genau. Derweil befreit sich mein bester Freund der Kater Thomas aus der Reisetasche und klettert auf meine rechte Schulter. Er kann nie schlafen, wenn Faust läuft.
Mein Hunger hat sich in Rauch aufgelöst, und der Rauch gesellt sich zu den Nachtschatten. Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufgedreht: in meinen Kopfhörern beginnt eine goldene Stunde. Welche Musik könnte in diese Pierrotstube besser passen als Fausts "C'est com...com...compliqué"? Ganze acht Katzen finden sich auf beiden Seiten des Album-Covers ein. Am liebsten würde Thomas mit dem ganzen Rudel ins Bett steigen, geht aber nicht. Ersatzweise: Neun Minuten Kundalini Yoga für Fortgeschrittene im ersten Stück. Da man's beim Yoga bequem haben soll, schließe ich das Fenster und lege mich nackt ins warme Bett, Thomas auf meiner Brust. Er hört jeden Ton von Faust mit und fühlt sich besser als nach einem Hering.
Das Stück "En Veux-tu des Effets, en Voilà" zu deutsch: "Du willst Wirkung? Also bitte!" läuft. Französisch versteht Thomas noch nicht, übernimmt dennoch die Einsatzleitung: "Ich: Fisch. Du: Bier". Mit Faust im Kopf suchen wir den Weg vom dritten Stock runter zur Bar. Durch pythagoreische Treppenlabyrinthe kämpfen wir uns zur platonisch-idealen Theke vor.
Angedockt: Kater auf dem Tresen, ich davor. Thomas kriegt tatsächlich noch den letzten Hering aus der Küche ab. Für mich gibt's Heineken, das Heimatbier der Mit-Rad-Über-Die-Stadt-Flieger.
Entschlossen zittert sich der Titeltrack des Albums durch die Synapsen unserer erwachten Zerebren. Von einem darwinischen Lächeln gepackt sieht Thomas die Knochen seines Herings vor sich; ich sehe die Knochen meiner Vergangenheit was für ein hedonistisches Miststück ich doch war! "Zwanzigjähriger Rebell wirft mit Blumentöpfen auf Polizisten", stand Tags darauf in der Hannoverschen Allgemeinen.
Hätte ich damals Faust gehört, meinem Vater und meinem Kater mehr zu essen gegeben, würde ich heute nicht bei Pierrot abfackeln, aufflammen. Und ich wäre nicht berühmt. Faust drauf.
Künstler: Faust
http://www.myspace.com/faustpages
Album: C'est com...com...compliqué
Label: Bureau B ()
Vertrieb: Indigo
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