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Nusspunkt Möbius
TafelMuzak Nº089 Evgenij Dvorkin
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"Gebirge" von Guido Möbius läuft und meine Haare richten sich auf. Die Musik spült Bilder zu mir.
Sankt Petersburg, Mariinski-Theater, 1993: Die Woche über ließ ich mich vom Winde verwehen, ich quälte die Hauskatze, ich verlangte nach Fast Food und zwischendurch nach einem Drecksbad mit Schweinen. Ich war im Widerstand, denn mit Kultur hatte ich nichts am Hut. Dummerweise lebte ich aber in Russlands 'Kulturhauptstadt'. Und meine Eltern waren Akademiker und an Wochenenden an altersschwacher Musikkultur überaus interessiert. Wenn wir ins Theater gingen, zog ich im Anzug mit einer Fliege in die Schlacht. Der Kultur hatte ich ja den Kampf angesagt. Ich: Die Fliege, drauf und dran vom Kulturelefanten an die Wand gedrückt zu werden. Angst hatte ich. Angst vor Kultur. Ich bin die Wände hochgegangen, ich habe Gebirge erklommen. Meine Neigung zur Philosophie entwickelte sich in der Philharmonie. „Kultur ist eine harte Nuss, die man knacken muss!“ war meine Maxime. Ein Mammutvorhaben. Klein und schwach wie ich war, ließ ich mich in der Philharmonie auf sporadische Waffenstillstände ein. Ich wartete geduckt auf die Pausen. In den Pausen aber richtete ich mich zu meiner wahren Größe auf und marschierte schnurstracks in die Vielharmonie der Fressstände rein: Russischer Lachs und schwarzer Kaviar waren meine Verbündeten. Sie ließen mich meine Winzigkeit vergessen: Ich war auf dem Gipfel, und um mich Kulturtal. Gelegentlich ließ ich mich von meinen Eltern zu Friedensverhandlungen in Imbissbuden überreden. Pommes? Na klar, aber mit „Roosevelt Mayo“! Die sechste Delikatesse aus der Möbius-Gebirgsküche.
Himalaya, Mount Everest, Schneewohnung, der Ewigkeit nah: Von guten und bösen Geistern verlassen, levitiere ich wolkenwärts, dem Gipfel des Sagarmatha – auch als Mount Everest bekannt – entgegen. Dabei will ich doch gar nichts sehen. Und dann sowas: eine Beerdigung. „Dig A Mammoth“ schallt, erscheint. Merkwürdig, auf halber Strecke nach oben: Herr Möbius, was purzelt denn da aus Ihrer Küche? Nicht mal Gipfel in Sicht aber schon Mammuts. Einer von den Dicken erliegt der Kälte der Zeit, die gemeinschaftsfeindlich ist. Die Kälte nimmt ihn auseinander und in die Tiefe und davon. Der scheißweisse Schnee säuft Blut, mein Weltbild zittert und gibt nach. Jetzt weiß ich: Es wird nie wieder Mammuts, nie wieder Kulturelefanten geben. Nicht für mich.
Ich sehne mich nach Roosevelt Mayo, nach dem Ende der Kultur und drücke die Repeat-Taste.
Köln, elf Quadratmeter, mammutfreie Gegenwart: Mir fällt eine Kokosnuss aus dem Exotenmarkt vor die Füße. „Sssplitter“. Schlusspunkt. 4 Minuten 11 Sehnsucht rückwärts, 4 Minuten 11 Weltbildfallstudie. Es ist Mitternacht. Die Kultur kapituliert. Ich stehe auf der Schwelle zum Glück, mit einem Hammer in der Hand und hau auf die Kokosnuss drauf, nachts um zwölf. Ich bin zuhause, in der „Gosse Overman“, wenn auch nur für 3 Minuten 15. Egal! Die Zeit steht hier oben still, eine gefakte Amerika-Flagge hängt in der Ecke. Übermenschlich fühle ich mich dabei nicht; ich bin wieder klein und allein und darf es sein und lutsche die geknackte Nuss aus, nasche an Ihrem Weiß und levitiere.
Wenn mein Fleisch eines Tages alt sein wird, werde ich an Gebirge zurückdenken und an die Mammuts und dankbar sein, von der Möbius-Gebirgsküche gekostet zu haben. Ohne Fliege. Auf dem Gipfel.
DER TAFELMUZAK IST SEIT MITTE FEBRUAR 2008 AUCH AUF MYSPACE STATIONIERT. EIN ERHEBLICHER TEIL DER KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER, DIE FÜR DIESE KOLUMNE BEREITS THEMA WAREN, IST MIT DER SEITE VERLINKT. http://www.myspace.com/tafelmuzak
Künstler: Guido Möbius
http://www.myspace.com/guidomoebius
Album: Gebirge
Label: Karaoke Kalk ()
Vertrieb: Indigo
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