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Zimt auf Eis und Mann mit Coloma.
TafelMuzak Nº 090 von Leonhard Lorek
 
"Marion, was ist das? Hör doch mal." Neben dem Stimmengewirr im Laden war da auch noch Marions Stimme, ganz nah. Sie redete unentwegt und reagierte nicht auf Armins Frage. Ohne ersichtlichen Zusammenhang dozierte sie darüber, warum blonde Frauen von so gut wie allen Männern mit mehr Aufmerksamkeit bedacht würden, als dunkelhaarige. Wobei sie unterstellte, dass sich Männer in ihren "blonden Momenten" auf das vermutete intellektuelle Niveau von Blondinen begeben würden, um bessere Chancen bei diesen zu haben. "Miezen-Magnetismus:" sagte sie "eindeutig. Schwups: und die Typen fahren ihre Hirnaktivitäten im Stand-by-Modus." Marion redete und redete.

Draußen krachte ein heftiger Frühlingsregen herunter, vor dem sie sich ins "Anita Wronski" geflüchtet hatten. Und im Wronski hatten sie ausgerechnet den Logenplatz ergattert, vor den Klos mit Blick auf den ganzen Laden. Da saßen sie nun, wie Waldorf und Statler in der Muppet Show und Marion machte Miezen-Magnetismus zum Thema. Was hatte Miezen-Magnetismus mit der Musik zu tun, die sich im Wronski durch das Gebrabbel der Gäste drängelte? Armin kannte diese Musik, oder zumindest die Stimme, die Band.

"Marion, hör doch mal hin. Wer ist das?"

"Coloma, Armin. Hört man doch. Und jetzt hör mir zu, schließlich sitzt Du mit mir hier am Tisch." Marion ging dazu über ihre Miezen-Magnetismus-Theorie an einem lebenden Beispiel zu erörtern. "Sabinchen – ja, ich kann sie nun mal nicht ausstehen – aber guck dir an, wie Hans auf sie reagiert." Marion kniff die Lippen zusammen, legte ihre Hände flach auf den Tisch und schaute Armin direkt in die Augen.

Genau! Coloma! Frauen können reden und hören und zuhören, gleichzeitig. Erstaunlich. Armin konnte das nicht, er war ganz woanders. Coloma, die sich immer ein wenig wie Weihnachten anhörten, egal um welche Jahreszeit. Sie hörten sich nicht nach Heiligabend an, eher so nach Zweiter Weihnachtsfeiertag, wenn das Schlimmste vorbei war. Es musste ihr neues Album sein, denn die Stücke kannte er nicht. Aber es war eindeutig die Stimme von Robert Taylor.

"Armin, Kennst du das: Du stehst im Supermarkt in der Schlange, in einer langen. Und plötzlich stockt die Schlange. Und vorn, an der Kasse, beginnt ein Prachtexemplar von Mieze das Kleingeld aus dem Portemonnaie zu sortieren, langsam, ganz langsam. Und die Typen in der Schlange gaffen. Und du denkst daran, wie schön es wäre, der Mieze eine runterzuhauen, weil klar ist, dass sie eh mit einem großen Schein zahlt. Und das stimmt dann auch. Aber eh es soweit ist, räumt sie den ganzen Kleinkram wieder ein, auch ganz langsam, wortlos, und die Kopfhörer immer eingestöpselt. Armin: Sabinchen ist eine obszön narzisstische Egomanin, glaub’s mir. Oder am Geldautomaten: Wieder eine lange Schlange, und sie ist dran und holt das Handy raus und fängt an zu quatschen. Und labert und labert. Ganz, ganz übel sowas. Und was macht Hans, wenn Sabinchen einen Flunsch zieht?"

Armin war auf einmal sehr nach Weihnachten zumute. Es gab da eine Eiskreation, die nach Weihnachten schmeckte. Vanilleeis mit so einer Rotwein-Bananen-Chili-Sauce. Armin griff nach der Speisekarte. Ja! Es gab Vanilleeis. Wunderbar. Armin kannte die Chefin im Wronski. Vielleicht war es ja möglich, dieses Zeugs jetzt zu basteln, in der Küche. Armin stand auf "Ja Marion. Ich bin gleich wieder da. Ich versuche für uns was Schönes zu bestellen."

"Armin, was ist denn los mit dir? Wenn dir Miezen nicht auch auf den Nerv gehen, dann können wir hier gern über Philosophie reden. An dieser Stelle macht sich vielleicht mein Leistungskurs Philosophie bezahlt; direkt vor den Klos, im Wronski. Ich hab ja Zentralabitur, musst du wissen. Und da gab’s wirklich mal etwas Lustiges."

"Sofort." Armin legte die Finger auf die Lippen, machte große Augen und flüsterte "Coloma. Marion, ich bin sofort wieder da."

Auf dem Weg zum Tresen fiel ihm ein, dass er die Chefin ja gleich nach dem Coloma-Album fragen konnte. Genau: Weihnachtseis, Coloma dazu und dann, dann konnte Marion erzählen, was immer sie wollte. Er würde ihr zuhören.
 
Künstler: Coloma
http://www.myspace.com/colomamusic
 
Album: Love’s Recurring Dream
 
Label: Italic
http://www.italic.de/
 
Vertrieb: Rough Trade
 
Rezept
 
Zutaten
 
Vanilleeis
1 Banane
250 ml Rotwein, sehr trockenen, vorzugsweise Bordeaux
1 Eigelb
Chili, gemahlen
Rohrzucker
Zimt, gemahlen
 
Zubereitung
 
Eine möglichst reife Banane in ein Gefäß geben, mit sehr trockenem Rotwein aufgießen, ein Eigelb hinzu tun, etwas Chili, 1 Teelöffel Rohrzucker. Alles pürieren.

Neben dem Vanilleeis Scheiben von Mango oder Birne drapieren. Alles geschickt mit der Sauce angießen und Zimt darüber pusten.