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Frites blanc-rouges avec Nouvelle Vague
TafelMuzak Nº 091 von Philipp Steglich
 
Also hinein in unseren Zoo, unser Gittergehege. Sommer ist und das Freibad lockt. Wohl vier Meter hoch ist das Gestänge, die Schleuse, die es zahlend zu überwinden gilt. Halb Kurbad an der Nordsee, halb Stuttgart-Stammheim: Willkommen Sonnenhungriger in Berlin, Freibad Neukölln / Columbiadamm. Aber macht nichts, ich schreite schleunigst hindurch. Will mir ja nich mit Äußerlichkeiten aufhalten. Beim verbilligten Abendbaden geht’s ja um Spaß vs. Zeit ist Geld.

Nach dem Umkleiden in den Kabinen: ja glauben die, dass ich nicht merke, dass dieses Mal die Duschen und Toiletten zur rechten Seite offen sind und die zur linken nicht. All die Jahre zuvor wars genau andersrum. Erlauben sich die Herren Schwimmeister und Zoodirektoren einen Spaß mit ihrem Publikum. Kleiner Test? Funktionieren die Reflexe noch, wenn wir in deren Lebensraum eingreifen? – Hallo? Monade an Entrepreneure: klar kriegen wir das mit!

Also gründlich säubern in den rechten Duschräumen. Beiläufige Phantasien, was in den nunmehr geschlossenen linken Dingern abgeht. So Gerhard Schröders Staatskanzlei-Träume: „Ich will hier rein!“. Und gut sein. Aber sone Fantasies verlangen ja nach Bad in kaltem Wasser. Also laufe ich aufs Sportbecken zu. Ja, ich weiß, das klingt martialisch, aber alles andere ist Planschebereich mit Rutschen und so. Große Schilder, die "Elternaufsicht" fordern. Und wir sind ja schließlich schon /irgendwie/ erwachsener geworden. Also nehme ich Fühlung auf mit der Temperatur und gleite hinein. Ok, Cote d'Azur sieht anders aus und wird wohl auch weniger gechlort. Aber Spaß machts doch, der Strampelgang Richtung Abendsonne, Richtung Sprungturm.

Also Altmetall in drei, fünf und zehn Meter. Rostende Plattform für Männlichkeitsrituale, Bauchklatscher und Arschbomben. Geordneter Rückzug unmöglich, so wars zumindest in Jugendzeiten. Hier&jetzt ist das Ding immer schön abgesperrt. Ich hab noch nie gesehen, dass sich einer drauf erproben darf. Aber auch ok, erhöht die Überlebensrate von Springern und den Schwimmern; niemand muss sich mehr an die geschwollene Brust trommeln. Und wers denn versuchte, man hätte ihn zu schubsen...

Ein, zwei Tauchgänge ins Himmelblau - dann raus, da zur Dusche da. Und nach dem Abtrocknen Platz nehmen auf ausgeblichenen Plastikstühlen. Was einmal Rot war, ist nun Weiß. Und natürlich am Kiosk ordern: ein kleines Schälchen handwarmer Pommes frites. Und warten, weil hier kommen sie noch frisch. Aus den Lautsprechern tönt die neue Novelle Vague. Und Erinnerung: was war die erste Platte für eine Offenbarung. Damals 2004! Und nun ein halbes musikalisches Jahrhundert, also gut fünf Jahre später der Untergang. Peter Hacks lernt uns, dass man Klassiker nur verändern darf, wenn man sie dabei auch verbessert. Verbessern kann. Und Chuzpe und Hybris gehören gewiss dazu – und man darf auch mal gegen die Wand fahren.

Aber „Blister in the Sun“ von Violent Femmes so zu intonieren, das ist wie ein Bauchklatscher vom Zehner. Und das ist nicht schön. Da gucken dann die Gedärme raus, weil Oberflächenspannung des Chlorwassers, das glaubstu gar nich. Da muss die komplette Fülle gesiebt und ausgetauscht werden. Das freut nur die privatisierten Wasserwerke. Also die Klassiker versenkt, ja? Aber einen Scheiss-Song haben sie ja doch gerettet: „So lonely“ von Police. Ein grausames Ding, aber jetzt zum ersten Mal leidlich vorgetragen.

Ah, ich bin dran. Pommes rot-weiß im gräulichen Pappschälchen. Glück im Freibad, Erinnerung an wild-bleierne Siebziger, da man als dürre Heulboje die Wasserbecken schreiend umkreiste und zum Nachtisch jede Menge weiße Mäuse.
 
Künstler: Nouvelle Vague
http://www.nouvellesvagues.com/
 
Album: 3
 
Label: PIAS
http://www.pias.com/
 
Vertrieb: http://www.pias.com/
 
Rezept
 
Zutaten
 
Frites blanc-rouges:

ordentlich Kartoffeln
reichlich Oliven- oder Tafelöl
Salz

6 Knoblauchzehen, geschält
1 Eigelb
½ TL Salz
2 TL Zitronensaft
½ TL weißer Pfeffer, gemahlen
ca. 170ml Olivenöl

1 Pkg. passierte Tomaten.
Tomatenmark
4 EL Weinessig
1 EL Zucker
Salz und Pfeffer
 
Zubereitung
 
Die Kartoffeln schälen und mit einem Hobel oder händisch zu Pommes Frites schneiden. Die Stärke unter Wasser auswaschen, abtrocknen lassen. Bei ca. 170° C zweimal hintereinander frittieren, jeweils für mehrere Minuten. Salzen und servieren.

Knoblauchzehen, Eigelb, Salz, Zitronensalz und Pfeffer in ein hohes Gefäß geben und mixen. Nun langsam! das Öl in dünnem Strahl beigeben und die Aioli peu a peu hochziehen.

Die passierten Tomaten in einen Topf geben und erhitzen. Essig und Zucker zugeben und etwas einkochen lassen. Bei Bedarf mit Tomatenmark andicken. Mit Salz und Pfeffer das Ketchup abschmecken.

Zugegeben: Frites blanc-rouges schmecken etwas anders als in den Freibädern dieses Landes. Aber besser!