![]() Verbrecher Verlag |
|
| Startseite |
|
| Verlagsprogramm (mit Bestellfunktion) Belletristik Sachbuch/Politik Stadtbücher Kunst/Comic Schnäppchen Vorschau/Vorbestellen T-Shirts CD / DVD Warenkorb |
|
| vergriffene Titel |
|
| Verbrecherversammlungen |
|
| Lesungen |
|
| Textarchiv |
|
| AutorInnen |
|
| Newsletter |
|
| Tafelmuzak |
|
| Links |
|
| Kontakt |
|
| Das aktuelle Programm zum Download |
|
| An Mutterkuchen und Fruchtwasser: SoiSong. |
||
| TafelMuzak Nº 093 von Leonhard Lorek | ||
| |
||
Liebes Tagebuch, ich bin überaus zufrieden und das bereits seit dem Tag meiner Ankunft mich für ein Praktikum auf eben diesem Planeten entschieden zu haben. Er ist leidlich erforscht, was mir die Mimikry erleichtert hat und eine meiner Ankunft zeitnahe Aufnahme von Studien begünstigte. An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass ich, als Ergänzung meiner exoethnologischen Ausbildung, mir jetzt schon vorstellen kann, hiernach Zusatzsemester in Kontinuitätsarchäologie in Anspruch zu nehmen. Die hiesige Zivilisation ist noch sehr jung und ich lerne, dass sie das Konzept des Vergessens eine Folge der biochemisch noch unausgereiften synaptischen Leistungen der Gehirne der Zivilisationsstifterinnen und -stifter anscheinend für effizient genug hält, Fortschritt zu beschleunigen. Ich bin geneigt hypothetisch zu schlussfolgern, dass auch unsere eigene Zivilisation in ihrer Frühphase ähnliche Konzepte entwickelt haben muss. Wäre dem nicht so, wäre die Kontinuitätsarchäologie eine für uns überflüssige Wissenschaftsdisziplin. Bis vor kurzem führten Vertreterinnen und Vertreter der hier von mir zu untersuchenden Zivilisation regelmäßige, meist handschriftliche, autobiografische Aufzeichnungen von Alltäglichem in Form von Tagebüchern, welche sie, vor allem in jungen Jahren, gern duzten. "Mein liebes Tagebuch" hieß es da. Ich will dem Konzept "Vergessen" während meines Praktikums daher das vor Ort ebenfalls bekannte - Konzept des Erinnerns entgegenhalten und führe ab sofort ein Tagebuch, welches ich duzen möchte eben so, wie es bis vor kurzem auf diesem Planeten allgemein Brauch war. Liebes Tagebuch, heute bin ich einem für mich neuen, wohl spezifisch irdischen Konzept begegnet: dem Konzept des Pränatalen. Nach den routinemäßigen Bio-Scans, die ich in meinem Forschungsumfeld an jedem Tag aufs Neue durchführe, musste ich befürchten, meine Nachbarin Leonie Most sei über Nacht von einem Parasiten befallen, oder mit einem Symbionten gesegnet worden. Ihr Verhalten jedoch vermittelte mir nicht den Eindruck, dass sie beunruhigt oder gesegnet sei. Um dieses Wesen nicht durch ungeschickte Fragen zu beunruhigen, studierte ich zunächst mehrere Stunden lang in den Wissensarchiven der heimischen in Ansätzen vernunftbegabten Spezies und entdeckte dabei das Konzept des Pränatalen für mich ein Phänomen. Die Nachkommen von Menschen so die hier übliche Bezeichnung für die von mir untersuchte Spezies entwickeln sich eine Zeit lang in den Körpern weiblicher Menschen. Das speziell dafür eingerichtete Organ in den Körpern weiblicher Menschen wird Gebärmutter genannt. In einer Gebärmutter verbringen die Nachkommen ein Entwicklungsstadium, das pränatale Phase genannt wird. Dort sind sie mittels einer Nabelschnur mit einer Plazenta verkabelt. Über die Nabelschnur werden die Nachkommen von der Plazenta aus mit Nährstoffen, Antikörpern und Sauerstoff versorgt. In der Regel neun Monate lang. Liebes Tagebuch, auf alle Details meiner ersten Studien des Pränatalen möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Dennoch: Es befremdet mich, dass die Plazenta delikaterweise auch Mutterkuchen genannt (die anders als alle anderen menschlichen Organe, welche erst nach einer ausreichenden Entwicklungs- und Reifungsperiode ihre Funktion aufnehmen, ihr eigenes Wachstum steuern muss und parallel dazu ununterbrochen voll funktionsfähig zu sein hat) in der Fachliteratur als ein Organ zum Wegschmeißen bezeichnet wird, und das, obwohl sie in jedem Stadium einer pränatalen Phase die jeweils spezifischen Bedürfnisse der Nachkommen befriedigt. Mit Abschluss der pränatalen Phase entledigt sich der weibliche Körper der Plazenta. Der Grund für eine so rigide Körperreaktion scheint mir die Unzulänglichkeit der Plazenta zu sein, wirklich alle Bedürfnisse des Nachkommen zu befriedigen. Beispielsweise schützt sie diesen nur unzulänglich vor unangenehmen oder gar schädlichen Außeneinwirkungen, wie beispielsweise Lärm oder auch im speziellen Fall den Auswirkungen der seelischen resp. intellektuellen Unterforderung meiner Nachbarin Leonie Most. Liebes Tagebuch, im Zuge solcher Überlegungen bin ich auf ein weiteres Konzept der von mir untersuchten Spezies aufmerksam geworden. Es heißt Verantwortung und könnte in etwa wie folgt definiert werden: Verantwortung ist, wenn jemand antwortet, ohne gefragt worden zu sein. Ich halte dieses Konzept für untersuchenswert. Der Nachkomme meiner Nachbarin Leonie Most so stelle ich mir das vor schlägt während seiner pränatalen Phase in dem wohltemperiertem Fruchtwasser, mit dem die Gebärmutter ausgefüllt ist, Purzelbäume mit der Nabelschnur als Sicherheitsleine an der Plazenta verankert während meine Nachbarin unsäglicher Geräuschverschmutzung ausgesetzt ist, die auf diesem Planeten alltäglich ist, was Auswirkungen auf den Zustand ihrer Psyche hat. Die dabei in ihrem Körper produzierten Botenstoffe gibt die Plazenta nahezu ungefiltert über die Nabelschnur an den Nachkommen weiter. Wie soll aus diesem denn ein guter Mensch werden, wenn er bereits so früh so schlechten Einflüssen ausgesetzt ist? Liebes Tagebuch, die meiste Zeit an diesem regnerischen Herbsttag habe ich mit Recherchen zugebracht, deren Ergebnisse mich dazu befähigen sollten, das Konzept der Verantwortung unverzüglich in die Tat umzusetzen. Und ich glaube festhalten zu können, dass ich in meinen Bemühungen erfolgreich gewesen bin, denn: Ich habe das Album "xAj3z" von SoiSong geordert, online. In gewöhnlichen Geschäften gibt es das nicht. Es ist eine schlichtweg außerordentliche Musik, festgehalten auf einem Datenträger, den sie hier CD nennen. Meiner Nachbarin Leonie Most werde ich diese Musik schenken von ihr ungefragt, und insofern von mir verantwortet und es wird ihr daraufhin gut gehen und die Plazenta wird über die Nabelschnur sehr feine Botenstoffe an den Nachkommen weiterleiten. SoiSong erstellen eine Musik, der eine für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich altruistische Kombination von Gewöhnlichem zugrunde liegt. Wenn ich den ästhetischen Effekt dieses Verfahrens annähernd umschreiben müsste, würde ich eine Formel zur Hand nehmen, die von Menschen als Ausdruck höchster Wertschätzung verstanden wird: "Nicht von dieser Welt". Selbst die CD ein vom Format her an sich konservativer Tonträger , die für gewöhnlich rund ist, haben die Künstler achteckig gestalten lassen und deren Verpackung in ausgefeilter japanischer Papierfaltetechnik in Auftrag gegeben. Liebes Tagebuch, ich stelle mir vor, wie der Nachkomme von Leonie Most, nachdem deren Plazenta und meine Verantwortung eine ihm bekömmliche pränatale Phase abgesichert haben, eines fernen Tages vor der CD sitzen und an der Falttechnik von deren Verpackung die Feinmotorik seiner kleinen Finger trainieren wird, während die Plazenta längst weggeschmissen ist. An dieser Stelle könnte dann die Kontinuitätsarchäologie greifen und Nachhaltigkeitsbelege einsammeln, die dem Konzept des Vergessens Menschen vergessen nur zu oft, wie weitreichend die Auswirkungen von Außeneinwirkungen in einer pränatalen Phase sind Paroli bieten. 22 britische Pfund netto, was inklusive Versand auf knapp 35 Euro brutto kommt, sind für mein Verständnis eine lächerlich niedrige Investition in ein gelungenes Menschenleben. Liebes Tagebuch: Verantwortung ist ein Konzept, das ich gern hin und wieder praktizieren möchte, so lange ich hier bin. Und abschließend, liebes Tagebuch der heutige Tag war anstrengend für mich und ich werde alsbald dazu übergehen, meine Kräfte im Schlaf zu regenerieren möchte ich hinzufügen: Hin und wieder bin ich doch etwas erschrocken, wenn mir der eine oder andere Mensch, so auch kürzlich meine Nachbarin Leonie Most, bescheinigt, ich wäre weltfremd. Aufgrund der synaptischen Leistungen ihrer Gehirne können es meine Studienobjekte ich korrigiere mich wie folgt: Studiensubjekte doch eigentlich gar nicht von mir wissen. Nichtsdestotrotz: Vielleicht weiß jemand von diesen dennoch, was es mit dem Albumtitel "xAj3z" auf sich hat. |
||
| |
||
| Kόnstler: SoiSong http://www.myspace.com/soisong |
|
|
| |
||
| Album: xAj3z | ||
| |
||
| Label: SoiSong Shop http://soisong.greedbag.com/ |
||
| |
||
| Vertrieb: SoiSong Shop | ||
| |
||
| Rezept |
|
|
| |
||
| Zutaten | ||
| |
||
| |
||
| Zubereitung | ||
| |
||