Verbrecher Verlag

Startseite

Verlagsprogramm
(mit Bestellfunktion)


Belletristik

Sachbuch/Politik

Stadtbücher

Kunst/Comic

Schnäppchen

Vorschau/Vorbestellen

T-Shirts

CD / DVD

Warenkorb

vergriffene Titel

Verbrecherversammlungen

Lesungen

Textarchiv

AutorInnen

Newsletter

Tafelmuzak

Links

Kontakt

Das aktuelle Programm
zum Download


Love is in the Air oder dan dan mian
TafelMuzak Nº 094 von Philipp Steglich
 
„Dann ging ich also über den Markt von Chengdu. Bretterbuden und so Holzverschläge mit absplitterndem blauen Lack. Und natürlich haben sie schon eingepackt, weil ich – Lebensmotto – zu spät aufgestanden bin. Also schon Aufbruch und Abbruch, das ist ja in China nicht anders als hier, dass die Wirtschaft, die unchristliche Zeit vorzieht. Überall. Und dann aber sehe ich diesen Nudelverkäufer mit Handwagen. Und bin zu ihm hin und hab sie mir geholt.“

„Es war also ein moderner Grillwalker?“, hakte Bruno nach. „Naja, wie mans nimmt.“ Und setzte ihm auseinander, dass man dan dan mian schon seit Ewigkeiten verkauft. Also nichts genaues weiß man nicht. Und versuch bloß nicht einem Italiener zu erklären, die Chinesen hätten noch die Nudel dazu erfunden. „Also dan bedeutet einfach nur ne Stange, die man über der Schulter trägt, an der dann der Topf Nudeln hängt. Und Nudel: mian. Modernes Fastfood. To go, lang schon vor dem Prenzlauer Berg. Und die Verkäufer schlugen an ihre Stangen, um auf sich aufmerksam zu machen.“

„Dan dan mian, das klingt sehr nach Onomatopoesie. Ein Pochen, ein Klopfen, wir wollens verschlingen. Manchmal ist das Einfachste das Schönste.“ Bruno wiegte seinen Kopf: „So wie das neue Air Album. „Love“. Mehr bedarfs nicht. Sagt Hölderlin“

„Mühen der Ebene. Sagt Brecht. Und das Einfache, das schwer zu machen sei.“ – „Love“, sagte Bruno. „Da haben wir bei Air in dem gleichnamigen Song diese Synthieklänge und langsam arbeitet sich da was raus, es kristalliert sich so peu a peu im Ohr des Lauschenden. Und dann Love. Eine sehr intelligente Form der Rezeptionsästhetik, etwas sagen, eine Botschaft auf die kommunikative Reise schicken, semantisches Ende ungewiss, und dann kommt das an und der Hörer hat den Sinnzusammenhang selbst hergestellt und ist von der Bedeutung ganz im Besonderen überzeugt.“

„Moderne Werbung“, antwortete ich, „arbeitet ja nicht anders. Sinnproduktion ist immer lustvoll. Spieltrieb ist allaweil anthropologische Konstante. Wie Nudeln und – Liebe. Und irgendwie ist das ja dasselbe. Scheiß auf die Rezepte: wenn einer mit Liebe kocht, dann schmeckt das. Das heißt dann bei der Sache sein, bei sích sein, beim Andern sein. Kommunizierende Röhren sind nichts gegen eine mit Liebe eingestellte Mikrowelle und der lauwarme Teller daraus. Tütensuppe nicht mal aufgelöst. Darauf kommts gar nicht mehr an dann.“

Bruno machte ein fragend-verärgertes Gesicht: „Ja irgendwann kommts auf gar nichts mehr an. Aber warum. Und wieso vorher & nachher. Es kann doch nicht alles wurscht sein. Gibt doch Entwicklung. Ich glaube an sowas wie moderne Teleologie. Man mag seinen Linkshegelianismus nicht einfach wie einen nassen Mantel...“ „Wir müssen aber,“ unterbrach ich ihn, wir müssen aber Abstand und Abschied nehmen. Es kömmt nichts nachher. Also Brecht, Verführung, et. al. Diese Stagnation aber, kann auch was haben. Denke an Love von Air, das kannstu hundertmal hintereinander hören. Das macht immer Freude. Das ist nicht wie die halbstündigen Nachrichten aus dem Deutschlandfunk, wo du schon beim ersten Mal speiben musst. Das ist der Tanz auf dem Vulkan. Und weiss Gott, meine Füße sind gemacht, auf dass ich tanze. - Scheiße aber auch, wir sind aber auch zwei Geisteswissenschaftler!“

Und wir nahmen die Kamera mit in die Küche und wir hackten und wir schnitten und priesen den Prometheus, der an den fernen Gestaden des italischen Stiefels oder in den Lotusblumenfeldern Asiens uns, human beings, die Nudel erfunden hat, helfen.
 
Künstler: Air
http://www.aircheology.com/
 
Album: Love 2
 
Label: Virgin Fra
http://www.virginmusic.com/
 
Vertrieb: EMI
 
Rezept
 
Zutaten
 
2 EL Tafelöl oder Schweinschmalz
100g Rinder- oder Schweinehack
3 Knoblauchzehen, geschält
3cm Ingwer, geschält und gehackt
30g ya cai (eingelegter Senfkohl), gehackt
3 Frühlingszwiebeln, gehackt, weiße und grüne Teile separat
100ml Hühnerbrühe
2 EL Shaoxingwein
3 EL helle Sojasauce
2 EL Chiankiang Essig
2 EL Honig
1 EL Sichuanpfeffer
1 EL Erdnüsse, gehackt
3 EL Chiliöl
1 EL Sesamöl
4 EL Spinat (auch TK) oder Pak Choi
200g dünne chinesische Weizennudeln
Salz
(für zwei Personen)
 
Zubereitung
 
Sichuanpfeffer in einer heissen Sauteuse oder Wok kurz anrösten und mörsern. Tafelöl erhitzen, Knoblauch, Ingwer und Chilis kurz anschwitzen, dann ya cai und weiße Frühlingswiebeln zugeben. Dann das Hackfleisch mitbraten. So es gar ist mit Shaoxingwein abslöschen und kurz einziehen lassen. Sojasauce, Essig und Brühe beigeben und kurz aufkochen lassen.

Den Spinat im gesalzenen Nudelwasser kurz blanchieren, abschrecken und abtropfen lassen. Die Nudeln sehr als dente kochen (Packungsangabe!).

Den Honig in die Sauce einrühren. Die Nudeln in Schalen und mit der Sauce begießen. Sparsam Sesamöl und großzügig Chiliöl darüberträufeln. Mit Spinat, Erdnüssen und den grünen Frühlingszwiebeln. Auch etwas weiterer gehackter frischer Knoblauch sorgt für Freude.

Dan dan mian isst man eigentlich eher kalt oder lauwarm. Man muss sich mit dem servieren also nicht wirklich beeilen. Im Zweifel: ists immer authentisch. Bon chance!