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Statement/Vortrag gehalten auf "Out of this World" am 03. Dezember 2000 in Bremen.
Von Dietmar Dath Barbara Kirchner
 

"Do this, don´t do that, can´t you read the signs?"
Tesla; Signs
Liebe Leute,
was wir vortragen möchten, hat nur mittelbar mit dem zu tun, was bei der ersten Vereinbarung über einen Auftritt im Rahmen dieser Tagung ausgehandelt wurde, und was damals "Utopie und Biologie" hieß. Es wird zwar AUCH um die sogenannte biotechnologische Revolution, den Life-Science-Boom u.ä. gehen, aber wenn wir dem heutigen Vortrag einen Titel, eine Überschrift voranstellen sollten, dann wäre der sich anbietende Wortlaut inzwischen wohl eher der:
"Warum bei Diskussionen mit Intellektuellen so oft der Eindruck entsteht, daß Wissen die Menschen zwangsläufig verblödet. Oder: Life Science, Außerirdische und die Putnamsche Krankheit."
Da fragt sich natürlich sofort
1.) welche Außerirdischen?
2.) was zum Professor Sauerbruch ist die "Putnamsche Krankheit?"
3.) wer ist eigentlich dieser "Putnam", der ihr seinen Namen leiht?
Die Antworten auf diese Fragen glauben wir nicht schuldig bleiben zu müssen; um sie darzulegen, muß man uns allerdings erlauben, ein bißchen auszuholen.
Die Themen Biologie, Biotechnologie, Life Science usw. sind im Augenblick ziemlich virulent. Wir haben beide darauf schon ein gerüttelt Maß an Arbeitsstunden verwendet, ich (B) als Naturwissenschaftlerin und Wissenschaftsjournalistin, ich (D.) als Kultur- bzw. politischer Journalist. Die dazugehörige Forschung ist, wie das Kevin Kelly, einer der Mitbegründer der Zeitschrift "WIRED" und einer der Hauptpropagandisten der "New Economy", im Titel eines Buches zum Thema genannt hat "Out of Control". Damit ist nicht gemeint, daß es im globalisierten Superwesten keinen Stalin gibt, der sich einen Hof- und Lieblingsbiologen aussucht- in Stalins Fall war das ja bekanntlich der Lamarckist, Darwinfeind und Scharlatan Lysenko- nein, "Out of Control" bedeutet bei Kelly einfach, daß man nicht weiß, welche Wunder einem der Bio-Boom als nächstes beschert. Witzigerweise aber ist die öffentliche DISKUSSION über diese Themen nun gerade keineswegs "außer Kontrolle", sondern kehrt vielmehr immer wieder zu denselben seltsamen Schleifen, Argumentationsfiguren etc. zurück: ist Klonen unmoralisch, bedeutet die Reproduktionstechnologie Enteignung und Entmündigung von Frauen, was ist mit den Tierversuchen und so weiter und so fort. Es scheint fast, als gäbe es weniger für die wissenschaftlichen Tatbestände selbst, als vielmehr für deren mediale, nun, nennen wir es: "Politisierung" weniger ein ungeregeltes Feld, in dem alles drunter und drüber geht, als vielmehr eine merkwürdige semantische Starre, einen Strauß restringierter Codes, die verhindern, daß beispielsweise über "Utopie und Biologie" überhaupt so breit geredet wird, wie`s möglich wäre. Das ginge ja potentiell los bei der relativen Unsterblichkeit, d.h. wenigstens der indefiniten Verlängerung des menschlichen Lebens. Dafür steht im Moment besonders die Arbeit an Mitteln gegen die Zellalterung. d.h. die Erforschung der Telomere. Dies sind von einem Enzym namens Telomerase gesteuerte, "angeklebte" redundante Abschnitte bzw. Endstücke der DNA, die das Zusammenkleben dieser großen aperiodischen Makromoleküle verhindern sollen und damit die Zellvervielfältigung regulieren. Im Alter wird die Telomerase weniger, die Reproduktionsrate nimmt ab, es werden keine neuen Zellen mehr produziert. Könnte man - und daran wird im Moment geforscht- das Vorkommen von Telomerase willkürlich steuern, so würde man durch deren Verknappung Krebszellen absterben lassen und umgekehrt durch deren Proliferation die Zellalterung bekämpfen. Wie gesagt, das ist nur eine der Grenzen, die im Moment eingerissen werden. Brian Stableford nennt das in seinen Romanen und Kurzgeschichten "Emortality", eben: relative Unsterblichkeit.
Dann gibt es die auch viel zuwenig politisch, d.h. anders als unter ganz engen Begriffsvorgaben wie Vergiftung und Krankheit diskutierte Welt-Ernährungsfrage, Stichwort: Gen-Maniok für alle, da redet niemand darüber, ob so etwas überhaupt wünschenswert wäre, selbst wenn es keine Gesundheitsgefährdung brächte. Warum nicht? Und schließlich gibt es den ganzen Bereich pharmazeutischer Anwendungen, hier kam ja auch der erste Biotech-Goldrausch zustande, als in den Achtzigern der Cytokin-Boom losbrach. Nachdem Donald Metcalf in den Siebzigern die ersten Cytokine entdeckt hatte, das sind bestimmte Proteine, die das Wachstum, die Entwicklung und Funktion von Immun- und Blutzellen regulieren, löste das seinerzeit zig Firmengründungen aus, und all die Behauptungen, man könne Parkinson, Alzheimer und AIDS auf gentechnischem Weg therapieren oder besiegen, basieren eigentlich - neben der Herstellung von Insulin mittels rekombinanter DNA-Technologie - heute noch auf den damals erzielten Erfolgen. Wird aber alles nur in Fachkreisen und von SF-AutorInnen diskutiert, dabei wäre es keineswegs schwieriger zu erklären als die Tatbestände der BSE-Übertragung. Wie gesagt, diese Debatte findet kaum statt. Oberflächlicher Grund dafür ist wohl, daß die Form der Diskussion beim Thema "Gesellschaftskritik als Technologiekritik" immer noch von den Restausläufern der nebulösesten 80er-Jahre-Öko-Ideologemen reguliert wird, wo sich als Technokratin oder Fiesling verdächtig macht, wer die Tatbestände kennt, selbst wenn an ihrer oder seiner antikapitalistischen oder sonstwie integeren Haltung zunächst kein Zweifel besteht. Aber Schuld an der Enge der Debatte haben nicht allein die GRÜNEN. Dahinter steckt ein allgemeineres Phänomen, nämlich das des sogenannten "Bescheidwissens" auf allen Ebenen, also gerade auch da, wo die Wissenschaft und die Technik selber nicht zu finden sind, wohl aber ihre Kritik. Das heißt, daß es nicht nur Atomphysiker gibt, sondern daß die Anti-Atom-Bewegung ihre eigenen Gegenexperten schafft, Protestexperten eben, und deren Bescheidwissen reguliert, worüber im kritischen Milieu geredet wird, absurderweise nicht weniger als das der Establishment-Experten die Rede im administrativen Milieu.

In jedem sozialen Kontext, so scheint es, hinterläßt dieses Phänomen seine Spuren. Wenn man etwa die Leute, die man andauernd in der Kneipe und der Universitätsbibliothek trifft, so über Utopie, Kritik und Gesellschaft reden hört, könnte man fast glauben, daß ihr und damit natürlich auch unser geistiges Leben im Jahres,- Lustren- oder Dezennienrhythmus von so einer Art intellektuellem Steuerberatungsbüro vorausgeplant wird. Da ist immer alles vollkommen folgerichtig, DIE haben wieder IHR SPIEL gespielt und UNS verarscht, aber dafür macht man als DissidentIn wenigstens stetig diese begeisternden Fortschritte zu immer abgeklärterer Aufgeklärtheit. All diese sympathischen IntelligenzlerInnen scheinen zu glauben, wenn man in seinem prima Breakbeatwissen oder seinen komischen Kenntnissen in Systemtheorie oder rudimentären Kryptographie- und Programmiesprachenkenntnissen und dazugehörigen Cyberpunk-Parolen so durch den Äther tuckert, dann hielte man da irgendwas in Händen, was einem durch die strukturelle Krise der Warenform, den Weltuntergang, die Rezession oder wenigstens durch die Nacht hilft. Tja, und das ist eben exakt die intellektuelle Immunschwäche, durch die, heimtückisch wie sie ist, sich die von uns so genannte Putnamsche Krankheit in die Gedankenkreisläufe stiehlt. Die genaue Herleitung möge ein konkreter Fall ergeben. Wir nennen ihn "den Außerirdischen". Für die Brücke zur Anamnese, Diagnose und eventuell Therapie der Putnamschen Krankheit, möchten wir zunächst darauf hinweisen, daß der ganze Zusammenhang, der unter dem Namen "Alien" so seine Blüten treibt, niemals ins Leben getreten wäre, wenn es nicht als notwendige Bedingung seiner Emergenz aus dem sonstigen Geschwätz den Diskurs der NATURWISSENSCHAFTEN gäbe. Die notwendige Bedingung dafür, daß man von Außerirdischen Lebewesen sprechen kann, ist, daß man von irdischem Leben spricht, von dem man es damit unterscheidet, die notwendige Begriffsbedingung für "außerirdische Intelligenz" ist irdische "Intelligenz" - die Worte Lebewesen, Intelligenz und irdisch sind aber allesamt in Disziplinen wie Biologie, Kognitionsforschung, Physik, Geologie, Astronomie, Radioastronomie und so weiter zuhause. Die Existenz dieser Disziplinen und ihres Vokabulars ist also die notwendige Begriffsbedingung für den "Alien"-Namen, aber noch nicht die hinreichende. Die hinreichende Bedingung dafür, daß sich Leute wie wir an einem Ort wie diesem, der erkennbar kein naturwissenschaftliches Seminar oder Institut ist, über solche Begriffe unterhalten, ist vielmehr die Aneignung von Expertenvokabular durch eine Öffentlichkeit, die dann sekundär wieder in FilmproduzentInnen, SF-SchriftstellerInnen, Pfarrer und Cultural-Studies-Gelehrte zerfällt. Daß es überhaupt Außerirdische "gibt", liegt also an der Wissenschaft. Daß es aber VERSCHIEDENE Außerirdische gibt, DAS liegt an der Gesellschaft, die die Umwelt der Wissenschaft ist. Der spezifische Außerirdische, den wir oft meinen, ist der, dem man vom 14. bis zum 16. 11 1997 in der Berliner Volksbühne einen von Diedrich Diederichsen initiierten Kongreß unter dem Header "Loving the Alien" widmete. Die Idee war, afroamerikanische und anglodiasporische, sogenannte schwarze KritikerInnen, SchrifstellerInnen, Cultural-Studies-Leute und Anti-Cultural-Studies-Leute wie Paul Gilroy, Greg Tate, Kodwo Eshun oder Edward George und ein paar deutsche SchreiberInnen, darunter ihn selber und uns, über die Figur "Alien" reden zu lassen und das Sun Ra Arkestra seine großartige Musik dazu machen zu lassen. Diederichsen erklärte dazu: "Science Fiction, insbesondere einige spezielle Motive der großen SF-Genres, erfreut sich in aktuellen popkulturellen, antirassistischen, feministischen und kulturkritischen Diskussionen vor allem in den anglo-amerikanischen Ländern hoher Konjunktur." Der in diesem Diederichsen-Zitat angeführte feministische Bezug fiel dann bei der Planung der Veranstaltung weg, weil sich die Sache in dieser Größenordnung, also wenn man den Debatten sowohl der afrodiasporischen wie der feministischen und womöglich noch der durch Köpfe wie Mark Dery vorgezeichneten cyberoppositionellen SF-Bezugnahme hätte Rechnung tragen wollen, als nicht mehr sinnvoll bewältigbar präsentierte. Begriffe wie der "Alien" aber, also diejenigen, bei denen man Entscheidungen treffen muß, was man eigentlich genau von ihnen will, weil sie mehr als nur einen Zugang erlauben, sind in Wirklichkeit die einzigen interessanten in einer von ideologischen, systematisch irreführenden und vor allem saudummen Begriffen verseuchten intellektuellen Atmosphäre, das heißt eben einer Atmosphäre wie der, die in den freien westlichen liberalen kapitalistisch-monopolistischen Demokratien herrscht, wo soviel Scheißdreck geredet, gedruckt und gesendet wird wie noch nie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte - das Hochmittelalter und die Restaurationszeit nicht ausgenommen.
Auf der Veranstaltung haben wir daher versucht, zu erklären, warum diese äquivoken, reichen, ambigen Begriffe so interessant sind, natürlich immer am Alien-Beispiel. Wir haben diese Begriffe dort außerdem bei ihrem korrekten Namen genannt.
Der lautet: "Überdeterminiertheit".
Die Ereignisse seit Ende der Veranstaltung und Veröffentlichung des dazugehörigen Readers haben uns nun allerdings gelehrt, daß offensichtlich kein Schwein weiß, was "Überdeterminiertheit" bedeutet, wo das herkommt, und wozu dieses Wort gut ist. Dabei ist alles wieder mal ganz einfach. Erstmals zu einiger Prominenz gelangte der Ausdruck durch das Werk des österreichischen Nervenarztes Sigmund Freud, der ihn insbesondere in seinem im Jahre 1900 erschienenen dicken Buch "Die Traumdeutung" immer wieder verwendet. Freud erklärt in diesem Buch - und wir wollen uns nicht damit befassen, ob diese Erklärungen richtig sind - Träume von Leuten, und weist dann mit dem Wort "Überdeterminiertheit" eins ums andere mal darauf hin, daß, anders als beim Billardspiel, im psychischen Geschehen nicht das eine Ding das andere anstößt, sondern öfter sozusagen mehrere Kugeln mit einer bestimmten Kugel gleichzeitig zusammenstoßen und ihr so Bewegungsrichtung, Impuls undsoweiter verleihen. Eine Weile später hat der französische strukturalistische Marxist Louis Althusser den Ausdruck auf das ökonomische, soziale und politische Leben übertragen; damit wollte er sagen, daß sich traditionellere Marxismen als sein eigener die Sache etwas zu einfach vorstellen, wenn sie meinen, irgend etwas, was irgendein Politiker, Philosoph, eine Fabrikbesitzerin oder Revolutionärin redet oder tut, habe einen einzigen, wie die Mathematik sagen würde: "wohldefinierten", nämlich ökonomischen Grund. Diese Dinge, argumentierte Herr Althusser, überlagern einander vielmehr häufigst, greifen ineinander und so weiter.
Und so ist das wirklich.
Wenn man den Ausdruck "überdeterminiert" für BEGRIFFE benutzt, heißt das, man sympathisiert mit der Ansicht, diese Begriffe hätten mehrere Eltern. Nehmen wir unter diesem Aspekt den Alienbegriff unter die Lupe; am besten anhand eines Beispiels aus der Science Fiction-Literatur, nämlich drei Romanen einer Frau namens Patricia Anthony. Alle drei handeln im engeren Sinne von Außerirdischen und sind doch äußerst verschieden:
1.) "Cold Allies", wo es um einen zukünftigen Weltkrieg zwischen Ost und West geht, in den Außerirdische eingreifen, welche man, wenn man unbedingt alles interpretieren muß, als brillante Metapher für die Verselbständigung militärisch-strategischer Logik mit all ihren Kollateralschäden und unsichtbaren strukturellen Unausweichlichkeiten begreifen kann,
2.) "Brother Termite", wo ein Außerirdischer, der zusammen mit seinen Artgenossen die Menschheit durch in menschliche Babynahrung eingeschmuggelte, die DNA schädigende Präparate sterilisieren will, es zum Stabschef des Weißen Hauses bringt, was man, wenn man unbedingt alles interpretieren muß, als Metapher für die technokratische Verwaltung der menschlichen Reproduktionsfähigkeit durch die Apparate von Staat und Wirtschaft begreifen kann, und schließlich
3.) "God´s Fires", wo ein außerirdisches Raumschiff zur Zeit der Inquisition in Portugal notlanden muß, auslöst, was man, wenn man unbedingt alles interpretieren muß, als brillante Metapher für Xenophobie und deren Zusammenhang mit kultureller Muster-Erkennung, wie sie in vielen Gesellschaften immer noch vor allem von der Religion implementiert wird, begreifen kann.
Da haben wir also schon mal drei grundverschiedene Herangehensweisen an die kleinen grünen Männchen. Hierbei aber werden noch nicht einmal diejenigen hochinteressanten Gebrauchsweisen der Alien-Trope gestreift, die auf dem "Loving The Alien"-Kongreß eine Rolle spielten, oder die, die wir in unseren Statements auf dem Kongreß und in unserem Reader-Textchen verbraten haben. Als da nämlich
wären:
1.) Rassistische Kategorisierung
2.) Außerirdische in amerikanischen, überhaupt westlichen SF-Filmen und Büchern im kalten Krieg als Platzhalter für die sogenannten RUSSEN
3.) Seit Kubricks 2001-Film: Alien-Drogenerfahrungen
4.) Angst vor Wissenschaft und Technik
5.) Sexuelle Metaphoriken
Diese fünf sind die ersten fünf von schätzungsweise dreißig weiteren.
Aber in Diskussionen, Rezensionen des Readers, hier und da und sonst noch wo begegneten uns seither auf Schritt und Tritt Gestalten, deren, nennen wir es höflich "Argumentation" ungefähr folgendem Muster folgt: "Wie kann der Diederichsen sagen, dieses Zeug stünde für die Erfahrung schwarzer AmerikanerInnen? Es ist doch ganz klar, daß es für die soziale Situation von Homosexuellen steht!", oder: "Kirchner/Dath sind bescheuert, wenn sie sagen, Alien-Sprachen seien fremde Sprachen im eigenen Land, wo es doch eigentlich um als fremd stigmatisierte Menschen, nicht deren Sprachen, in Deutschland, und nur in Deutschland, gehen müßte", oder: "Aliens stehen gar nicht für Homosexuelle, sondern ROBOTER stehen für Homosexuelle." Was soll man solchen Leuten antworten? Was soll man jemandem sagen, der empört feststellt: "Man kann mit diesem Auto nicht nach Dortmund fahren. Denn man kann mit diesem Auto nach Bochum fahren, und da Bochum und Dortmund verschiedene Orte sind..." Sie verstehen, worauf wir hinauswollen.
Wir glauben, der Grund für diese unschönen Phänomene ist die Putnamsche Krankheit.
Sie besteht schlicht darin, daß Leute aus bestimmten Gründen und ohne sich dessen bewußt zu sein, bei der Definition und beim Gebrauch von Begriffen einen Fehler machen, den der amerikanische Denker Hilary Putnam absichtlich und bewußt gemacht hat, als er versuchte, zu erklären, was der Begriff "Bedeutung" bedeutet. Putnam hat den Fehler später korrigiert, aber das hilft den armen Opfern der Putnamschen Krankheit leider auch nicht. Der 1926 geborene Hilary Putnam ist ein amerikanischer Philosoph, der zur sogenannten analytischen Philosophie gerechnet wird. Das ist eine besonders in England und Amerika gepflegte, in mehrere einander gelegentlich bekämpfende Schulen aufgespaltene Richtung, die, ausgehend u.a. vom allerdings skeptisch betrachteten sogenannten Wiener Kreis, aber auch von Frege und manchmal dem frühen, manchmal dem späten Ludwig Wittgenstein, hauptsächlich damit beschäftigt ist, Philosophie als Klärung von Begriffen zu betreiben.
Die Spezialität von Putnam in diesem Feld war es nun stets, seine eigene analytische Sprachtheorie, bei der besonders die logische Geographie des Wortes "Bedeutung" untersucht wird auch mit einer Theorie der Wissenschaften, d.h. mit einer Art Erkenntnistheorie und einer Theorie über das, was WissenschaftlerInnen tun, zu verbinden. Wenn jemand etwas von Putnam lesen möchte, empfehlen wir die beiden Bücher "Die Bedeutung von 'Bedeutung'", das ist vielleicht sein berühmtester Aufsatz, er stammt aus den frühen Siebzigern, und "Repräsentation und Realität" von 1988, wo mehr oder weniger die wichtigsten Anschauungen drinstehen, die Putnam heute vertritt.
Die Vorgeschichte des Irrtums, der die Putnamsche Krankheit ausmacht, ist folgende:
Die frühen analytischen Köpfe wollten erst eine logisch formalisierte, kalkülmäßige Idealsprache konstruieren, die zeigen sollte, wie Semantik ein Effekt logischer Syntax sein kann, die Bedeutung von Worten also von der Struktur von Sätzen ableiten. Dagegen trat bald inneranalytisch die Ordinary Language Philosophy auf, die einige Mängel dieser Konzeption zeigte, worunter der wichtigste die mangelhafte Übertragbarkeit des Ganzen auf natürliche Sprachen gewesen sein dürfte. Die Ordinary Language-Leute schlugen deshalb vor, Bedeutung aus dem tatsächlichen Sprachgebrauch heraus zu erklären: ein Wort bedeutet bei ihnen das, was sein normaler, alltäglicher Sprachgebrauch mit ihm anstellt. Dummerweise ist der normale Sprachgebrauch nicht selten widersprüchlich und man kann zeigen, daß die angebliche Ordinary Language in Wirklichkeit auch nur wieder so eine analytische Idealsprache ist, nur anders codiert und formalisiert.
Putnams Weg aus vielen dieser Probleme war nun der: Er schlug vor, wir müßten Bedeutung zwar gesamtgesellschaftlich betrachten, aber innerhalb der Gesamtgesellschaft seien es sozusagen natürlich entstandene Arten analog den frühen analytischen Idealsprachen, an die man sich IN ZWEIFELSFÄLLEN immer wenden könne, und die damit dem ordinary Gebrauch von Worten das Sicherheitsnetz bereitstellen. Damit schuf Putnam eine Synthese von Ordinary Language-Theorie und Idealsprachensemantik.
In einem Buch über Putnam von Alex Burri liest sich das so:
"In einer Sprachgemeinschaft gibt es stets Fachleute, die anhand gewisser Testverfahren Aluminium von Molybdäum, Viren von Bakterien oder Früchte von Gemüse zu unterscheiden vermögen. Es sind diese Testverfahren, die die Referenz festlegen."
Hier haben wir ihn also endlich, den Erreger der Putnamschen Krankheit.
Denn Putnam hat, wie er später mit anderen Worten und aus anderen Gründen selber einräumte, hier gar nicht wirklich beschrieben, wie Begriffe entstehen und gesichert werden, sondern wie Leute Kompetenzen legitimieren, also so ziemlich das Gegenteil. Tatsache ist nämlich, daß es viel zu wenige Worte gibt, bei denen man diese Experten überhaupt jemals braucht. Viel häufiger sind Fälle wie etwa die Wörter "Mutter" oder "Vater". Trotzdem gibt es die Experten, die man nicht braucht, gerade AUCH DA, auch bei diesen Allerweltswörtern, sobald es Wissenschaft gibt, ja: sehr bald für fast alle Worte (im Fall Mutter und Vater etwa Juristen oder SerologInnen oder GenetikerInnen , die Vaterschaftstests und dergleichen durchführen können). Die Worte sind in Wahrheit also nicht auf die Experten angewiesen, weil es sonst Gesellschaften, die keine der heutigen Arbeitsteilung in WissenschaftlerInnen und NichtwissenschaftlerInnen vergleichbare Struktur ausbilden, aber trotzdem Sprache benutzen, nie gegeben hätte. Jeder weiß aber, daß es Sprache lange vor WissenschaftlerInnen gegeben hat.
Was Putnam also, wiederholen wir, beschrieben hat, ist eine Legitimationstechnik von Eliten der Neuzeit, kein ontologisches Gesetz der Referenz. Aber verdeckte, implizite, unausgesprochene Formen der Putnamschen Theorie liegen all den Dummheiten zugrunde, die wir vorhin vorgeführt haben. Wann immer Leute behaupten, sie besäßen die Testverfahren, mit denen Worte wie ?Alien? ihre Trennschärfe gegen andere Worte bekommen, rechnen sie heimlich damit, daß ihr Gegenüber stillschweigend in die Argumentation des frühen Putnam einwilligt, man bräuchte irgendwelche Befehlsketten und Ursprünge, um zu wissen, was man mit Begriffen meint. Das braucht man aber nicht. Man braucht Diskussionen, Argumente, man braucht als einzelne Mitdiskutiererin und einzelner Diskutierer eine Biographie, man braucht einen Kontext. Das sind alles Dinge, die natürlich AUCH bei Experten vorhanden sind, aber eben nicht nur.
Damit wir nun nicht alle ganz deprimiert nach hause gehen, verraten wir zum Schluß das einzige Gegengift gegen diese furchtbare Seuche. Es ist allerdings bitter, wie das Medizin nun mal an sich hat. Gefeit sind gegen die üble Seuche nämlich nur Leute, die sich, Achtung: grundsätzlich für ALLES interessieren. Das kann man nun leider nicht immer durchhalten, und die von der Putnamschen Krankheit Befallenen werden jedem und jeder, der und die es versucht, sofort ihre besitzstandswahrerwütige Bannvokabel "Allzuständigkeitswahn" entgegenhalten. Der Sinn dieser Vokabel ist selbstverständlich: Wer hier redet, bestimmen wir. Aber darauf sollte man, schon weil das alles so schön durchsichtig ist, einen Scheißdreck geben. Wer einen Fehler macht, einen Irrtum begeht oder lügt, den/die soll man berichtigen, belehren oder bloßstellen, und zwar mit DATEN, BEWEISEN und ARGUMENTEN, d.h. mit REDE zur SACHE. Wenn man das nicht kann oder im Ernstfall plötzlich aus dem Vorwurf der Nichtzuständigkeit gegen den andern ganz schnell in den totalen Relativismus kippt ("Ich weiß nicht, was du Falsches sagst, aber du bist jedenfalls doch wohl nicht zuständig, weil ICH und meine Gang zuständig sind, obwohl natürlich jeder IRGENDWO recht hat."), darf man NIEMANDEM NIEMALS das Wort abschneiden, nur weil er/sie nicht 12 Semester Dissidentosophie studiert hat oder nie "selber dabei war". Außerdem gibt es das Medikament auch in der handlichen Kinderpackung, und die ist allemal erschwinglich: wenn man sich schon nicht für alles interessiert, dann bitte wenigstens ganz besonders für das, wovon einem jemand einreden will, man sei dafür nicht zuständig. Das bedeutet: wenn irgendwo ein Schild hängt, auf dem drohend steht: "Das geht Euch gar nichts an", dann empfehlen wir dringendst: sofort aktiv ignorieren.
Dankeschön fürs Zuhören.