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| Platos Ohrwurm - Die anhaltende Konjunktur der Memetik | |
| Von Barbara Kirchner | |
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| Echte Hits kann man nicht planen. Das zumindest versichern den Interviewern oder Biografen mit schöner Regelmäßigkeit die berühmten Schöpfer großer Erfolge der Popmusik, des Kinos, der Mode und der Literatur. Hits fallen einem einfach ein und verbreiten sich dann quasi von selbst, mit epidemischer Geschwindigkeit und Reichweite. Die ältere Kunst- und Kulturwissenschaft kannte dafür den vom romantischen Geniekult befruchteten Ausdruck "Inspiration". In jüngster Zeit aber scheint es, als habe ein Wissenschaftler, der sich eigentlich für ganz andere Dinge interessiert, doch noch eine Theorie des Hits (sowie manch anderer, noch weitaus verzwickterer Phänomene) geliefert: die "Memetik". Jetzt ist mit Die Macht der Meme der britischen Kognitionsforscherin und Psychologin Susan Blackmore eine umfassende Darstellung der Memetik in deutscher Übersetzung erschienen (Spektrum Verlag): Anlass genug, sich noch einmal genauer mit dieser Theorie zu beschäftigen, die mit der wolkigen Metapher "kulturelle Evolution" auf unerwartete Weise Ernst macht. Endlich, versichern Anhänger dieser frohen Botschaft, werden so weit auseinander liegende Phänomene wie der Ohrwurm und die Piercing-Mode, der Seitenscheitel und das Christentum unter einen begrifflichen Hut gebracht. Seitenscheitel und Christentum Der Urheber dieser Theorie, Richard Dawkins, ist weder Philosoph noch Soziologe. Seine Lehre der ideellen Muster hat daher nichts gemein mit klassischen "Ideentheorien", die bis in dieses Jahrhundert allesamt legitime oder illegitime Erben von Platos antiker Vorstellung waren, es gäbe neben der Vielfalt realer Stühle oder Frisuren noch die abstrakte "Idee" Stuhl oder Haarschnitt und die Gesamtheit aller derartigen "Ideen" konstituiere eine verborgene "wahre Welt" hinter den Dingen. Aber auch mit den antimetaphysischen Ideenlehren unseres Jahrhunderts, also den zahlreichen strukturalistischen, pragmatischen und sonstigen Zeichen- und Bedeutungstheorien im Gefolge der beiden Väter moderner Semiotik, Ferdinand de Saussure und Charles S. Peirce, hat Dawkins' Lehre nichts gemein. Denn er ist Biologe, mithin Vertreter einer Wissenschaft, die sich ansonsten eigentlich nicht durch besonderen Respekt vor Symbolischem und Ideellem auszeichnet. Im Gegenteil: hehre ethische Errungenschaften des Menschen wie die "Nächstenliebe" werden von Soziobiologen wie Dawkins oder Edward O. Wilson zu Beispielen für "Verwandtenhilfe im Tierreich" degradiert, romantische Schwärmerei entpuppt sich als prosaische Hormonausschüttung an der Blutkreislauf-Hirn-Schwelle - und jetzt soll also auch der Glaube an die Inspiration erschüttert werden? Auch wenn der Begriff "Mem" erst in den 90-er Jahren erstmals in den Debatten und Feuilletons auftauchte - angeregt vor allem durch Kevin Kellys 1997 erschienenes Buch Außer Kontrolle. Die biologische Wende in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft, inzwischen bei Fischer als Der zweite Akt der Schöpfung wiederveröffentlicht - erfunden hat Dawkins ihn bereits Mitte der Siebziger Jahre. "Mem" sollte als "kulturelles" Analogon des "Gens" gewissermaßen die kleinste Einheit "ansteckender Ideen" bezeichnen. So wie ein encodierter Genomabschnitt auf der DNA für blaue Augen, rote Haare oder starke Knochen verantwortlich ist, übermitteln Menschen einander nach Dawkins in Gestalt der Meme auch "ideelle" Erbsubstanz, nämlich Regeln wie "Freitags Fisch", Tonfolgen wie den ersten Takt aus dem Kopfsatz von Beethovens fünfter Symphonie, Witze... Die Idee sollte, als Dawkins sie 1976 in sein inzwischen in zahlreichen Auflagen und vielen Sprachen verbreitetes Hauptwerk "Das egoistische Gen" hineinschrieb, eigentlich nur eine Metapher sein, an deren Beispiel er Schlüsselkonzepte der Evolutionstheorie zu vermitteln hoffte. Wie vielen naturwissenschaftlich Gebildeten war ihm nämlich aufgefallen, dass die Evolutionstheorie, obwohl sie permanent von allen möglichen Leuten im Munde geführt wird, in Wirklichkeit auch über hundert Jahre nach ihrer Entstehung nicht recht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. Viele Menschen glauben etwa noch immer, "Evolution" bedeute die Weitergabe erworbener vorteilhafter Eigenschaften von Tieren an ihre Nachkommen. Diese Leute sind damit eigentlich Anhänger von Darwins Vorläufer Lamarck, den Darwinisten wie August Weismann im späten 19. Jahrhundert widerlegten. Manche verstehen unter "Evolution" auch eine ominöse "Höherentwicklung", die in der evolutionären Perspektive, zwischen Selektionsdruck und Diversifizierung, ebenso wenig Platz hat wie übernatürliche Wunder oder züchterische Eingriffe von Außerirdischen. Wieder andere stellen sich unterm "survival of the fittest" eine reine Konkurrenz um Nahrungsressourcen vor, statt den sehr viel komplexeren Wettbewerb um Reproduktionsquoten und das von der Statistik regierte Entstehen "evolutionär stabiler Strategien". Um all das sowohl anschaulich zu erklären wie um zu vermeiden, dass das verkehrte "Wissen" dabei stört, übertrug Dawkins die Vorstellung der "Konkurrenz" von Erbanlagen untereinander auf einen "Wettbewerb der Ideen" - und fand, ganz gegen seine Absicht, dass man all den oben genannten Fehlauffassungen auch auf diesem Gebiet begegnen kann, sie dort aber den Charakter von "ideologischen" Präferenzen annehmen. Und die haben weitaus gravierendere Folgen als ein mangelndes Verständnis der Abstammungslehre. Ein wenig knobelte Dawkins noch daran herum, dann wandte er sich wieder Fachbelangen zu. Aus seinem didaktischen Spiel aber entwickelte sich mittlerweile eine vielschichtige Lehre: die Memetik. Führende Denker der neuen Cyberkultur wie der Ars-Electronica-Preisträger Neal Stephenson, dessen Mammutroman Cryptonomicon inzwischen den Status einer heiligen Schrift der Internetphilosophie erlangt hat, oder der Prophet der "New Economy" und Mitbegründer der Zeitschrift Wired, Kevin Kelly, leisten das ihre zur Popularisierung der Memetik. In ihren Texten begegnet man immer wieder memetischen Konzepten wie dem "Glaubensraum" (Ausbreitungsgebiet weltanschaulicher Meme), dem "Membot" (ein Roboter im Dienst eines Mems, also ein Mensch, der seine ganze Zeit der Verbreitung dieses Mems widmet) oder der "Ideosphäre", einem Zeichen-Raum, in dem sich Meme "semiotische Nischen" suchen. "Die Macht der Meme" von Susan Blackmore ist nun die bislang umfassendste Einführung ins memetische Denken. Es bietet nicht nur eine Übersicht übers memetische Gedankengebäude, sondern versucht sich auch kühn daran, den Beweis zu erbringen, dass die Memetik für die Erklärung der Sexualrollen, der Kommunikationslandschaft des Internet und sogar der großen Religionen einiges leisten kann. Wie aber kann man erklären, dass die Memetik derzeit zwar zu den meistbeachteten neuen Kommunikationstheorien zählt, das öffentliche Interesse an ihr aber eigentlich erst in den letzten Jahren sprunghaft zunahm. Wie konnte diese Theorie jahrzehntelang "schlafen"? Die Antwort könnte lauten: Science Fiction. Blickt man kulturhistorisch zurück in die 40-er und 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts, so findet man dort in den Werken der Schriftsteller, die das im Genre sogenannte "Goldene Zeitalter" erschufen, sehr viele Dinge behandelt, die heute gesellschaftliche Realität geworden sind: Computer, elektronische Kommunikation, Cloning... als diese neuen Technologien Massenwirklichkeit wurden, bedeutete das kulturell eine Rückkehr der Bilder und Redeweisen jener Zeit, in der Clifford D. Simak, Isaac Asimov oder Robert A. Heinlein der technikbegeisterten amerikanischen Jugend den Weg ins Übermorgen wiesen. Die Jetzt-Zeit lebt die Bilder der Fünfziger: Sei es in der Werbung für die EXPO 2000 mit ihren Zukunftsmenschen in Silberkostümen, schlanken Raketen, kuppelüberdachten Städten sei es in der gleichzeitig rückwärtsgewandten wie futuristischen Ikonographie von Pop-Videoclips zwischen Hip-Hop und Techno. Die "New Economy" hat den Konnex zwischen neuer Wirklichkeit und traditionsreichen Utopien erkannt: Nathan Myhrvold zum Beispiel, einer der Top-Entscheider bei Microsoft, lud schon Mitte der 90-er Jahre regelmäßig Science Fiction-Denker wie Neal Stephenson, Greg Bear oder Bruce Sterling zu Gesprächen mit der Führungsriege des Bill Gates-Konzerns ein. Zu den klassischen SF-Phantasien gehört aber auch das Bedürfnis nach einer naturwissenschaftlich fundierten "Ideenlehre", die alle im engeren Sinn "kulturellen" Aspekte der neuen Techno-Welt bündelt - wie die Memetik. Schon im "Goldenen Zeitalter" gab es Romane über fiktive Wissenschaften wie die "Psychohistory" (Isaac Asimov) oder den "Nexialismus" (A.E. Van Vogt), die Gesellschaftliches mit mathematischer Eleganz analysierten. Es handelte sich damit um fiktive Formen dessen, was der Soziologe Niklas Luhmann "Supertheorien" nennt: Theorien, die nicht nur alles Soziale und Symbolische, sondern auch sich selbst in ihren eigenen Begriffen erklären können. In der semiotischen Nische Die Memetik besetzt also, würde ein Memetiker sagen, die durch die Neo-Science-Fiction-Kulturen eröffnete semiotische Nische einer übergreifenden neuen Philosophie - und das begründet ihren Erfolg. Es könnte ihr aber auch, wenn diese kulturellen Grundlagen einmal wegfallen, den Boden wieder entziehen. Dann blieben alle ihre großen Fragen ungeklärt. Die heikelste unter ihnen aber lautet nach wie vor: was SIND eigentlich Meme? Es mag ja sein, dass man darunter "Ideen" und "Muster" verstehen soll, aber wo lokalisiert man die? Hier hinkt der Gen-Vergleich auffällig. Denn während Gene Codon-Sequenzen auf DNA-Molekülen "sind", also nur existieren, weil es diese Moleküle gibt und weil sie aperiodisch sind, ihre Muster also "Schrift" zulassen, kann man ein Mem nicht so ohne weiteres lokalisieren. Hier hilft vielleicht nur eine weitere revolutionäre Idee, die der Physiker Tom Stonier in seinem Hauptwerk Information and the internal structure of the universe (1990) entwickelt hat. Stonier glaubt, dass Muster und Zeichen nicht etwa davon abhängen, dass jemand sie lesen kann (was die Menschheit doch seit Jahrtausenden geglaubt hat), sondern ebenso wie Kräfte, Felder und die Raumzeit schlicht Grund-Eigenschaften des Universums sind. Das würde, auf die Memetik übertragen, bedeuten, dass es zwecklos ist, Meme zu suchen; denn auch eine "Kraft" kann man ja nicht "sehen" - nur ihre Effekte. Dass aber Meme, d.h. Ideen und Muster, Effekte haben, positive wie zerstörerische, bestreitet gewiss niemand. Man denke nur an so erfolgreiche Meme, Memplexe und Meta-Meme wie "Impressionismus", "Toleranz", "Militarismus" - oder eben: "Memetik". (Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 24.10.2000) |
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