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| Die verbesserte Frau | |
| Von Barbara Kirchner | |
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| Prolog Der Jäger im Dienst Die Nachmittagshitze hatte sich verzogen, die Vögel fanden ihre Stimmen wieder. Es würde noch Stunden dauern, schätzte der Jäger, bis die Sonne unterging. Die Mädels, wie er seine Beute nannte, lagen gut verdeckt vom Schilf, in Shorts und T-Shirts, nebeneinander auf großen dunkelblauen Frotteehandtüchern. Der Jäger dachte: blöde Mädels, eigentlich. So macht das keinen Spaß, am hellen Tag. Der Jäger stand an eine alte Weide gelehnt und beobachtete die Mädels schon eine ganze Stunde. Aufmerksamer noch beobachtete er die Bucht, spähte jeden Winkel aus. Seit er hierher gekommen war, einem Mädel folgend, das auf einer Luftmatratze über den See getrieben und dann, mit der Luftmatratze unterm Arm, an Land gegangen war, um auf dem Kiesweg zum Waldpfad zu verschwinden, war niemand neues mehr gekommen. Er war mit den Mädels im Schilf allein, und fand, daß sein Entschluß, dem Luftmatratzenmädel nicht auf den Kiespfad zu folgen, richtig gewesen war. Ins Schilf, auf die Stelle, wo die beiden Frottehandtuchmädels lagen, konnte man nur von zwei Stellen aus Einsicht nehmen: erstens vom Wasser aus, wo die Frau mit der Luftmatratze gewesen war, im toten Winkel der Hängebrücke. Und zweitens vom Aussichtspunkt des Jägers aus, bei der Weide. Der Jäger zündete sich einen Zigarillo an und fühlte in seiner weiten rechten Hosentasche nach der Nadelwaffe. Er erwog verschiedene Möglichkeiten, seine Aufgabe im Sinne der Firma zu erledigen. Er konnte beide Mädels schlafen schicken, dann eines mitnehmen und bei der Firma abliefern. Oder er schickte beide schlafen und nahm erst die eine, dann die andere mit. Dann würde er aber eine da liegenlassen müssen, und man wußte nie, wer sie finden mochte. Ein Vergewaltiger vielleicht, oder, noch schlechter für den Jäger: ein Polizist. Und wenn er nicht klug genug vorging, konnte sie sich vielleicht an ihn erinnern, oder an irgendwelche verräterischen Details, wenn sie wieder aufwachte. Dritte Möglichkeit: beide schlafen schicken und eine ganz ausknipsen und liegen lassen. Vielleicht so herrichten, daß die Theorie der Zeitung, die Arbeit des Jägers sei die Spur eines sogenannten Triebtäters, neuen Auftrieb kriegen würde. Das könnte ihm sogar eine Belobigung einbringen. Aber er brachte nicht gern Leute um. Bevor er Jäger geworden war, hatte er zweimal Leute getötet. Und als Jäger einmal. Das war eine blöde Geschichte gewesen - vor allem, weil er nachher die tote Frau bei der Firma abgeliefert hatte, in der Hoffnung, man würde ihm die Beseitigung abnehmen. Statt dessen gab es einen Riesen-Anschiß, und er hätte seine schöne Arbeit fast wieder aufgeben müssen. Als er eingewandt hatte, daß die Firma doch oft genug mit Leichen zu tun hatte, während sie bei ihm nur als bedauerliche Betriebsunfälle vorkommen konnten, hatte ihn der zuständige Weißkittel - es war Arndt gewesen - angeschaut wie einen wilden Affen. Das hatte dem Jäger nicht gefallen. Arndt hatte ihn gekränkt. Diese Doktors glauben auch alle, die Sonne scheint aus ihrem Arsch, hatte der Jäger gedacht. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen dem Jäger und den Gorillas vom Trainingsteam. Die Weißkittel hatten ihr ?Ethos?. Er dagegen war für sie bloß so was wie ein Leichendieb. Sie verstanden nicht, daß das, was ihn motivierte, ihrem eigenen Berufsstolz gar nicht so unähnlich war. Der Jäger sah sich als eine Art Wildhüter. Die Frauen - die Mädels -, die er ablieferte, konnten ihm dankbar sein, meinte er. Sie wurden verbessert. Er mochte Mädels. Er hatte ihnen das auch immer gezeigt, wenn er welche gefangen hatte. Eine hatte er mit einer zu vollen Nadel erwischt, die hatte länger geschlafen als geplant. Also hatte er sie zu sich nach Hause mitgenommen und dort abgelegt, und später die Leute von der Firma angelogen, er hätte sie viel später gefangen. Dieses eine Mädel damals hatte er sehr gemocht. Wie sie auf seiner Matratze gelegen hatte, hatte er sie ein bißchen ausgezogen, nicht richtig, nur so die äußeren Teile. Und dann hatte er sie auf den Hals geküßt und auf die Schenkel. Da war er nervös geworden und hatte sich geschämt. Dann hatte er sie wieder angezogen. Er nahm den Zigarillo aus dem Mund und schnippte ihn weg. Seine Entscheidung war gefallen. Er würde zu den Mädels runtergehen und sich vorstellen. Dann würde er sie schlafen schicken. Und dann würde er sie beide nacheinander zur Firma bringen. Wenn er schnell genug war mit dem Wagen, vom Parkplatz an der Waldkneipe her, konnte er sie beide in einer halben Stunde einladen. Der einzige Risikofaktor lag in seiner kurzen Abwesenheit. Aber wenn er sie so hinlegte, daß es aussah, als sonnten sie sich, würde ihnen niemand zu nahe treten. Er dachte an das Mädel, das damals auf seiner Matratze gelegen hatte. Er hatte sich noch mal bei den Doktores erkundigt, später. Sie war das einzige Mädel gewesen, nach dessen weiterem Schicksal er sich bei den Doktores erkundigte, und zwar bei Shimizu. Er wollte einfach wissen, wie die Verbesserung bei ihr angeschlagen hatte. Shimizu hatte ihn undurchdringlich angestarrt und gesagt: ?Es hat nicht funktioniert. Diese Frau war beschädigt, als wir sie gekriegt haben.? Der Jäger hatte geschwiegen, aber ein bißchen schlechtes Gewissen hatte er schon gehabt, weil es ja vielleicht seine Schuld war, daß das Mädel kaputt gewesen war. Vielleicht hatte er die Nadel absichtlich so ausgewählt, daß sie etwas länger schlafen würde als die Doktores für ratsam gehalten hatten? Vielleicht war es von vornherein sein Plan gewesen, sie mit nach Hause zu nehmen? Er erlaubte sich nicht, diesen Gedanken weiterzudenken. Der Jäger vor ihm war eine richtige Sau gewesen, der hatte zweimal was mit den Mädels gemacht, bevor er sie ablieferte. Die Firma hatte ihn aus dem Verkehr gezogen, denn natürlich hatten sie's rausgefunden. Er hatte nämlich Spuren von sich an den Mädels hinterlassen. Den Jäger ekelte der Gedanke an seinen Vorgänger. Er arbeitete sich behutsam durchs Schilf voran zu der kleinen Bucht. Die Mädels hörten ihn kommen, erschraken zuerst. Aber als sie ihn sahen, als er bei ihren Handtüchern stand und sie freundlich angrinste, lächelten sie ein bißchen verwundert zurück. Verwundert, nicht argwöhnisch. Das freute ihn. Wenn die Mädels vor ihm Angst hatten, war das immer furchtbar. Der Jäger räusperte sich ein bißchen theatralisch, und sagte dann freundlich: ?Hallo Mädels!? Es gefiel ihm sehr, wie die Mädels auf diese Begrüßung hin lachten. Er fand nicht, daß sie ihn auslachten. Die Begrüßung hatte geklappt. Jetzt konnte er seine Arbeit machen. |
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