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| Erzählungen. Ein Lesebuch | |
| Von Irmtraud Morgner | |
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| Auszug aus: ?Die Heiratsschwindlerin? 2. Da meine Mutter in Dessau, wo ich gebürtig bin, verstorben war, erschien mir die Stadt kurz als Ort meiner Sehnsucht. Hauptsächlich wegen der Wörlitzer Brücke. Sie beginnt in respektvollem Abstand zum Fluß. Eine Schmalspurstrecke, die Planken für Fußgänger begleiten, ist von Deich zu Deich über die Muldwiesen gespannt. In der sichelförmigen Kurve liegt das plankennahe Gleis niedriger als das äußere. Genormte Pfeiler wie bei anderen Flutbrücken der Umgebung stützen das Eisengerüst. Schritte klopfen Töne aus ihm. Am besten, wenn Plankenschrauben locker sind oder fehlen. Füße und Wetter haben die Holzmaserung erhaben gemacht. Blankgewetztes Eisengeländer. Nur von Flußufer zu Flußufer wird es von einer Bogenkonstruktion überwölbt. Das Wasser stinkt nach Apotheke. Schaum dreht sich in Strudelkreisen. Die Brücke unterschlägt die Stämme der Eichbäume, so daß ich zunächst nur zu den gewaltigen Armen der Kronen aufzuschauen hatte. Das ermunterte mein Zutrauen zur Gegend. Auch als ich von der Brücke auf die Deichkronen wechselte, erschien mir die Stadt als Wohnort noch geeignet. Der Eindruck änderte sich, als mir eine entfernte Verwandte begegnete, die mich als Versager entlarvte. Wer aus einem Lande, wo dem Tüchtigen die Welt gehöre, zurückkehre, wäre untüchtig. Die Tüchtigen führen jedes Jahr nach Italien oder Mallorca und schickten ihren Verwandten Pakete. Da mir Dessau nicht groß genug erschien, um sicher vor einer Wiederbegegnung zu sein, war mir die Stadt verleidet. Ich verließ sie also und fuhr nach Berlin zurück. Wieder aus sentimentalen Antrieben. Hier, wo ich um politisches Asyl gebeten hatte, wußte ich nämlich eine Schulfreundin wohnen, die »etwas Großes« geheiratet hatte. So jedenfalls war mir in brieflichen Berichten meiner Mutter über meine Schulfreundin Irene erzählt worden. Hamburgisch geprägte Maßstäbe ermunterten mich, mir die Wohnung eines erfolgreichen Wissenschaftlers als Villa vorzustellen. Mit Besuchszimmern also, von denen mir Irene gewiß eines zur Verfügung stellen wurde. Vorübergehend, bei Irenes Charakter glaubte ich Hilfsbereitschaft garantiert. Mein Glaube wurde auch diesbezüglich nicht enttäuscht. Ich erhielt selbstverständlich Unterkunft. In einer Zweizimmerwohnung. An der Wohnungstür stand: Möbius. Das war Irenes Mädchenname. Kurz und grob: zwei geschiedene Frauen und zwei Kinder in einer Zweizimmerwohnung. Zu grob, denn das eine Kind war längst eine Frau: siebzehnjährig. Der Junge war zwölf und hieß Thomas. Während des ersten Mitmieterjahres arbeitete ich im Glühlampenwerk. Dreischichtbetrieb. Irenes Schichtplan und meiner mußten da so abgestimmt sein, daß Thomas täglich einen von uns beiden sah. Er war nämlich versetzungsgefährdet. Wir Frauen sahen uns so gut wie nie. Das mißfiel mir. Außerdem kam meine Gesundheit immer mehr herunter, weil ich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit schlafen konnte. Vielen Kolleginnen ging es ähnlich. Wir beklagten oft vor Spiegeln unsere von Müdigkeit verwüsteten Gesichter und ratschlagten. Auf einem Betriebsausflug riet mir meine Brigade, eine Heiratsannonce aufzugeben. Ich fand den Vorschlag albern. Die Frauen behaupteten, ich würde mich nicht trauen und wollten wetten. Wettpreis: sechs Flaschen Weißwein von dem, der uns gerade schmeckte. Da ich vom Heiraten die Nase voll hatte, nahm ich die Wette an. Irenes Haushalt hatte keine Zeitungen abonniert, die Heiratsannoncen druckten. Ich hatte keine Lust, für die Herstellung des Textes Geld und Mühe aufzuwenden. Deshalb griff ich auf eine Komposition zurück, die eine Hamburger Freundin einst für sich publiziert hatte und die mir in Erinnerung geblieben war, weil niemand geantwortet hatte. Ich annoncierte in der »Wochenpost«: »Kleine Frau (35/1,55), unauffäll. Schönh., anschmiegs., schüchtern, möchte einen tücht. Mann bewundern u. verwöhnen als aufmerks., arbeits. Hausfrau, zärtl. Bettgef. u. alles verzeih. Mutter. Nur seriöse Zuschr. erb. an BZ 67983.« Ich erhielt hundertneunzehn Zuschriften, die ich nach Umfang ordnete. Die längsten erschienen mir am seriösesten. Ich beantwortete sie und verabredete einundzwanzig Treffen. Während des neunten Treffens erkannte ich die Marktlücke. Aus dem Spaß wurde Ernst. Ich kündigte also im Glühlampenwerk und wechselte den Beruf. Der neunte Herr wurde mein erster Klient. Ein geschiedener Mann wie seine Vorgänger. Der erste, der seiner Frau weggelaufen war. Den anderen waren die Frauen weggelaufen. Alle waren reizbar. Schon das Wort »Emanzipation« genügte, um sie in Wut zu bringen. Ich staunte und entschied mich für den neunten, weil aller Anfang schwer ist und ein leichter Fall zum Einarbeiten günstig. Weibliche Heiratsschwindler konnten sich damals noch auf keinerlei gesicherte Berufserfahrungen stützen. Ich war ein Pionier. Mein Instinkt sagte mir, daß ein Mann, der Rache in Form einer Scheidungsklage hatte nehmen können, von ausgeglichenerem Wesen sein müßte als ein Rachebrüter. Anstrengende Klienten mußte ich mir zunächst versagen, da meine Nerven von vierzehn Ehejahren und den anschließenden Prozessen ruiniert waren. Nummer neun hatte außerdem die meisten gesellschaftlichen Funktionen. Die neue Arbeit verschönerte nicht nur mein Leben. Vormittags versorgte ich für den Klienten den Haushalt. Mittags wirtschaftete ich etwas in Irenes Wohnung. Die Nachmittage verbrachte ich mit Thomas und seiner Schwester Rosa, die Abende mit Irene, wenn sie Früh- oder Normalschicht hatte. Mein Klient Alfred hatte abends meist Sitzungen, so daß ich ihm nur nachts zur Verfügung stehen mußte. Und da auch meist lediglich schlafweis. Alfred war dankbar, weil ich keine Forderungen an ihn stellte. Er genoß, langweilig sein zu dürfen. Wenn er früh mit bewundernden Reden, meine Arbeitsdisziplin betreffend, aus dem Bett geschmeichelt, nach der Dusche frottiert, in bereitgelegte Wäsche komplimentiert und abgefrühstückt war, krönte er mitunter den routinemäßigen Abschiedskuß mit dem Satz: »Du machst mich glücklich.« Ich kannte den Satz von meinem geschiedenen Mann. Ich brauchte mich nicht umzustellen. Ich hatte vierzehn Jahre in dieser Branche gearbeitet. Anpassung war mein Fachgebiet, das ich gelernt hatte von der Pike auf. Warum soll eine Facharbeiterin als Anlernling am Fließband arbeiten? Als ich Alfred drei Monate kostenlos bedient hatte, wollte er diesen ungewöhnlichen Zustand durch Heirat in gewöhnliche Form bringen. Ich willigte ein, entschwand mit seinen Ersparnissen (2376 Mark), wechselte Frisur und Haarfarbe und erteilte mir in Irenes Wohnung Stubenarrest. |
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