![]() Verbrecher Verlag |
|
| Startseite |
|
| Verlagsprogramm (mit Bestellfunktion) Belletristik Sachbuch/Politik Stadtbücher Kunst/Comic Schnäppchen Vorschau/Vorbestellen T-Shirts CD / DVD Warenkorb |
|
| vergriffene Titel |
|
| Verbrecherversammlungen |
|
| Lesungen |
|
| Textarchiv |
|
| AutorInnen |
|
| Newsletter |
|
| Tafelmuzak |
|
| Links |
|
| Kontakt |
|
| Das aktuelle Programm zum Download |
|
| Minibar | |
| Von Kolja Mensing | |
| |
|
| Brief In London passierte auch die Sache mit dem Brief. Ihre Mitbewohnerin hatte ihr einen Stapel Post nachgeschickt, und sie breitete sie auf dem Küchentisch aus: eine wissenschaftliche Zeitschrift, Rechnungen und Werbesendungen, ein paar Postkarten mit Urlaubsmotiven und ein sorgfältig beschrifteter weißer Umschlag. »Von meiner Mutter«, sagte sie. »Eigentlich telefoniert sie lieber, dann kann sie sich besser mit mir streiten.« Sie legte den Brief zur Seite, ohne ihn zu öffnen, und überflog zunächst die Postkarten. Sie las mir ein paar Sätze vor, einige der Absender kannte ich. »Anscheinend steckt jeder gerade in einer Krise.« Sie schüttelte den Kopf. »Meine Mutter hasst mich«, sagte sie. Ich sah ihr zu, wie sie den Brief öffnete. Es waren mehrere Seiten. Sie saß mir gegenüber, und ich konnte sehen, wie sich der Kugelschreiber durch das dünne Papier gedrückt hatte. Ich hatte sie oft lesen gesehen, in der Universitätsbibliothek, in einem Seminar, im Park. Sie hatte ungeduldig in den Büchern geblättert, so als ob sie bestimmte Passagen für reine Zeitverschwendung hielt, und auch jetzt überflog sie hastig die erste Seite, wendete das Blatt, obwohl die Rückseite nicht beschrieben war, und begann wieder von vorne. Schließlich war sie fertig. Sie strich die Seiten auf dem Küchentisch glatt. Sie holte tief Luft und begann mit dem Teil der Geschichte, den ich noch nicht kannte. Sie hatte viel von ihrem Vater erzählt, ihre Mutter dagegen erwähnte sie nie. »Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat«, sagte sie jetzt. »Vermutlich ging es schon eine ganze Zeit.« ? Ihre Mutter trank. Drei Jahre lang fand sie sie jeden Mittag, wenn sie aus der Schule kam, auf dem Sofa, mit einer leeren Flasche vor sich auf dem Glastisch. Sie half ihr auf, brachte sie ins Schlafzimmer und legte sie ins Bett. Dann machte sie sich etwas zu essen und räumte auf. Sie weckte ihre Mutter am späten Nachmittag, bevor ihr Vater nach Hause kam. »Er hat es natürlich gewusst «, sagte sie, »aber er hat es nie erwähnt. Als ich fünfzehn war, ist sie für einige Wochen auf Kur gefahren. Danach hat es aufgehört.« Sie deutete auf den Brief, der vor ihr lag. »Sie erträgt den Gedanken nicht, dass ich sie damals so gesehen habe.« Sorgfältig faltete sie die eng beschriebenen Seiten zusammen, schob sie zurück in den Umschlag und sah mich an. »Sie schreibt, dass ich mein Leben vergeude«, sagte sie. »Fünf Seiten darüber, dass ich mein Leben vergeude.« Ich nahm ihre Hand. Es war kein schlechter Start für den Tag. Wir wurden in London nicht müde, uns gegenseitig unser kurzes Leben zu erzählen. Wir wollten alles offen legen, was wir bisher vor uns und vor anderen versteckt hatten, die Lügen und Geheimnisse, die verdrängten Erinnerungen und Verletzungen. Es war nicht das erste Mal, dass wir es versuchten, und auch diesmal kamen wir an kein Ende. ? Nachts im Schlafzimmer fiel mein Blick auf den Brief. Sie hatte ihn auf ihre Reisetasche gelegt, zusammen mit den Postkarten. Ich lauschte auf ihre Geräusche im Bad, dann nahm ich den Umschlag und zog die dünnen Blätter heraus. Vorsichtig faltete ich sie auseinander und begann zu lesen. Ihre Mutter hatte eine gleichmäßige Handschrift, mit kleinen, säuberlich miteinander verbundenen Buchstaben. Sie schrieb über die bevorstehende Pensionierung des Vaters, über einen Nachbarn, der schwer erkrankt war, und über eine Cousine, die sich verlobt hatte. »Grüße von Papa, Deine Mutti«, so endete der Brief. Es war kein einziges unfreundliches Wort darin, keine Vorwürfe, keine Anschuldigungen, gar nichts. Vorsichtig faltete ich die Blätter wieder zusammen, und als sie aus dem Bad kam, in einem T-Shirt von mir, mit nassem Haar, zog ich sie an mich. Noch bevor wir einschliefen, nahmen wir unser endloses Gespräch wieder auf. Es gab so viel zu erzählen. Von ihrer Mutter und dem Brief hatten wir uns bald weit entfernt. |
|