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Fantômas. Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts
Von Thomas Brandlmeier
 
Auszug aus der Einleitung

Das Negative oder die Freiheit oder das Verbrechen.
(G.W.F. Hegel)

(...)
Das Phänomen Fantômas bedient die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Kern der Faszination ist die kindliche Allmachtsfantasie, die auch gesunde Erwachsene bei glücklich misslungener Sozialisation nie ganz loslässt. Alles neugierige Denken und kühne Handeln, das sich nicht vom Herkömmlichen herunterziehen lässt, zehrt davon. Fantômas - und später Irma Vep - ist aber auch Wunscherfüllungsgehilfe, gehört zu den guilty pleasures, die in Tabuzonen vordringen, verborgene Wünsche und erotische Träume ansprechen. Fantômas ist aber noch mehr, er gehört zur Mythologie des 20. Jahrhunderts. Er ist eine Figur, die so gut zur Panik des 20. Jahrhunderts passt, dass sie - wie man so schön sagt - erfunden werden musste. Fantômas ist der schwarze Mann, der alle Ängste der Bürger zusammenfasst, besitzt aber auch eine Faszination, die ganz diffus ist: von der schwarzen Fahne der Anarchisten bis zum schwarzen Hemd der Faschisten. Ein Teil der Faszination von Fantômas liegt in dem Vorschein einer radikal anderen Sichtweise auf die kapitalistische Wirklichkeit. Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Und was ist schon ein kleiner Anarchoverbrecher gegen staatlichen Massenmord? Alle die Konsumterroristen und Wirtschaftsfaschisten, die uns beständig eine positive und einverständige Lebensweise einreden wollen, sind keine Freunde unserer Freiheit. Denn Freiheit heißt ganz wesentlich auch Neinsagen, Anderssein und auf Selbstbestimmung pochen. Für viele Intellektuelle war Fantômas deshalb die Vorahnung einer Freiheit ohne Relativierung, ohne Sachzwänge, ohne Staat. Natürlich wissen wir alle, dass wir von einer solchen Utopie meilenweit entfernt sind und dass es eine absolute Freiheit sowieso nicht gibt; die Wirklichkeit belehrt uns schnell eines Besseren. Außer in der Freiheit der Gedanken, von der André Breton so schwärmt. Insofern ist Fantômas auch ein bisschen ?Sein wie Gott?, und deshalb berührt dieses Thema auch philosophische und theologische Dimensionen. Einer, der es ganz genau wissen wollte, hat es in die schöne Reihe gebracht: ?Das Negative oder die Freiheit oder das Verbrechen?. Hegel meint in dieser Kurzform natürlich die absolute Freiheit, die alle Grenzen negiert und deshalb verbrecherisch ist. Der umgekehrte Gedanke, dass bei größtmöglicher Freiheit das Verbrechen sein Recht verliert, bleibt ausgeklammert. Das Phänomen Fantômas hält diesem verkopften Endpunkt einer einseitigen Aufklärung radikal die Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung entgegen. Einer ganzheitlichen, die den Menschen nicht nur als Kopf sieht. Und jeder naiven Melodramatik von Gut und Böse hält das Phänomen Fantômas radikal den wirklichen Menschen als ganz normal triebhaft entgegen. So bewegt sich Fantômas in seiner Folgegeschichte irgendwo zwischen utopischen Gegenentwürfen und der nicht ungefährlichen Lust am Zündeln.
(...)

Inhalt:

Einleitung
Die Filmgeschichte neu schreiben: Louis Feuillades Cinéromane von 1913 bis 1919
Fantômas und die Folgen
Filmografie
Bibliografie
Namensregister