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Officer Pembry
Von Giwi Margwelaschwili
 
Auszug aus dem 1. Kapitel:
Ein lese-lebensgefährlicher Schmöker


Guten Tag, Officer Pembry!« sage ich freundlich zu einem kleinen kräftigen Mann, der gerade an mir vorübergeht. »Haben Sie doch, bitte, die Güte und setzen Sie sich für einen Augenblick zu mir!«
Der Mann bleibt verdutzt stehen, guckt unschlüssig, läßt sich dann aber schweigend neben mir auf die Bank nieder. Offenbar hat ihn der bestimmte Ton meiner Bitte stutzen lassen.
Vielleicht denkt er, daß ich ein Vorgesetzter bin, den er noch nicht kennt. Auf jeden Fall ist es gut, daß er meiner Einladung, sich zu mir zu setzen, gleich so willig gefolgt ist. Wir befinden uns im Brushy Mountain State Prison und da einem hinteren, als kleine Parkanlage zum Luftschnappen für die Beamten des Gefängnisses eingerichteten Teil der Außenzone. Niemand spaziert in unserer Nähe. Wir sind ganz ungestört.
»Mit wem habe ich die Ehre?« fragt der Mann, mich neugierig fixierend, und dann sagt er auch gleich: »Ich habe Sie noch nie gesehen. Sie sind wohl neu hier, wie?«
»Ja!« Ich nicke bestätigend. »Ganz neu. Man hat mich Ihnen zugewiesen. Ich muß auf Sie aufpassen. Wir werden also eine bestimmte Zeit miteinander zu tun haben. Solange, bis die Gefahr, welche für Sie besteht, gebannt ist.«
»Gefahr?« wundert sich Pembry. »Und Sie wollen auf mich aufpassen? Das ist ja sehr nett, Mister ??«
»Nennen Sie mich Meinleser!«
»Meinleser? Komischer Name! Also Mister Meinleser, ich finde es zwar sehr nett, daß Sie so besorgt sind um mich, aber ich verstehe trotzdem noch immer nicht ?«
»Lassen Sie bitte den ?Mister? weg, wenn Sie mit mir reden, Pembry!« unterbreche ich ihn freundlich, indem ich eine Hand auf seine Schulter lege. »Sagen Sie einfach ?Meinleser?. Das ist einfacher, bequemer und für die Aufgabe, die wir beide zu lösen haben, auch am angebrachtesten. Wenn es ums Leben geht, sind Höflichkeitsfloskeln vollständig überflüssig. Finden Sie nicht auch?«
»Ums Leben?« wundert er sich wieder (nun doch etwas betroffen). »Um wessen Leben?«
»Na, um Ihr Leben, lieber Pembry«, sage ich leise. »Es ist in Gefahr, wenn Sie nicht verdammt aufpassen und alles tun werden, was ich Ihnen zu tun rate.«
»Woher wissen Sie, daß ich in Gefahr schwebe?« erkundigt er sich erschrocken. »Sind Sie von der Kripo?«
»Ja und nein«, erkläre ich ihm lächelnd. »Ja, weil das, womit ich beschäftigt bin ? übrigens nicht nur ich ? es gibt ein ganzes Institut, das mit ähnlichen Aufgaben befaßt ist ?, ja also, weil das, was ich mache, sicherlich auch zur Kriminalistik gehört, aber zur prospektiven Kriminalistik, um es ganz genau zu sagen. Und nein, weil unsere Methoden ganz andere sind als die, welche die gewöhnliche Kriminalpolizei in ihrer Arbeit benutzt. Bei ihr zum Beispiel ist die Spurensuche das hauptsächliche Moment. Was sie vor allem interessiert, ist die Frage, ob der Täter Spuren hinterlassen hat, die sich lesen und bis zu ihm hin verfolgen lassen. Wir dagegen sind die prospektiven Kriminalisten. Wer der Spitzbube ist und was er tun wird, ist uns immer schon bekannt. Es geht bei uns deshalb immer nur darum, zu verhindern, daß die Verbrechen stattfinden, der Mörder zum Mörder wird, der Betrüger zum Betrüger, der Dieb zum Dieb usw. Weil wir immer schon im vorhinein unterrichtet sind, was an Bedauerlichem wann und wo geschehen soll, sind wir in der Lage, verhütend einzugreifen, das Schicksal der Leute anders und sicherlich auch viel besser zu gestalten.«
»Ja, aber wie können Sie schon vorher über Verbrechen, die noch nicht begangen wurden, informiert sein?« wundert sich Pembry. »Diese, die ? wie sagen Sie? ? prospektive Kriminalistik hätte doch nur Sinn, wenn die Spitzbuben der Polizei selber verraten würden, was sie vorhaben. Ist das nicht absurd, nicht das Unwahrscheinlichste, das man sich vorstellen kann?«
»Ja«, stimme ich ihm milde lächelnd zu. »Es klingt nicht glaubhaft, weil die gewöhnliche Erfahrung, die wir mit Verbrechern machen, dagegen spricht. Das ist die Erfahrung und die Methode der retrospektiven Kriminalistik, die herausbekommen muß, wo, wann und wie sich etwas zugetragen hat. Auf diese Fragen können wir präzise Antworten geben. Über jeden Fall, den wir zu bearbeiten haben, sind wir also immer schon ausreichend informiert.«
»Aber woher? Ich bitte Sie! Woher können Sie sich über ein Verbrechen so genau im voraus informieren? Haben Sie Hellseher bei sich eingestellt?«
»Nein. Wir arbeiten nicht mit Hellsehern. Die Quellen, aus denen wir unsere Informationen schöpfen, sind Bücher.«
?
»Na ja doch!« insistiere ich (schon etwas ungeduldig, denn ich hatte mit diesem Pembry schneller zur Sache kommen wollen). »Es sind literarische Bücher. Sicher nicht das, was man große Literatur nennt. Nur Kriminalromane, also Texte aus der vielleicht am wenigsten dichterischen und gewöhnlich auch entsprechend gering bewerteten Unterhaltungsliteratur. «
?
»Also hören Sie!« sage ich beinah schon grob, denn Pembry gegenüber langschweifige Erklärungen abzugeben, ist durchaus nicht meine Absicht. »Man hat festgestellt, daß Kriminalromane auch Unterlagen für reale Morde, Betrügereien und Diebstähle abgeben können, daß die Fiktion in solchen Texten irgendwann einmal auch Wirklichkeit werden kann.«
»Sie wollen sagen, daß Krimis einen Wirklichkeitswert haben? Daß sich alles wirklich mal so zuträgt, wie es da geschrieben steht?« Pembry ist, indem er das sagt, etwas von mir abgerückt und betrachtet mich schräg und prüfend aus seinen Augenwinkeln. Offenbar hält er mich für nicht ganz richtig im Oberstübchen. Was für ein Pech! Gewöhnlich genügen bei den Leuten, die ich mir vornehme, immer schon ein paar kurze einleitende Worte zur prospektiven Kriminalistik, um sie aufmerksam werden zu lassen, so daß sie für meine Forderungen das notwendige Verständnis bekunden und sofort in die Sache einsteigen. Dieser hier ist, wie es scheint, aus anderem Holz geschnitzt. Er hat umfassende Erklärungen nötig, ehe ich ihn bewegen kann, etwas zu seiner eigenen Sicherheit zu tun. »Ja, genau das will ich sagen.« Ich greife in meine Aktentasche und hole das Buch heraus, um das es hier, bei diesem Pembry, geht. »Das, mein Herr, ist der Krimi, in dem Sie stehen, der Roman, der beschreibt, wie Sie sterben werden, wenn Sie nicht heute schon etwas dagegen tun.«
Pembry starrt ungläubig lächelnd auf das Buch und liest laut: »Thomas Harris. Das Schweigen der Lämmer.«
»Thomas Harris ist der Autor und ?Das Schweigen der Lämmer? ist der Titel dieses Buches«, sage ich. »Es wurde vor gut einem Jahrhundert geschrieben. So viel reale Zeit war also nötig, Mister Pembry, damit das, was da erzählt wird, seinen realen Tatsachenwert bekam, damit die Buchpersonen in diesem Text als Realpersonen geboren wurden und in die thematischen Lebensverhältnisse zueinander traten, die ? zusammengenommen ? den Inhalt der blutigen Story von Harris ausmachen. Nun ist es so weit: Die reale Entwicklungslinie des Romans hat Ihr konkretes Leben schon berührt. Wenn wir jetzt nicht schleunigst gegen sie aktiv werden, sind Sie in weniger als zwei Monaten ein toter Mann.«
(...)