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| Mein Freund Klaus | |
| Von Peter O. Chotjewitz | |
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| Leseprobe aus: "Mein Freund Klaus" Zwei alte Tanten gehen essen Linde nickt telefonisch. Linde weiß, wovon ich rede. Linde hatte eine alte Tante namens Helene, die einen Elektroladen besaß. Manchmal besuchte meine Freundin Linde ihre Tante Helene. Dann stand die Tante vor ihrem Laden und schaute den Leuten zu, die auf der Marktstraße spazieren gingen. Oder einkaufen. Auf der anderen Straßenseite stand Tante Helenes Freundin Luise vor der Drogerie, die sie von ihrem Mann geerbt hatte. Wenn meine Freundin Linde sich an die beiden Frauen erinnert, stehen sie vor ihren Läden und reden miteinander. Frau Croissant ist ziemlich klein, ziemlich rundlich und hat eine wunderbare Lache. Um die Mittagszeit gehen die zwei eher alten als jungen Geschäftsfrauen gemeinsam Mittagessen. Meisten ins Gasthaus zum Bären. ?Frau Croissant?, sagt Linde, ?hat mir gut gefallen. In erster Linie wegen der Lache.? ?Hatte Klaus auch so eine Lache?? frage ich. Linde erinnert sich nicht. ?Das müsstest Du doch wissen?, sagt sie, aber auch ich erinnere mich nicht. ?Er lächelte oft und seine Heiterkeit war ansteckend?, sage ich. ?Vielleicht war das Lächeln jener Teil seines Lachen, den er zeigen wollte?, sagt Linde. Wir plaudern also ein Weilchen hin und her, bis ich das Gefühl habe, dass wir jetzt genug darüber geredet haben, dass Klaus sehr nett und charmant war und überhaupt nicht aufdringlich, dass Linde damals in Franken wohnte und ich sie ganz unverblümt frage: ?Also wie war das jetzt mit Klaus und Dir. Raus mit der Sprache.? Es war so. Eines Tages hatten die zwei Geschäftsfrauen den Plan, Klaus und Linde zu verkuppeln. Man warf sich also in Schale, stieg ins Auto und fuhr los. In dem üblichen Ausflugslokal angekommen, gingen die zwei Alten ein wenig auf und ab, während die zwei Jungen auf Vorschlag der zwei Alten einen Spaziergang absolvierten. ?Nun und, wie war?s?? drängele ich. ?Es war schrecklich?, gesteht Linde. ?Der reife, ältere Student aus der Großstadt Heidelberg, und das dumme junge Gänschen aus dem Frankenland. Ich war hoffnungslos overdressed.? ?Und Klaus? Wie war der?? ?Der hat bestimmt einen Anzug angehabt.? ?Einen Anzug?? ?Ja. Nehme ich an.? ?Habt Ihr?s getrieben?? ?Wo denkst Du hin? ?Hat er wenigstens gebaggert?? ?Was für ein Ausdruck. Dafür war er viel zu gebildet. Viel zu elegant.? ?Ihr habt nichts gemacht?? ?O, doch, natürlich.? ?Was?? Nach ihrer Erinnerung hätten sie Konversation gemacht. Die Verschmutzung Wie war Klaus? Ich weiß es nicht, antworte ich. Du weißt es nicht? fragen die Leute erstaunt. Du hast drei Jahre lang recherchiert. Hundert Leute befragt. Seine Reden und Aufsätze gelesen. Die Haftbefehle, Anklageschriften und Urteile. Hundert Zeitungsartikel und Aufsätze über ihn. Du hast ihn gekannt. Ihr hattet die gleichen Ideale. Vielleicht wart Ihr Freunde. Wie ein Schatten bist Du ihm gefolgt, als er tot war. Alle seine Orte hast du besucht. Kirchheim, Edenkoben, Heidelberg, Stuttgart, Paris, Wien, Frankfurt am Main, Brüssel, Westberlin und Groß-Berlin. Seine Wohnungen besichtigt. Die Gefängnisse. Die Kneipen. Und Du weißt es nicht? Sag mal, willst Du mich verarschen? Ach, sage ich, weißt Du. Die zwei, drei Dinge, die ich über ihn weiß, wie Godard gesagt hätte. Was ist das schon? Das Bild, das ich von ihm habe, erinnert an die alten Schinken, die in den Museen, Kirchen und Palästen hängen. Der Firnis, der sie konservieren sollte, hat sie fast unkenntlich gemacht. Das Licht, das Wetter, das Innenklima, der Atem der Betrachter haben sie vergiftet und dieser Vorgang hat ihnen die Farben genommen, die Konturen, die Tiefen, die Kontraste. Was auf ihnen zu sehen war, ist verschwommen wie eine Figur in einer Landschaft im Abendnebel. Natürlich, man kann die Bilder reinigen, restaurieren. Doch das gereinigte Bild bietet bestenfalls eine Vorstellung davon, wie das Original einmal ausgesehen haben könnte. Etwas ähnliches geschieht mit den Figuren der Zeitgeschichte. Auch ihr Bild wird verschmutzt und je mehr über sie geschrieben wird, desto schmutziger wird es, und je mehr ich mich bemühe, diesen Schmutzfilm zu entfernen, desto größer wird das Risiko, die Person zu idealisieren und dadurch abermals zu verschmutzen. Bekanntlich betrifft dieser Vorgang alle und alles. Er ist also nicht auf meinen Freund Klaus beschränkt. Er beruht auf einem Wahrnehmungsproblem. Keine Biografie ist frei von den Interpretationen ihres Autors und kein Autor vermag eine Person oder ein Ereignis objektiv darzustellen. Jeder Autor wird seine persönliche Einstellung in die Darstellung einfließen lassen. Was Klaus angeht, so ergibt sich daraus folgendes Problem: Es kann keine unvoreingenommenen Zeugnisse über ihn geben. Auch was er über sich selber gesagt und geschrieben hat, ist nicht frei von der Situation, in der es formuliert wurde. Das versteht sich von selbst. Ich kann von einem Angeklagten in einem Strafprozess und von einem Anwalt in einem politischen Verfahren nicht erwarten, dass er sich zweckfrei äußert. Mit allem, was wir sagen und tun, nehmen wir Rücksicht auf die Situation, in der wir uns befinden. Es war ein Irrtum, als ich mit den Recherchen anfing, zu meinen, ich könnte herausfinden, wer Klaus war, und es wäre unlauter, wenn ich jetzt behaupten würde, ich hätte es herausgefunden. Klaus ist dank der politischen Auseinandersetzungen, in die er verstrickt wurde, zu einer Doppelfigur geworden. Durch das Bild, das andere sich von ihm gemacht haben, schimmert, wenn man so wohlwollend ist wie ich, noch immer ein starker Rest der Figur, die er tatsächlich gewesen sein könnte. Die andere Figur ist jene Form der Erscheinung, die uns in den Quellen entgegentritt ? Quellen, die von Anfang an nur den Zweck hatten, sein Bild zu verzerren, zu verschmutzen, mit dem Ziel ihn zu diffamieren. Ich kann nur versuchen, jene Ideologeme, Voreingenommenheiten, Opportunismen, Willfährigkeiten, Gefälligkeiten, Speichelleckereien, bewussten Lügen und Verzerrungen, die als solche erkennbar sind, herauszufiltern, und im Kaffeesatz, den ich dadurch erhalte, nach den Spuren der Wirklichkeit zu suchen. Diese zu ergänzen durch Quellen, denen eine weniger schmutzende Tendenz innezuwohnen scheint. Alle diese Spuren zusammenzufügen wie ein Mosaik, und aus dem dann immer noch lückenhaften Gebilde Schlüsse zu ziehen, wie Klaus wirklich gewesen sein könnte, bevor sein Porträt so verschmutzt wurde. |
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