![]() Verbrecher Verlag |
|
| Startseite |
|
| Verlagsprogramm (mit Bestellfunktion) Belletristik Sachbuch/Politik Stadtbücher Kunst/Comic Schnäppchen Vorschau/Vorbestellen T-Shirts CD / DVD Warenkorb |
|
| vergriffene Titel |
|
| Verbrecherversammlungen |
|
| Lesungen |
|
| Textarchiv |
|
| AutorInnen |
|
| Newsletter |
|
| Tafelmuzak |
|
| Links |
|
| Kontakt |
|
| Das aktuelle Programm zum Download |
|
| Otto der Großaktionär | |
| Von Gisela Elsner | |
| |
|
| Mit einer rauhbeinigen Herzlichkeit pflegte der Wirt der Gaststätte ZUM TRÖPFCHEN seinen Stammgast Otto Rölz zu begrüßen, den jedermann in diesem Stadtviertel Otto den Großaktionär nannte. Denn Otto der Großaktionär hatte sich bereits allzu oft damit gebrüstet, daß er, obwohl er lediglich zu den Arbeitern einer Ungeziefervertilgungsmittelfabrik des Chemie-Konzerns FATA zählte, von diesem Mammutkonzern, der eine Firma nach der anderen schluckte, fünf Aktien besaß. Auf Bescheidenheit abgerichtet, wie er es als Sohn eines Werkzeugmachers von Kindesbeinen an geworden war, konnte er es nämlich noch immer nicht fassen, daß er, wenn auch bloß mit einem alles andere als erwähnenswerten Sümmchen an den Gewinnen des FATA-Konzerns in Form von Dividenden beteiligt wurde. Da werd ich genauso behandelt, als wenn ich ein Vorstandsmitglied wär, pflegte er im TRÖPFCHEN zu behaupten. Trotz seiner Prahlereien, trotz des ätzenden Ungeziefervertilgungsmittelgestanks, den er ausströmte, und trotz des bonbonrosa Ausschlags, der sich bedingt durch seinen täglichen Umgang mit Ungeziefervertilgungsmitteln tief in sein kantiges Gesicht eingefressen hatte, war Otto der Großaktionär bei seinen Kollegen, bei seinen Nachbarn und vor allem bei den Gästen des TRÖPFCHEN so beliebt, daß niemand an seinem Ausschlag und an seinem Gestank Anstoß nahm. Es gab in diesem Stadtviertel keinen, der ihm Unreinlichkeit unterstellt hätte. Vielmehr war es allgemein bekannt, daß er sich nach der Arbeit fast die Haut von den Knochen zu schrubben pflegte. Na, Otto, wie stehen die Aktien, rief man ihm zu, wenn er nach dem Abendessen in seinem azurblauen Seidenanzug mit seiner azurblauen Krawatte, die eine im Meer versinkende Sonne zierte, im TRÖPFCHEN erschien. In dem Stadtviertel, in dem er wohnte, arbeitete, seine Bierchen trank, mit seinen Aktien und Dividenden renommierte, seine Lottoscheine ablieferte und sich am Steuer seines schwarzen Mercedes sehen ließ, galt Otto der Großaktionär als ein Unikum, dessen Anwesenheit unter Garantie die Stimmung hob. Er kannte stets die neuesten Witze. Er wußte fast immer als einer der ersten, wer im Viertel mit wem angebandelt hatte. Und obendrein verstand er es, sich, kaum daß er im Fernsehen die Abendnachrichten gehört hatte, über die Ereignisse, die jeweils die Gemüter erhitzten, auf dem kurzen Weg von seiner Wohnung zum TRÖPFCHEN eine Meinung zu bilden, die er für seine eigene Meinung hielt. Die eigne Meinung kann einem keiner nehmen, pflegte er im TRÖPFCHEN zu sagen, wo man ihm voller Großspurigkeit rechtgab. Nur bei jenen Mitbürgern, die nicht ahnten, daß es sich bei seinem Gestank und bei seinem Ausschlag um die Auswirkungen seiner mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt währenden Tätigkeit in der besagten Ungeziefervertilgungsmittelfabrik handelte, wo er, ein gelernter Dachdecker, wegen der seit langem landesweit anhaltenden Krise auf dem Baumarkt notgedrungen den Posten eines sogenannten Tierbetreuers ausüben mußte, rief Otto der Großaktionär einen Ekel hervor, der ihn jedoch keineswegs dazu veranlassen konnte, das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen. Stinkend setzte er sich zwischen die demonstrativ von ihm abrückenden Patienten ins Wartezimmer seines Hautarzts, der längst vor seinem Ausschlag kapituliert hatte. Stinkend schlenderte er während des Sommer- oder Winterschlußverkaufs durch die Warenhäuser in der Fußgängerzone im Zentrum der Stadt. Stinkend betrat er das Fußballstadion, wo weniger sein Gestank als vielmehr die Würde, die er mit diesem Gestank zu vereinbaren wußte, eine unverhohlene Entrüstung hervorrief. Dennoch dachte Otto der Großaktionär nicht daran, den erbosten Mitbürgern, die ihn zischelnd eine Pottsau hießen, die Gefälligkeit zu erweisen, sich wenigstens wegen seines Gestanks zu schämen, ohne den er es nicht nur zu fünf FATA-Aktien, alljährlichen Dividenden und zu einem in einem nahezu schrottreifen Zustand erworbenen und von ihm in langwieriger Kleinarbeit reparierten schwarzen Mercedes gebracht hätte, der sich jetzt nur noch bei genauerem Hinschauen vom gepanzerten Mercedes des Direktors der Ungeziefervertilgungsmittelfabrik unterschied. Wenn Otto der Großaktionär seine senffarbene Sofagarnitur, seinen taubengrauen Veloursteppichboden, seine mit Eichenholz beschichtete Schrankwand, sein neoantik gerahmtes Farbfernsehgerät, seine auf Kugellagern rollende, chromgefaßte Hausbar, seine imitierte Perserbrücke, sein in einem Warenhaus entstandenes Ölgemälde, auf dem ein Schiff auf stürmischer See dargestellt war, und sein indirekt beleuchtetes Zimmerspringbrünnlein in Augenschein nahm, zweifelte er nie daran, daß er trotz seines Gestanks und trotz seines bonbonrosa Ausschlags, der ohnehin von weitem nur wie ein harmloser Sonnenbrand wirkte, auf seine Kosten gekommen war. (...) |
|