![]() Verbrecher Verlag |
|
| Startseite |
|
| Verlagsprogramm (mit Bestellfunktion) Belletristik Sachbuch/Politik Stadtbücher Kunst/Comic Schnäppchen Vorschau/Vorbestellen T-Shirts CD / DVD Warenkorb |
|
| vergriffene Titel |
|
| Verbrecherversammlungen |
|
| Lesungen |
|
| Textarchiv |
|
| AutorInnen |
|
| Newsletter |
|
| Tafelmuzak |
|
| Links |
|
| Kontakt |
|
| Das aktuelle Programm zum Download |
|
| Der Kitharaspieler | |
| Von Chaim Noll | |
| |
|
| „Der Frevel geht nicht aus dem Staub hervor, und das Unheil entspringt nicht der Erde, doch der Mensch ist geboren, Unheil zu stiften, wie Funkenflug hoch empor…“ Meine Mutter, obwohl sie als Kammerfrau der Kaiserin Agrippina im Zentrum der Intrigen lebte, versuchte Zeit ihres Lebens, sich allem Verfänglichen zu entziehen. Sie hätte viele auf diese Weise zu Fall kommen sehen, vertraute sie mir an, bei einer der seltenen Gelegenheiten, da wir über derlei sprachen. An einem Hof könne nur überleben, wer innerlich unbeteiligt sei. Keine Leidenschaften, sagte sie in beschwörendem Ton, keine Begierde, keine Eifersucht, kein Neid. Sie sei noch am Leben und ich mit ihr, weil sie über die Fähigkeit verfüge, anderen Artigkeiten zu sagen, Komplimente zu machen, in den Gesichtern von Höhergestellten zu lesen, was zu ihnen zu sagen und – wichtiger noch – zu verschweigen tunlich war, kurz über das, was man gesellschaftlichen Schliff nennt, rerum humanorum peritus. Doch war es in ihrem Fall weniger Folie und Falschheit, eher Einsicht in das Unvermeidliche. Wenn sie schon alle Tage mit fremden, nicht selten gefährlichen Leuten zusammensein musste, sollten diese wenigstens guter Laune sein. Um Menschen zu gewinnen, bedürfe es kaum mehr, sagte sie, man müsse verstehen, sie für ein paar Augenblicke in höhere Sphären zu entrücken, aus den Niederungen, in denen die meisten ihr kurzes irdisches Dasein zubringen, sei es, weil sie wirklich in trübsinnigen Umständen leben, sei es, weil sie nie gelernt haben, durch Beschäftigung mit dem Spirituellen zu innerer Heiterkeit zu gelangen. Ich fand diesen Gedanken einleuchtend und sollte bald selbst von ihm Gebrauch machen, anlässlich einer Begegnung mit dem jungen Kaiser. Man hatte mich, eben volljährig, in Eile zum Ritter erhoben, auf Wunsch der Kaiserin-Mutter, die sich von mir mässigenden Einfluss auf ihren Sohn erhoffte, Ablenkung von den Tänzerinnen und Trinkkumpanen, mit denen er seine Nächte verbrachte. Am Morgen nach der Erhöhung erschien ich nach üblicher Sitte in der kaiserlichen Morgenaudienz, um dem Kaiser Roms und der Welt meinen Dank abzustatten. Der göttliche Herrscher war schwieriger Laune wie meist um diese Tageszeit. Trübe Gedanken standen ihm auf der Stirn geschrieben, seine etwas vorstehenden Augen, glanzlos und gerötet zwischen geschwollenen Lidern, betrachteten mich mit Verdruss. Wir waren nicht allein, zwei Kammerherren des Hofamtes a cubiculo hielten sich im Hintergrund, helle Schatten in den von Morgendämmer erfüllten Winkeln des Gemachs, scheinbar unbeteiligt, aber lauschend und acht gebend, bereit, auf das geringste Zeichen kaiserlichen Unmuts die Audienz zu beenden. Nero schien sich nicht schlüssig zu sein, ob es lohnte, mich als Person zur Kenntnis zu nehmen. Mit rauher Stimme äusserte er ein paar Worte des Inhalts, dass meine Mutter – ihr Andenken zum Segen – eine fremdländische Freigelassene und als Sklavin ins kaiserliche Haus gekommen sei, weshalb meine Erhöhung in den zweiten Stand einen unerhörten Vorgang darstelle. Er kannte meine Mutter – falls überhaupt – von flüchtiger Wahrnehmung im Gefolge der Kaiserin Agrippina, wollte auch weiter nichts von ihr wissen noch gross mit mir reden, da er von der Kaiserin-Mutter empfohlene Personen grundsätzlich als Belästigung empfand. Offenbar waren ihm Gerüchte zu Ohren gekommen, wonach es für unklar galt, wer mein Vater sei. „Du siehst deiner Mutter nicht ähnlich“, behauptete er und betrachtete mich durch den geschliffenen Beryll, der ihm als Sehhilfe diente. „Helles Haar, helle Augen... Eher selten bei einem Judäer...“ Ich setzte ihm auseinander – in vorsichtigen Worten, da es immerhin eine Art Widerspruch bedeutete –, dass nicht wenige Juden helles Haar hätten, auch helle Augen, und dass David, unser grosser König, bekanntermassen rotblond und blauäugig gewesen sei. Er hörte ungnädig zu, die verschwollenen Lider halbgeschlossen, doch der Name David liess ihn aufmerken und erweckte sein Interesse, vielleicht, weil ihm der Schauspieler Halityrus von diesem König erzählt hatte, der wie er Harfenspieler und Poet gewesen war, ein Vorgänger in der seltenen Rolle eines Künstlers auf dem Herrscherthron. Er verlor kein weiteres Wort über meine Herkunft, sondern stellte mir Fragen nach den Gesängen des verewigten Königs, wodurch die Zeit der Audienz rasch verging. Und offenbar behielt er in Erinnerung, dass ihn meine Anwesenheit erheitert und auf höhere Weise unterhalten hatte, denn schon wenige Tage später sandte er erneut nach mir, um sich von König David erzählen zu lassen, von seinem Saitenspiel, seinen Frauen und unsterblichen Poemen. Der junge Kaiser liebte Gesang und Theaterspiel mit einer leidenschaftlichen Hingabe wie andere ihre Heimat, ihre Familie, ihren häuslichen Herd. Diese Liebe war unüberwindlich, zuweilen wie ein Fieber. Geschehnisse wurden für ihn erst wirklich, wenn sie spektakulär und öffentlich waren, in ihrer Form überhöht wie auf dem Theater. Was nicht vor einem Publikum geschah, hielt er für ungeschehen, an unsichtbare Zeugen – etwa an Götter – glaubte er nicht. Nach dem frühen Tod seines Vaters und der Verbannung seiner Mutter wurde er im Haus seiner Tante Domitia aufgezogen, der Witwe des Cornelius Sulla, einer ängstlichen, absonderlichen Frau. Der Knabe Nero war bettelarm, da ihn sein Onkel, der damalige Kaiser Caligula, aller Existenzmittel beraubt hatte, er verbrachte seine Kindheit in der Gesellschaft von Ballettänzern, Haarkünstlern und anderen von seiner Tante launisch zusammengekauften Sklaven. An ihnen hing er, von ihnen lernte er, wie man sich in einer feindlichen Welt behauptet. Einige von ihnen gewann er so lieb, dass er sie später nicht nur freiliess, sondern, wie den Kitharaspieler Menekrates, den Pantomimen Paris oder den Schauspieler Halityrus, zu mächtigen Männern an seinem Hofe machte. Nero träumte nicht wie Alexander davon, Königreiche zu erobern, sondern dass in den Gassen Roms seine Lieder nachgepfiffen würden wie die des Kitharöden Menekrates. Früh liess er sich von den Sklaven seiner Tante im Singen und im Spiel verschiedener Instrumente unterrichten. Sein Lehrer Seneca senkte ihm die Sucht nach Ruhm in die Seele, seinerseits ein eitler, gefallsüchtiger Mann, obwohl er in seinen Schriften Abgeklärtheit und Askese empfahl. Der junge Herrscher, mit seinem angeborenen Gespür für Theaterspiel, sah in Senecas Philosophentum vor allem den Schauwert, ohne ein Wort davon zu glauben. Es gab auch sonst kaum jemanden am Hof, der Seneca glaubte. Wäre er wirklich stoischer Philosoph gewesen, hätte er dann die geistige Anteilnahme erübrigt, ein Vermögen von dreihundert Millionen zusammenzuraffen? Hätte er Geld auf Wucherzinsen verliehen? Hätte er der Freund des Gardepräfekten Afranius Burrus werden können und der Vertraute der Kaiserin-Mutter Agrippina? Wieder sehe ich, in eben trocknender Tinte, den Namen Agrippina vor mir, den Namen der Urenkelin des grossen Augustus, Schwester des Caligula, Gattin des Claudius, schliesslich, als sei all dies nicht genug, der Mutter Neros. Ich ahne, dass ich dieser aussergewöhnlichen Frau einige Zeilen widmen muss, trotz berechtigter Besorgnis, damit guten Vorsätzen untreu zu werden und diese Blätter schon zu Beginn mit Geschichten von Bluttat und Verbrechen zu füllen. Sie war damals, als sie den Kaisererben Britannicus vergiften liess und ihrem siebzehnjährigen Sohn Nero zum Thron verhalf, eine Frau um die Vierzig, beunruhigt von unaussprechlichen Erinnerungen und düsteren Vorahnungen. Sie verbarg ihr verletzliches, gehetztes Wesen hinter einer Wehr aus Schminke, Schmuck und hart knisternden, metallisch glänzenden Stoffen. Ihre Rede war hochfahrend und spottgeladen. Niemals hätte sie eine Schwäche eingestanden. Seneca wusste auch dies für sich nutzen, indem er sich den Anschein gab, er glaube tief und innig an ihre statuenhafte Festigkeit. Woher aber sollte diese stammen? (...) |
|