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Bad Walden
Von Rudolf Lorenzen
 
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Claus Jordan stieg in die erste Etage des Heimatmuseums, die alte Aufsicht ging voran. „Sicher haben Sie schon von unserer berühmten Sammlung gehört? Für unseren alten Bürgermeister bedeutete sie sein Leben: ‚Die Maus im hiesigen Volksglauben.’“
Sie betraten den Raum. Ringsum Stiche mythologischer Szenen, in denen Mäuse mit vermenschlichtem Habitus am Leben der Menschen teilnahmen, hin und wieder auch in das Leben der Menschen eingriffen, in denen Mäuse die Leiden der Menschen auf sich nahmen und auch für sie zu sterben bereit waren.
„Schon bei Plinius“, erklärte die Aufsicht. „war die Maus die treueste Genossin des Menschen, und für Hippokämos war sie die Tochter des Göttervaters. Wir späten Christen ehrten unseren nagenden Freund geringer, schmähten ihn gern ob seiner Naschhaftigkeit.“
Sie blieben vor einem kleinformatigen Ölgemälde stehen. Auf diesem verbarrikadierten drei Maurer eine Türöffnung mit Feldsteinen. Fast am oberen Rahmen angelangt, lugte gerade noch mit spitzer Schnauze eine Maus durch einen letzten Spalt in die Helligkeit.
„Es stellt den Humanisten Pankratius dar, der auf Geheiß des Papstes hier in Bad Walden gefangengenommen und eingemauert wurde. Er selbst war dem Maler nicht so wichtig, eher die Mäuse, die ihn befreiten…“
„Ich kenne die Legende“, unterbrach Claus den Vortrag, „in der Weinstube Käfig hat man mir sogar die Örtlichkeit gezeigt.“
„Aber die Geschichte geht weiter: Nach der geglückten Flucht gründete Pankratius mit all seinen Helfern in einem abgeschiedenen Gehölz bei Egernköstle ein Mäusereich, zunächst als Republik, bis eine Handvoll militanter Nager putschten und die Monarchie ausriefen. Den Humanisten krönten sie zum König Pankratius den Ersten.“
„Doch das gehört wohl mehr in den Bereich der Sage“, schloß die Aufsicht, „seit damals jedenfalls führte Bad Walden die Maus im Gemeindewappen.“
Unten an der Tür klopfte es.
„Ich gehe mal hinunter“, sagte die Aufsicht. „Sehen Sie sich alles in Ruhe an.“
Claus ging an den Terrarien entlang, in denen kleine Plüschmäuse in ihrer natürlichen Umgebung dargestellt waren. Diese natürlichen Umgebungen waren Spielzeug-Puppenstuben mit bürgerlichem Mobiliar.
Da hauste die Hausmaus, mus musculus, in einer Miniaturküche von 1854, die Ackermaus, mus agrarius, in einem Kaufmannsladen von 1910, die Zwergmaus, mus minutus, in einer Puppenschule von 1885.
Auf einer Tafel stand in Sütterlin-Schönschrift: „In Bad Walden lebte seit Jahrhunderten die Maus mit dem Menschen im Miteinander. Hier störte sie nicht das Alltagsleben, nicht die Küchenarbeit, nicht den Studiosus über seinen Büchern, an dessen Arbeit sie zuweilen nagend Anteil nahm. Die Maus aß mit am Tisch der Familie, sie ging mit Eheleut’ und Kind zu Bette, und feierte das junge Volk seine Feste, drehte sie sich mit ihm auf dem Tanzboden im Kreise.“
Claus kam zum nächsten Terrarium und blieb fassungslos stehen.
In einem Puppensalon, getreu dem Biedermeier-Stil nachempfunden, mit Diwan, Konsolen, Spiegeln und handgenähten Vorhangdraperien, hockte an einem Miniaturtischchen eine Maus als Stickerin über ihrer Arbeit. Sie wandte der Tür den Rücken zu und hatte nicht bemerken können, daß sich in ihren Salon eine lebendige Maus eingeschlichen hatte.
Diese Maus war keine friedfertige Besucherin ihrer plüschigen Schwester. Sie begann, nachdem das Mobiliar bereits zerschlissen herumlag, die ahnungslose Stickerin anzunagen. Roh schlug sie ihre Nagezähne in das Fell, nach allen Seiten flogen Werg, Torfmull und Gips, und wo einst Pfoten, Beine und Schwanz waren, ragten nackte Drahtstücke heraus.
Auch das Schild war angefressen, nur Sylvaticus war noch zu lesen, und es war anzunehmen, daß eine Waldmaus, ihrer ländlichen Umgebung entflohen, sich ein städtisch bürgerliches Zuhause geschaffen hatte und hier nun ihren Tod fand.
Claus war nicht irritiert von dieser grotesken kleinen Szene, als Sammler von Goya-Radierungen hatten ihn alle Arten von Desastres weitgehend abgestumpft. Aber es erschütterte ihn zu sehen, wie eine Maus ihre Geschichte fraß. Um etwas Dermoplastik willen, das kaum für einen Tag den Hunger stillt, zerstört ein Wesen, das ohnehin sterben muß, ob es frisst oder nicht, die museal konservierte Entwicklung seiner Gattung. Bei einem Menschen könnte man versuchen zu verstehen, aber bei einem Tier?
Er zwang sich, diesen Faden nicht weiter zu spinnen. Wer weiß, dachte er, wohin mich solche Gedankengänge führen…
(...)