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| 52 Wochenenden | |
| Von Jens Friebe | |
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ZWEI Staub hatte sich auf dem Pazifik angesammelt. Ich nahm ein Swiffer aus der Box und wischte den Globus ab, auch die Sowjetunion und die Tschechoslowakei, irgendwie rührend, als würde es was nützen. Was für ein seltsamer Traum das vorhin gewesen war: Ein Menschenexperiment. Eine kleine Modellgesellschaft, deren Mitglieder weiße Overalls trugen und dazu angehalten waren, stets in einem völlig neutralen Ton miteinander zu reden. Zur Übermittlung von Emotionen bekam jeder eine kleine Trommel mit Farbnäpfen und eine Kelle. Es gab eine wütende Farbe, eine geschmeichelte Farbe, eine gelangweilte Farbe usw. Die jeweils passende teilte man per Kelle dem Overall des Gesprächspartners mit. So trug jeder das Muster seiner sozialen Resonanz spazieren. Noch im Schlafsuff schien mir die Idee grandios. Doch jetzt – während ich auch noch den Laserdrucker vom Staub befreite und das Hochfahrgeräusch des Computers Brillanz spendete – war sie nur noch eine fern und schwach zirpende Grille. Fort damit, her mit handfesten Infos. Was gab es Neues im Posteingang an Fakten, Zahlen, Angeboten und Nachfragen? Ah, mein Booker hat die Tour für Februar / März fertig gebucht, sehr gut. Oh, und Ende Februar hat er keine Daten gekriegt, weil NRW gelähmt ist vom Karneval. Das ist nicht gut. Schrecklicher Karneval! Fünf Jahre habe ich in Köln gelebt und gelitten unter diesem Fest. Beim ersten Mal habe ich sogar mitgefeiert und fand es lustig – noch ganz die naive Touristensicht aufs Geschehen. Ist doch sympathisch, dachte ich, ein paar Tage im Jahr schon morgens betrunken und schwul angemalt. Und ab Aschermittwoch ist dann wieder Ruhe bis zur nächsten Weiberfastnacht. Aber so ist es ja leider nicht. Karneval ist für die Kölner kein zeitlich begrenztes Ereignis, sondern das Zentrum ihres Denkens, eine alles bestimmende fixe Idee, wie der Abschlußball für junge Amerikaner, der stinkende Stockfisch für Portugiesen oder die Beschneidung für die westafrikanischen Dowayos. Einmal wurde im August – also ein halbes Jahr vor Karneval – bekannt, dass der Zug im nachfolgenden Jahr nicht, wie gewohnt, von der Süd- in die Nordstadt, sondern von der Nord- in die Südstadt laufen würde (oder umgekehrt?). Die Lokalpresse drehte durch, und jeder Verkäuferin und jedem Taxifahrer hatte man Rede zu stehen, was man davon hielt, dass jetzt der »Zoch anders eröm« zöge. Ich glaube in jenem Spätsommer wurde mir klar: Ich muss die Stadt verlassen. Und jetzt, fünf Jahre später, holte mich Karneval wieder ein, und schlug ein dummes, teures (jeder Off- Day kostet Wagenmiete und Logis) Loch in meine Tour. Deren Sabotage fing allerdings schon am Abend zuvor an. Schauplatz war der »Privat Club«, eine Art Party keller unter der gutbürgerlichen Kreuzberger Gaststätte »Markthalle«, sozusagen dessen verdrängtes Unbewusstes. Auch Chris Imler war da, den Älteren, die noch in der »Galerie Berlin Tokyo« zu verkehren das Glück hatten, bekannt als Schlagzeuger der legendären »Golden Showers« – mir vor allem bekannt als mein eigener Schlagzeuger. Er sah blendend aus im Schein der an die Wand des »Privat Club« geworfenen Mangas, ein Mann auf der Höhe seines Styles. Er brach die Modesprache des Rock, die er noch aus seiner Jugend in den 70ern fließend beherrschte, so gekonnt und behutsam mit Schnittmustern des Hip Hop und New Wave sowie mit fernöstlichen Accessoires, dass seinen Assembles trotz ihrer Eklektik die selbstverständliche Eleganz von Klassikern eigen war. Zusätzlich gaben ihm sein dünner, rabenschwarzer Schnurrbart und seine dunklen, durchtrieben funkelnden Augen das märchenhaft zeitlose Aussehen eines Zauberers. Wir küssten uns. Wir fragten: »Wie geht’s?«, und wir fragten »Und dir?«, und als ich ihn fragte, ob er die Termine für die Tour gekriegt hätte, wusste ich, dass was nicht stimmt, denn Chris machte das Gesicht, von dem er, glaube ich, dachte, dass man ihm, wenn er es machte »einfach nichts übel nehmen« könne. Und leider hatte er damit etwas Recht. Er rückte raus: »Jens, ich weiß, dieser Gig in Lüdenscheid ist dir wichtig, weil es deine Heimatstadt ist, Nostalgie und so. Aber als ich sagte, ich kann da, habe ich vergessen, dass ich da dieses Benefiz organisiere, weißt du, wo der ganze Erlös dem Staat gespendet wird. Ach ja, und am Tag danach, wo du, also eigentlich wir …, also wo das Hamburg-Konzert sein soll, da spiele ich schon in einem Musical mit. Als Wurst verkleidet.« Ich dachte nach. Nicht darüber, wie ich ihn von all dem Anderen, das mit mir konkurrierte, abbringen konnte – die Schlacht gab ich fürs Erste verloren – sondern darüber, wie man das, was ich als Chris Imlers Basisdilemma begriff, lösen könnte. Schließlich richtete ich diese Worte an ihn: »Chris, du bist ein sehr beliebter Mann. Alle wollen was von dir, deine Ideen, deine Schlagzeugkunst, den Duft deiner Haut. Und du, du kannst niemandem nein sagen. So entstehen nicht nur Konflikte zwischen den Versprechen, die du anderen gibst. Vor allem für dich selbst fehlt dir Zeit und – ich weiß nicht, ob es dir selbst schon aufgefallen ist – Geld. Nun meine Idee: Statt einer normalen Nummer lässt du dir eine 0190-Nummer geben, sodass jeder, der mit dir sprechen will, automatisch an dich zahlt. So werden die weniger wichtigen Anliegen ausgesiebt, was dir etwas mehr Ruhe verschafft, und die, die sich nicht abschütteln lassen, sanieren dein Leben.« Kurz dachte ich, ich hätte eine gute Idee. Doch dann legte der DJ Sigue Sigue Sputnik auf, und ich wußte wieder, wie sich wirklich gute Ideen anhören. Au, Mann, »Love Missile F 1-11«. Die Geburtsstunde des Punk. Kam mir 86 zumindest so vor. Ach, noch mal 10 sein und alles machen können! |
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