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Kraft der Melone
Von Carola Veit
 
Auszug aus „Kraft der Melone“

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Zwischen dem 29. September 1936 und dem 2. April 1937 bereiste Samuel Beckett Deutschland. Seine Schriftstellerei war nur sehr zögerlich vorangekommen. „Dream of Fair to Middling Women“ war an der irischen Zensur gescheitert. Umgearbeitet zu einer Sammlung von Erzählungen war der Band 1934 in London unter dem Titel „More Pricks than Kicks“ erschienen. 1935 hatte Beckett in London während einer zweijährigen Psychoanalyse seinen dritten Roman, „Murphy“, angefangen. Gegenüber Thomas MacGreevy beklagte er sich ständig über Leere im Kopf: „I have done next to no work on Murphy, all the sense + impulse seem to have collapsed.“ Kurz vor seiner Deutschlandreise stellte er den Roman fertig. Die Mutter forderte weiter berufliches Engagement. Erneut versuchte Beckett den 'Absprung'. Schon seit mehreren Jahren spielte er mit dem Gedanken, ins Ausland zu gehen. Eigentlich hatte er Spanien im Auge, doch der beginnende Bürgerkrieg machte diesen Plan zunichte. Und so fuhr Beckett nach Deutschland, das er aus den späten 1920er Jahren kannte, als er mehrmals seine Verwandten in Kassel besucht hatte. Seither hatte sich Deutschland allerdings stark verändert. Die Reise wurde zu einer Enttäuschung. Beckett litt unter diversen Krankheiten, der Winter setzte ihm zu, und die nationalsozialistische Kulturpolitik legte der Kunstszene zunehmend Beschränkungen auf. Die während der Reise geführten, bis auf den Hamburg-Teil unveröffentlichten Tagebücher Becketts umfassen sechs Notizhefte, eng beschrieben mit persönlichen Beobachtungen, Notizen zu Begegnungen und Hunderten von Gemälden, die er in Museen angesehen hat, einigen Konzerten, wenigen Theateraufführungen und sechzehn Spielfilmen. Bei der Filmauswahl ist er keinen bestimmten Kriterien gefolgt, nur dem, dass er ausschließlich aktuelle Filme angesehen hat, deren Uraufführung in Deutschland höchstens ein halbes Jahr zurücklag. Wie bei seinen Romanlektüren hat er querbeet alles zur Kenntnis genommen, was sich bot oder ihm empfohlen wurde. Becketts Kinoprogramm zeigt dabei einen repräsentativen Querschnitt durch das alltägliche Filmangebot von 1936/37: Neben deutschen sah er amerikanische und österreichische Filme, Komödien, Schwänke, Liebesfilme, verdeckte und offene Propaganda.
Beckett war zu einer Zeit in Deutschland, als nach den hochgesteckten Anfängen ab 1933 von der nationalsozialistischen Filmpolitik erste Bilanzen und Konsequenzen gezogen wurden. Das Lichtspielgesetz vom 16. Februar 1934 hatte eine „Säuberung“ des deutschen Filmwesens und die „Volksbildung“ im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie festgelegt. Ab Juni 1935 unterstand der Film Goebbels' persönlicher Zensur. Bis 1936/37 rutschten die Produktionsfirmen in eine wirtschaftliche Krise, weil der Export massiv gesunken war. Am 27. November 1936 erließ Goebbels das Verbot der „Kunstkritik“ und ersetzte sie durch reine „Kunstberichterstattung“. In den Beiträgen von „Film-Kurier“ und „Lichtbild-Bühne“ spiegelt sich diese Restriktion unmittelbar wider. 1937 trat die Verstaatlichung der großen Filmkonzerne Ufa, Tobis und Bavaria in eine entscheidende Phase. Erst mit Kriegsbeginn griff dann die Maschinerie von Zensur und Propaganda in vollem Ausmaß.
(...)