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| Fliegeralarm | |
| Von Gisela Elsner | |
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| Meine Mutter brauchte uns nicht zu wecken. Das Schrillen der Sirenen hatte uns bereits aus dem Schlaf geschreckt. Als sie in ihrer grauen Persianerjacke, die sie über ihrem zerknitterten, zerschlissenen hellblauen Nachthemd trug, mit hochhackigen goldenen Stöckelschuhen und mit häßlichen schwärzlichen Lockenwicklern in unser Kinderzimmer stürzte, saßen wir schon HART WIE KRUPPSTAHL, ZÄH WIE LEDER und jederzeit bereit, für unseren Führer Adolf Hitler zu sterben, in unseren Kinderbetten. Fliegeralarm, sagte mit einer trotz seiner Schläfrigkeit unüberhörbaren Begeisterung mein Bruder Kicki, dem meine Mutter, deren hartnäckige Weigerung, für die WINTERHILFE Socken zu stricken, uns Kinder in Verlegenheit brachte, jetzt jene von ihr selbst gestrickten, bräunlichen Wollstrümpfe über die zappelnden Füße zog. So halt gefälligst still, ermahnte sie ihn. Ich will keine Strümpfe anziehen: Sie kratzen, protestierte Kicki, der jeden Abend vor dem Zubettgehen eine mit einem pechschwarzen Hakenkreuz verzierte, blutrote Schachtel, in der sich naturgetreue Miniaturnachbildungen unserer deutschen Wehrmacht mitsamt einer naturgetreuen Miniaturnachbildung unseres Führers befanden, nur damit dieser Schachtel, während er schlief, nichts passierte, unter seinem Kopfkissen zu verbergen pflegte. Im Luftschutzraum ist es kalt, erwiderte meine Mutter, ohne sich durch den Protest meines Bruders irritieren zu lassen, der jetzt die blutrote Schachtel mit dem pechschwarzen Hakenkreuz unter seinem Kopfkissen hervorzog. Noch immer schrillten die Sirenen. Obwohl dieses Schrillen unheimlich klang, entfachte es in mir, HART WIE KRUPPSTAHL, ZÄH WIE LEDER und jederzeit bereit, für unseren Führer zu sterben, wie ich es, bedingt durch die Einsicht, war, daß ich mit fünfeinhalb Jahren lange genug gelebt hatte, um mein Leben für mein Vaterland zu opfern, keine Furcht. Vielmehr rief das Schrillen der Sirenen bei mir eine unbändige Sensationslust hervor. Bombenangriffe, bei denen die Detonation jeder Bombe uns Kindern das zu bescheren verhieß, was wir als Geschenke aus dem Himmel zu betrachten pflegten, zählten zu den denkwürdigsten Ereignissen meines Lebens. Während auf den weihnachtlichen Gabentischen von Jahr zu Jahr kläglichere und für uns zudem völlig unbrauchbare Geschenke des Christkinds, an das wir dank der Enthüllungen meiner Freundin Gaby Glotterthal längst nicht mehr glaubten, dergestalt ausgebreitet lagen, daß die Lücken zwischen den Geschenken auffälliger waren als die Geschenke, erwiesen sich die Bombentrichter, in denen wir ZÄH WIE LEDER auf der Suche nach jenen metallen schimmernden Bombensplittern allen Verboten und Drohungen unserer Eltern zum Trotz, unermüdlich herumkrochen, sowie die Ruinen, in die wir nach dem für uns als nur wünschenswert erachteten Tod der verschütteten ehemaligen Besitzer einzogen, und nicht zuletzt die Trümmerhaufen, die die Bewohner der GAGFA-Siedlung, in der sich die Siedlungshaushälfte meiner Eltern befand, nach jedem Bombenangriff zu unserem Entzücken jammernd und wehklagend zusammentrugen, als wahre Fundgruben für uns Kinder. Für uns gab es nichts Großartigeres als diesen Weltkrieg, der unsere Eltern in Angst und Schrecken versetzte, aber uns Kinder zu den Besitzern von Ruinen machte, der uns Kindern dank der Trümmerhaufen zu Schätzen verhalf, die unsere jammernden und wehklagenden Eltern uns nicht zu bieten hatten, der uns Kindern vor allem jene märchenhaften Bombentrichter bescherte, die wir, in Schutt und Asche herumwühlend, in Schmutz und Dreck herumbuddelnd, nach jenen Bombensplittern durchsuchten, die unter den Kindern in der GAGFA-Siedlung als die einzig gültige Währung galten, eine krisenfeste Währung, mit der wir Gebühren für Ruinenbesichtigungen erstatteten, eine krisenfeste Währung, mit der wir die geforderten Preise für Dinge bezahlten, deren Besitz wir ohne Bombensplitter niemals erlangt hätten, eine krisenfeste Währung, mit der wir Privilegien erwarben, die uns zu den Herren der GAGFA-Siedlung machten. Geradezu besessen sammelte ich diese metallenen schimmernden Bombensplitter, mit denen sich weitaus mehr erwerben ließ, als mit dem Geld in den Geldbörsen unserer Eltern. Mittlerweile besaß ich, weil ich diese Bombensplitter ZÄH WIE LEDER gesammelt hatte, fast genau so viele Bombensplitter wie der Sohn des Lebensmittelladeninhabers Wätz, vor dessen Ladentür unsere Mütter, in Sechserreihen geordnet, zu unserem Glück stundenlang Schlange stehen mußten, so daß wir Kinder genügend Zeit hatten, alles zu tun, was uns strengstens verboten war. Während der Abwesenheit meiner Mutter hatte ich dem Sohn des Lebensmittelladeninhabers Wätz: nämlich Wolfgang Wätz, der sich selbst zum SS-Oberscharführer ernannt hatte, dessen Befehle nicht weniger als fünf minderjährige, aber ungemein militante SS-Männer befolgten, die an seiner Stelle für ihn beispielsweise Bombensplitter suchten, in aller Förmlichkeit mein Jawort gegeben. Seither galt unter den Kindern in der GAGFA-Siedlung der Sohn des Lebensmittelladeninhabers Wätz: nämlich der SS-Oberscharführer Wolfgang Wätz, der die Absicht hatte, nach dem Tode unseres Führers unser Führer zu werden, als mein MANN. Ich hingegen galt als die FRAU des SS-Oberscharführers Wolfgang Wätz, der es nach meinem Dafürhalten schon als Fünfeinhalbjähriger weiter gebracht hatte als mein Vater, der lediglich der wissenschaftliche Leiter einer Blitzanlage in einem DIEMENS-Werk war, in dem Transformatoren hergestellt wurden, die, den Äußerungen meines Bruders Kicki zufolge, weil sie von der deutschen Wehrmacht nicht gebraucht wurden, völlig überflüssig waren. Als die FRAU eines SS-Oberscharführers wurde ich nicht allein von allen Mädchen beneidet, die nur die FRAUEN von SA-Männern, Feldwebeln oder bestenfalls von Oberoffizieren waren. Als die FRAU meines MANNES, der kein Hehl daraus machte, daß er beabsichtigte, nach dem Tode unseres Führers als unser Führer all jenen Ländern, denen unser Führer Adolf Hitler aus uns unbegreiflichen Gründen nicht den Krieg erklärt hatte, auch noch den Krieg zu erklären, genoß ich ein Prestige, mit dem ich meiner Mutter, die nur die Frau eines von mir und meinem Bruder als feigen Zivilisten bezeichneten Mannes war, den wir zu unserem Leidwesen unseren Vater nennen mußten, längst den Rang abgelaufen hatte. Oft genug machten ich und mein Bruder Kicki, der so wie ich keine arischen blauen, sondern grüne Augen und keine arischen blonden, sondern immer dunkelbrauner werdende Haare hatte, uns Gedanken wegen der ERBMASSE, die uns von unserer Mutter, die zwar zum Glück HEIL HITLER sagte, sich jedoch weigerte, für die WINTERHILFE Socken zu stricken, und von unserem Vater, diesem feigen Zivilisten und Vaterlandsverräter, aufgebürdet worden war, der statt in den Schützengräben an der Ostfront für den ENDSIEG unseres Führers zu kämpfen, nicht nur in seinem Ohrensessel im warmen Wohnzimmer vor dem Rundfunkempfänger saß, sondern jedesmal, wenn schwere Verluste der deutschen Wehrmacht an der Ostfront gemeldet wurden, ausrief: ICH HABE ES VON VORNHEREIN GEWUSST, DASS DIESER KRIEG NICHT ZU GEWINNEN WAR, ohne zu ahnen, daß er sich hiermit zu unserem Todfeind machte. Eben wegen dieser fragwürdigen ERBMASSE unserer Eltern, die uns oft genug aus dem Wohnzimmer schickten, damit wir nicht hören konnten, was meinem Vater durch eine Herumhantiererei am Rundfunkempfänger zu Ohren kam, mußten Kicki und ich, nach meinem Dafürhalten weitaus tapferer, weitaus todesverächtlicher und weitaus arischer als die Kinder sein, die ihre ERBMASSE nicht wie Kicki und ich restlos in sich auszumerzen trachteten. (...) |
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