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Vernetzt
Von Krystian Woznicki (Hg.)
 
Einleitung

Erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem Sie Ihren ersten PC kauften? Daran, wie Sie Ihre erste Email-Adresse einrichteten und den ersten Absturz Ihres Betriebsystems hinnehmen mussten? Oder daran, wie Sie von der Technikeuphorie und dem Internet-Hype eingenommen wurden und das erste Mal über den Alltag des Vernetztseins nachgedacht haben?
Ich selbst erlebte all dies im Tokio der 1990er, wo Technikkonzerne avantgardistische Museen und intellektuelle Zeitschriften gründeten, wo ganze Stadtteile für den Verkauf neuster Elektronikware abgestellt waren und wo Science Fiction-Filme über den komplett verkabelten Menschen kaum Strahlkraft entfalten konnten, weil der digitalisierte Alltag schon futuristisch genug war. Wo ich mit Netzaktivisten und Medienkünstlern zusammenzuarbeiten begann und am eigenen Leib erfuhr, was es bedeutet, emailsüchtig zu werden, aber auch, wie schön es ist, Menschen vom anderen Ende der Welt im Netz kennenzulernen.
Danach – in Deutschland feierte man gerade den Regierungswechsel zu Rot-Grün – zog ich nach Berlin und begann damit, gemeinsam mit Freunden die Berliner Gazette aufzubauen. Einmal pro Woche schrieb ich eine Kolumne, die ich, um drei kommentierte Veranstaltungshinweise und einem Postskriptum zu Themen aus der Netzwelt ergänzt, per Email an Abonnenten verschickte. Das Ganze verstand sich als Initiative, die den Kulturbetrieb mit den publizistischen Mitteln des Internets aufmischen wollte.
Das Projekt hatte allerdings auch eine persönliche Dimension: Mit diesem Vorhaben erschloss sich mir mein neues Umfeld, auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Ich begegnete einer Vielzahl von Leserinnen- und Leser-Ichs, ganz direkt, persönlich und unmittelbar. Menschen schrieben mir zurück, übten Kritik, sprachen Lob aus, gaben Anregungen, machten Vorschläge. Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka bemerkte diesbezüglich: „Im Medium der E-Mail scheint noch ein Stück Intimität zwischen Autor und Leser bewahrt zu sein, das in der öffentlichen Zeitung verloren geht.“ Dies war der Nährboden, auf dem sich in der Berliner Gazette ein persönliches Schreibformat entfalten und auf dem das „Ich“-Sagen zu einer privilegierten Ausdrucksform werden konnte – einerseits in Abgrenzung zum klassischen Feuilleton, in dem allzu oft „Wir“ gesagt wird, andererseits in Abgrenzung zu den Stereotypen, auf die das „Ich“-Sagen reduziert wird: Wer „ich“ sagt, muss befürchten, unwissenschaftlich zu wirken, dem Ego-Kult aufzusitzen oder Befindlichkeitsprosa zu fabrizieren.
Porombka schrieb seine Zeilen – das erste Jahr der Berliner Gazette resümierend – in einer Phase des Übergangs. In den ersten Monaten hatte ich alle Beiträge selbst verfasst, nun kamen auch andere „Ichs“ zu Wort, aus den Reihen der entstehenden Redaktion sowie den Lesern und Leserinnen der Berliner Gazette. Bald verlegte sich die Redaktion darauf, Rahmenbedingungen für die Beiträge zu schaffen und Befragungen durchzuführen, und zwar mit Künstlern, Programmierern, Philosophen, Musikern, Designern, Firmengründern, Regisseuren, Medienmachern, Schriftstellern, Forschern sowie Architekten, Kuratoren und Gastronomen zu jeweils wechselnden Schwerpunkten: Do-It-Yourself, Arbeit, Identität, Europa, Sprache, Zeit, Gemeinschaft, Wasser – um nur die wichtigsten zu nennen. Die Befragungen wurden per Email durchgeführt. Am Ende blieben nur die Antworten stehen, so ergab sich das Protokoll. Dabei stand (und steht) es dem Interviewpartner frei, die Fragen der Redaktion als Ausgangspunkt für eine Antwort zu nutzen oder die Fragen der Reihe nach zu beantworten und bei dieser Variante die Fragen in die Antworten aufzunehmen, wie auch bei Fernsehinterviews üblich. Mehr als 500 Texte entstanden auf diese Weise. Es ist klar, dass man die Positionen und Fragen, die in all diesen Beiträgen aufgeworfen worden sind, nicht angemessen zusammenfassen kann. Es ist klar, dass man bei einer Zwischenbilanz auf einen bestimmten Aspekt fokussieren muss. Allerdings ist diese Beschränkung auch eine einmalige Chance – eine Chance, welche ein Buch wie dieses bietet. Nach zehn Jahren Dauerproduktion kann nun ein besonderes Motiv herausgestellt werden: das vernetzte Ich.
Für die hier versammelten Protokolle könnte fast gelten, was Michel Houellebecq in zwei Verszeilen verdichtet: „Ich kenne die Modalitäten des Lebens, weiß, es ist vernetzt/ Wie ein Fragebogen mit angekreuzten Feldern.“ Nur, dass unseren Befragungen nicht Fragebögen zu Grunde lagen, sondern Interviewfragen, und dass die Befragten nicht mit Kreuzen antworteten, sondern mit Sätzen, in denen sie die Modalitäten ihres Lebens reflektierten. Die Modalitäten eines Lebens, in welchem das Vernetztsein absolut normal geworden war. So normal, dass man es kaum noch bemerkte – gerade im Vergleich zu den 1990er Jahren, in denen das Internet noch als Spektakel wahrgenommen wurden.
Zur Jahrhundertwende hatte es allerdings den Anschein, als sei alles wie selbstverständlich miteinander vernetzt (die Boris Becker-Kampagne „Ich bin drin!“ ließ keine Zweifel daran) und als müsse man fortan nur noch darauf achten, sich möglichst stilvoll einzuspinnen. Mit den Sprüchen des Ex-Tennisprofis und den Sinn-Botschaften von Möbelkonzernen („Wohnst Du noch – oder lebst Du schon?“) bekam das vernetzte Zuhause einen neuen Stellenwert. Die Privatsphäre bot Schutz. Das große Versprechen: Netzwärme. Schon bald wurde sie jedoch nicht nur drinnen in Aussicht gestellt, sondern auch draußen in der immer engmaschiger verkabelten Welt. Lockrufe der Werber wie etwa „Go, spin the globe!” lieferten die Begleitmusik.
In einer jüngeren Werbekampagne rückte einer der größten Mobilfunknetzbetreiber in Deutschland Telefonkritzeleien ins Blickfeld, so genannte „Doodles“, die entstehen, „wenn Menschen am Telefon sind, im Gespräch versinken, entspannt sind und an alles denken, nur nicht an Fremdnetzkosten oder Gesprächsminuten“. Die Kampagne sollte die Unbeschwertheit und Selbstverständlichkeit des Vernetztseins unterstreichen. Gleichzeitig drängte sie mit ihrer Werbebotschaft „Damit Sie beim Telefonieren nicht ans Telefonieren denken“ die Frage auf: Habe ich inzwischen vergessen über das Vernetztsein nachzudenken oder ist das Ungedachte ohnehin schon immer präsent, etwa in den besagten Doodles?
Insofern könnten auch die hier versammelten Beiträge als schriftliche Doodles des vernetzten Daseins gelten: Texte, die entstehen, wenn Menschen online sind und dabei die politischen, ökonomischen, psychischen und sozialen Bedeutungen dieser Prozesse weitgehend vergessen. Doch vielleicht reflektieren die Beiträge gerade daher die existenziellen Grundbedingungen der gegenwärtigen Globalisierungsphase. Die Leserinnen und Leser dieses Buchs müssen selbst entscheiden, was hier der Fall ist.

Krystian Woznicki, Berlin, April, 2009




Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

I
„Ich bin drin!“

Krystian Woznicki
Gläsern sein. Ich weiß weder, wo sich mein Körper, noch, wo sich die Realität befindet

Penelope Grabowski
17 Stunden Webdesign. Einige Dinge kann man messen, um sie zu werten, andere muss man erfahren

Andreas Broeckmann
www.berlin.diy. Damit aus passiven Nutzern aktive Produzenten werden

Krystian Woznicki
Guide my Fire. Wie wir uns selbst sehen

Ulrike Rogler
Bad Religion. Warum ich manchmal die Engel singen höre

Ada01 alias Anne Schreiber
Live bei Giga TV! Welcome to the real world

Florian Kosak
Der letzte Rave. Die Börse als Ersatz-Demokratie

Olaf Arndt
Die Reise ins Ich. Unsichtbare Wirtschaftskriege werden im Körper ausgetragen

Andreas Busche
Identities in the Stream. Wie ich zum Kenny wurde

Krystian Woznicki
Ego-Shooter. Nenn mich Hitler, Amerika oder einfach nur Gott

Florian Stötzer alias Shikan Bushi
Im Banne des Clans. Vernetzter Teamgeist und das Computerspiel „Counterstrike“

Anne Schreiber
Ich bin ein Medium. Aus dem Leben eines interaktiven Mini-Feuilletons

II
„Wohnst Du noch – oder lebst Du schon?“

Magdalena Taube
Meine Fernbeziehung. Warum ich eine Krankenschwester werden möchte

Volker Ludwig
Cut it out. Wie hätten Sie es gerne?

Magdalena Taube
Was gibt es zu sagen? Eine Antwort, der keine Frage zuvorkommt

Imran Ayata
Ich brauch nen Deutschkurs. Sprache und Integration im Land von Johann Wolfgang von Kohl

Lena Domröse
Im Dschungel. Alle wollen mein Geld

III
„Go, spin the globe!”

Christopher Kaatz
Die Nacht von Berlin. Es sollte alles zugebombt werden, kein Millimeter frei bleiben

Paul Thérésin
Rhymen ohne Bücher. Rapjugend zwischen Martinique, Frankreich und Deutschland

Aletta Rochau
Auch Du hast Feuer. Kulturbrückenbau der anderen Art

Hok Dany
Mahlzeit in Übersee. Wie ich Kulturaustausch zwischen Kambodscha und Deutschland praktiziere

Samy
Der lange Weg nach Mitte. Als ich eines Tages aufwachte, waren minderjährige Ego-Shooter an der Macht

Christopher Kaatz
Verschenkte Zeit. Die Arbeitswelt aus einem negativen Blickwinkel

Klaas Glenewinkel
Boom in Bagdad. Der Sommer geht, Bagdad sucht den Superstar

Suzana Sucic
Bella Italia? Ornela Muti zum Selbermachen

Oliver Schmitz
Produktivkraft des Fehlers. Deutsch zwischen Kapstadt-Kölsch und Türkisch für Anfänger

Rainer Ganahl
Das viagraische Vorspiel. Drei Monate, drei Tage die Woche, drei Stunden pro Tag

Tomoyuki Sugimoto
Japanische Netzwerkschule. Internetradio, Google als Wörterbuch und ein „Ich lerne Deutsch“-Blog

Renato Ornelas
Chinesisch, Japanisch – alles das Gleiche. „Combat!“ in spanischer Synchronisation, Bier brauen in Mexiko und ein Tourist namens Volker

Fran Ilich
Zeit für eine Welt. Postkarte aus Mexiko Stadt

IV
„Woran denken Sie, wenn Sie telefonieren?“

Olaf Arndt
Irgendwann macht’s 'ping'. Der Puls des Künstlers schlägt unentspannt

Franz Xaver Baier
Im Cockpit der Wahrnehmung. Über das Glück persönlicher Welträume

Kolja Mensing
Zum Stillstand kommen. Zwei Seiten für ein ganzes Leben

Dirk Dresselhaus
Musik ist weder Zeit noch Geld. Wie die Mayas dem Zeitdruck beikamen

Yoko Tawada
Vernetzte Gegenwart. Schreiben, einfach weiter schreiben

Marcus Steinweg
Alles überstürzen. Philosophie ist Selbstbeschleunigung

Joseph Vogl
Lackmustest für Subjektreserven. Zur Sabotage von Aktionsautomatismen

Kolja Mensing
Literaturmasochismus. Fluchtlinien aus dem Generationen-Gefängnis

Helgard Haug
Gemeinsam durchmachen. Im Großraumwagen eines ICEs

Catrin Kersten
Kakao im Kopf. Wenn das Gemeinsame überfließt

David Grubbs
Uncoole Leidenschaften. Ein Maximum an Beweglichkeit

Stefan Heidenreich
Von Marx bis YouTube. Gemeinsamkeit ist nicht immer die richtige Antwort

Jan Rohlf
Höhlen für alle. Berlin muss über die Zukunft der freien Szene nachdenken

Jean-Luc Nancy
Das liegende Auge. Oberfläche, Öffnung und Bewegung des Wassers

Joerg Offer
Die Segel setzen. Warum ich der Störtebecker des Internets bin

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