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Chinageschichten
Von Susanne Messmer
 
"Meine Mutter hat mein ganzes Leben zerstört"

Als Frau Zhang fünfzehn war, zwang sie ihre Mutter und Stiefmutter, einen Mann zu heiraten, der vierundzwanzig Jahre älter war. Obwohl sie mit ihm zusammen geblieben ist und sechs Kinder mit ihm bekommen hat, hat sie ihn nie geliebt.

Zhang Lingru (*1930) lebt in einem Altenheim im Süden Pekings, zehn Taximinuten vom berühmten Bankenviertel der Stadt entfernt. Gleich um die Ecke entsteht gerade eine kitschige Einkaufsstraße im historischen Stil mit geschwungenen Pagodendächern und geschnitzten Balkonen an den Häusern, in der sich alles um Tee drehen wird. Noch aber wirkt die Gegend, obwohl mitten in der Hauptstadt, so öde und verlassen wie eine Totenstadt. Peking ist eine Millionenmetropole, die schneller und unkontrollierter wächst als die meisten andern auf der Welt, doch auch in zentral gelegenen Stadtteilen befinden sich oft noch Reste eines ehemaligen Speckgürtels. So entstehen auch in dieser Gegend Verwerfungen: Direkt hinter einer Baustelle tun sich riesige Brachflächen und Maisfelder auf, ein staubiger Feldweg führt zu einem großen Eisengatter und Wang Yan, die Besitzerin des "JiaDe Aged Apartments" (Jia de Laonian Gongyu), öffnet uns und heißt uns freundlich willkommen. Sie ist die Tante einer Bekannten und hält unser Projekt, die Erinnerungen alter Leute zu bewahren, für wertvoll in einem Land, das derzeit vor allem in die Zukunft blickt. Bevor sie uns zu unserer Gesprächspartnerin Zhang Lingru führt, zeigt uns die Besitzerin des Altenheims stolz die Gemüsebeete und Hühnerställe ihres Hauses. Sie kann es nur mithilfe von Selbstversorgung über Wasser halten, denn der Aufenthalt hier kostet nur hundertfünfzig Euro im Monat, staatliche Zuschüsse gibt es keine. Inmitten eines Kürbisfelds, im Schatten einer Laube, sitzt Zhang Lingru mit vier alten Männern auf niedrigen Holzbänken um einen Tisch und pokert mit ihnen. Sie hat ein vielversprechendes Blatt und lässt sich nur mit gutem Zureden davon überzeugen, das Spiel aufzugeben und an diesem schönen Tag ins Haus zu gehen. Schließlich lässt sie die Männer aber doch allein weiterspielen, greift sich einen elegant geschnitzten Gehstock und geht gemächlich voran. Wir bewegen uns langsam ins klimatisierte Büro des Altenheims. Es ist mit einem polierten Steinfußboden ausgestattet, einem massiven Holztisch und dunklen Holzstühlen im alten, chinesischen Stil. Die Besitzerin des Altenheims schenkt allen Beteiligten köstlichen, chinesischen Tee ein. Frau Zhang zeigt sich hochinteressiert an unserem Projekt. Sie findet es spontan sinnvoll, Erinnerungen zu bewahren und auch "einfache Leute" wie sie zu befragen. Während sich andere Gesprächspartner aus der unteren Gesellschaftsschicht oft zieren, über sich zu sprechen und der Meinung sind, ihr Leben sei nicht interessant genug für Leser aus dem Westen, beginnt Zhang Jie ohne Umschweife zu erzählen. Dabei wirkt ihr zerfurchtes Gesicht konzentriert. Sie blickt oft in die Ferne, als würde sie die Vergangenheit in die Gegenwart holen wollen. Obwohl sie kaum Schönes zu berichten hat, lacht sie während dieses Gespräches und der Gespräche, die folgen werden, gern und oft.


"Ich bin in Peking geboren. Mein Vater besaß einen Laden für Sänften, den er von seinem Onkel geerbt hatte. Mein Onkel mochte meinen Vater, er war ein großer, gutaussehender und fähiger Mann. Wir hatten drei oder vier Sänften, die wir vermieteten. Es gab sie in zwei Farben: grün und rot. Sänften waren in dieser Zeit etwas ganz Besonderes. Wie heute moderne Autos. Die Leute mieteten sie, um die Braut bei den Eltern abzuholen und zur Familie des Bräutigams zu bringen. Das Geschäft meines Vaters hieß Xinsheng Sänftenladen. Ich war oft in diesem Laden, um dort zu spielen. Später ist der Laden umgezogen, direkt in die Gasse, in der wir lebten. Diesen neuen Laden hatte uns eine alte Bekannte meiner Mutter vermittelt, sie hieß Shuyi. Dann zog meine Familie sogar in eines der Hofhäuser, das Shuyi besaß, wir wurden Nachbarn. Shuyis Ehemann war krank. Er hatte Tuberkulose. Früher war das noch unheilbar. Trotzdem bat Shuyi meinen Vater oft, sie und ihren Mann zu besuchen. Und meist kam mein Vater dann für einige Nächte nicht nach Hause. Später erfuhr meine Mutter, dass Shuyi meinen Vater dazu verführt hatte, Drogen zu nehmen. Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Sie hatten sich einen Teetisch ins Bett gestellt und saßen links und rechts von diesem Tisch, rauchten Opium und plauderten stundenlang. Meine Mutter war darüber unglücklich. Wir mussten bald wieder umziehen. Doch mein Vater blieb weiterhin oft weg und kam nachts nicht nach Hause. Wir wussten, dass er Shuyi immer noch traf. Ich war sehr jung. Erst sechs oder sieben. Meine Mutter schickte mich trotzdem, um meinen Vater zu holen. Sie sagte meinem Vater, dass sie sich allein zuhause fürchten würde. Wir hatten zwei große Häuser in einem großen Siheyuan gemietet. Das Sänftengeschäft meines Vaters florierte, wir waren zu dieser Zeit noch eine reiche Familie. Also heuerte mein Vater eine Dienerin an, die auf uns aufpassen sollte. Mein Vater dachte, er hätte damit seine Pflicht getan. Meine Mutter ärgerte das. Trotzdem konnte sie nichts dagegen unternehmen, dass mein Vater so oft nicht heim kam. Das blieb einige Jahre lang so.
Die Familie des Mannes von Shuyi war ebenfalls reich und sie gaben eine Menge Geld aus, um seine Krankheit zu behandeln. Einmal gingen sie sogar mit ihm nach Tianjin, um ihn dort behandeln zu lassen. Und seine Frau, diese Shuyi, sie blieb in Peking zurück. Ihre Schwiegermutter hatte aber Angst, dass Shuyi die Familie verlassen könnte und beschloss bald, nach Peking zurückzukommen. Und schon kurz nach ihrer Rückkehr bot sie Shuyi an, die Familie zu verlassen. Der offizielle Grund war, dass Shuyis Mann nicht mehr lang leben würde. In Wirklichkeit war Shuyi aber schwanger. Es war unmöglich, dass ihr Mann der Vater ihres Kindes war, denn er hatte ja Tuberkulose. Shuyi war immer mit einem anderen Mann zusammen gewesen. Und dieser Mann war mein Vater. Shuyi wurde fortgeschickt, sie konnte nun machen, was sie wollte. Mein Vater fragte meine Mutter, ob er Shuyi zur Zweitfrau nehmen könne. Meine Mutter sagte nein. Sie wollte das nicht. Mein Vater behauptete jedoch, dass er ohne Shuyi nicht mehr leben kann. Er sagte, er würde sich im Fluss ertränken, wenn sie ihm nicht erlauben würde, Shuyi zu heiraten. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er das gesagt hat, doch meine Mutter hat es so erzählt. Damals gab es hinter der Stadtmauer bei Dongzhimen noch einen Graben, und da ist mein Vater dann tatsächlich reingesprungen. Meine Mutter ist ihm an diesem Tag mit einer Rikscha gefolgt und als sie an der Stelle am Graben ankam, sagten ihr die Leute, sie hätten gerade einen Mann aus dem Fluss gezogen und gerettet. Mein Vater war nur von Kopf bis Fuß nass geworden. Meine Mutter sah ihn sich an und wurde ganz ratlos. Sie musste nachgeben. Mein Vater heiratete bald nach diesem Vorfall. Nach der Hochzeit war er die ganze Zeit mit seiner neuen Frau zusammen. Und Shuyi machte viel Ärger. Sie behauptete, meine Mutter wäre faul, würde nie Hausarbeit machen. Sie war nicht unbedingt hübscher als meine Mutter, doch schlauer und listiger. Sie war eine intrigante Person. Sie machte meine Mutter bei den Nachbarn schlecht. Und sie brachte meinen Vater sogar dazu, meine Mutter zu schlagen. Das machte mir furchtbare Angst. Bis heute bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich daran denke. Er zog oft am Haar meiner Mutter und schlug sie brutal. Einmal erschrak ich so, dass ich laut um Hilfe rief. Ich hoffte, die Nachbarn kämen und könnten meinen Vater beruhigen. Aber er kannte kein Mitleid. Er blockierte die Tür mit Tischen und Stühlen. Die Nachbarn konnten nicht zur Tür rein. Später wurde meine Mutter krank von den vielen Schlägen. Ihre Hände und ihr Mund begannen zu zittern. Ihre linke Hand wurde schief. Sie konnte nicht mehr gerichtet werden. Ihr Mund wirkte verzerrt. Sie war da schon fast vierzig. Sie heiratete meinen Vater spät, als sie schon Ende zwanzig war– und sie bekam auch mich ziemlich spät, da war sie schon fast dreißig. Ich war, als das alles passierte, erst sieben oder acht.
Eines Tages verließen meine Mutter und ich meinen Vater. Wir bekamen aber weiterhin Unterhalt von ihm. Er gab uns jeden Tag fünf Mao, damit wir essen und trinken konnten. Das war genug. Meine Mutter konnte sogar Geld zurücklegen, um zum Arzt zu gehen. Nicht weit von uns gab es eine gute Klinik für Akupunktur. Ich begleitete sie jeden Tag dorthin – und jeden Mittag kaufte sie mir auf dem Weg einen Shaobing. Aber auch nach drei Monaten ging es ihr noch nicht besser, die Behandlung schlug nicht an und irgendwann hörte meine Mutter auf, zur Akupunktur zu gehen. Zur selben Zeit bekam die zweite Frau meines Vaters, diese Shuyi, ein Kind, und zwar einen Jungen. Sie nannten den Jungen Sechzig oder Siebzig, ich weiß nicht mehr. Weil mein Großvater sechzig oder siebzig Jahre alt war, als sein Enkel auf die Welt kam. Das war seinerzeit so Sitte. Lustig, oder?"