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Untrüglicher Ortssinn
Von Elfriede Czurda
 
Ein Text aus "Untrüglicher Ortssinn":

DIE VORFAHREN
Sehr früh am Morgen saßen die Vorfahren im Schatten der Weißen Karpaten. Erraten! Sie waren sehr verschlafen & man konnte sie nicht gut sehen in dieser ersten Morgendämmerung.
Der Erzbischof von Olmütz blätterte in den kostbaren Inkunabeln & in der Bank verbuchte der Kommis den gewaltigsten Guldentransfer seit siebzig Jahren.
Die Vorfahren dösten. Sie blinzelten gelegentlich ins helle Licht des Ostens, das grelle, waren noch müde, noch düster, und schlossen wieder die Augen.
Es gab so viele Landvögte damals rund um die Karpaten. Man konnte sich gar nicht wünschen, einen in der Familie zu haben, höchstens er wäre auffallend grausam und zwergenwüchsig gewesen & hätte Liebesromane gelesen.
Vielleicht waren die Vorfahren faul und nicht müde, denn es konnte schon hoher Vormittag sein und sie kamen noch immer nicht zum Vorschein. Nichts im Haus rührte sich, nichts 1812, nichts 1813.
Einen ganz berühmten Mathematiker aus Petersburg haben sie nicht hervorgebracht. Auch keinen Feldvermesser oder Chemielaboranten. Aber Petersburg war so zündend & nachher so schwer zu begreifen. In weißen Nächten gar nicht zu löschen, zu lichten.
In Mähren blühte der Handel. Das Klima war kalt und rauh & die Flüsse kaum schiffbar, nur auf 33 km.
Die Vorfahren waren echt unwissend, wie Vorfahren eben sind. Sie haben mährische Gänse und Hühner und Ziegen und Kälber gezogen. Viel mehr haben sie nicht. Sie haben sie geschlachtet und in den Kochtopf gesteckt. Sie haben ihnen geschmeckt. In Suppen, gedünstet, als Braten, pochiert, als Pasteten, blanchiert, in Salaten.
Die steilen Kirchtürme von Wolframitz, Frainspitz und Misslitz warfen Uhrzeigerschatten über die Wiesen und Felder; es wuchs viel Hahnenfuß, denn es war Frühling.
Eine Ahnfrau war Köchin im Schloss, kein Wunder! Sie konnte keine Geige, kein Klavier, kein Spitzenklöppeln, keinen Spitzentanz, kein Französisch und keine Konversation.
Aber sie konnte mit Knoblauch würzen und mit Koriander, mit Kümmel und Rosmarien und Thymian, mit Kerbel und Safran. Sie setzte verlorene Eier und briet falsche Hasen und verstarb in der Röte eines vielversprechenden Anfangs.
Der Fürsterzbischof von Olmütz hat das zweite Frühstück hinter sich, er hat Hähnchenbrust, Gänseleberpastete, ein kleines stück Wadschinken, eingelegte Maronen, eine gestrige Wachtel, zwei ganze große Trüffel & die halbe Rehkeule vom Vorabend gegessen. Auch den Rest Serviettenknödel. Jetzt ist er bereit für die Audienz und den Hirtenbrief.
Die mährischen Ahnen waren immer sehr musikalisch. Vielleicht, weil die Moldau so ausgreifend war. Hier klang eine solche Sehnsucht nach dieser Moldau aus ihnen. Sie sangen die berühmten schwermütig slawischen Gesänge, sie feilten jeden Ton sehr kunstvoll und farbenprächtig aus und ließen ihn schweben.
Die Sonne ging auf und die Sonne ging unter in Wolframitz, und nach dem Hahnenfuß blühten die Pfingstrosen, und nach denen die Astern und danach die Dahlien in den Gemüsegärten vor den Häusern. Die Vorfahren dösten unter Sonnenschirmen, denn ein müder Mensch braucht Schatten & Schutz, wenn er eintritt in den Strudel der Geschichte.
Weil sie träge waren, blieben sie lange kleben im Schatten der Weißen Karpaten. Sie hafteten dort wie Schatten auf der Erde haften. Sie brachten Generationen von dörflichem Chorgestühl und eichene Prunksärge hervor. Der Kaplan brachte die Skizzen, die der Pfarrer machte. & die Vorfahren folgten und sägten und nagelten und hobelten und hämmerten und ruhten. & buhten die Historie aus. Die sie einlud. Aber wozu?
Der Herr Kommis aus dem Bankhaus Österreich-Ungarn hat den letzten Heller des großen Transfers verbucht. Jetzt macht er Pause und isst seine Jause.
Dieses genealogische Tableau ist zeitlich und örtlich begrenzt. Ich kann noch den Großvater zeigen, wie er aus dem Mährischen weggeht und übers Marchfeld in den Westen verschwindet. Es war eine Reise von vielen Tagen, es war Herbst & das Laub gelb und rot. Landete er in der Geschichte oder verschwand er aus ihr?
Diese Frage stellt mir mein so unbestechlich absolutes Gehör. Was ich höre das höre ich. Das schwöre ich.